Liebe Leser:innen,
ich schreibe Ihnen diese flammenden Worte, weil ich wütend und enttäuscht bin, gleichzeitig nicht weiter untätig bleiben möchte. Der Pride Month ist kein Marketing-Monat. Er ist kein Trend, keine saisonale Kampagne und kein Anlass für Regenbogenlogos. Vor gut vier Jahren prangten die Pride Flaggen auf vielen Unternehmen, in 2026 sehen wir immer weniger davon.
In 2022 waren wir als LGBTQIA+ BiPoC Community noch gut genug, dass Marketing Abteilungen ihre Fahnen auf bunt umstellten, um uns in Sicherheit zu wiegen und das Geld aus der Tasche zu ziehen. In den letzten Jahren stieg die Hasskriminalität gegen Menschen der LGBTQIA+ Community und rassistisch-motivierte Gewalttaten deutlich an.
Der Pride Month existiert jedoch, weil Menschen jahrzehntelang für etwas kämpfen mussten. Und vielerorts noch immer kämpfen: für Sichtbarkeit, Sicherheit, Gleichberechtigung und das Recht, das eigene Leben frei und ohne Angst zu führen.
Gerade deshalb ist der Pride Month wichtiger denn je.
Viele Menschen in Europa und Nordamerika haben den Eindruck, die großen Kämpfe seien gewonnen. Die Ehe für alle existiert in zahlreichen Ländern, queere Menschen sind in Medien, Politik und Kultur sichtbarer als früher. Auch die gesellschaftliche Akzeptanz scheint vielerorts selbstverständlich geworden zu sein. Doch ein genauer Blick zeigt ein anderes, weniger optimistisches Bild.
Die Angst zum Opfer eines Anschlags auf unsere demokratischen Grundrechte zu werden, gewinnt wieder an Bedeutung. Gleichzeitig wird sie für den politischen Wahlkampf instrumentalisiert und ins Lächerliche gezogen. Die wenigen Unternehmen, die noch unsere Farben bekennen, stehen deutlich kritischer unter Beschuss, als die stillschweigenden Kollaborateure des neuen Rechtsrucks.
Weltweit sind homosexuelle Handlungen noch immer in zahlreichen Staaten strafbar. In einigen Ländern drohen dafür langjährige Haftstrafen, in manchen immer noch die Todesstrafe. Transgeschlechtliche Menschen erleben in vielen Regionen zunehmende politische Angriffe auf ihre Rechte und ihre gesellschaftliche Teilhabe. Das Selbstbestimmungsgesetz wird auch in Deutschland heftig diskutiert.
Besonders die USA hat in den letzten Jahren einen regelrechten Kampf, gegen die Diversität gestartet. Selbst in demokratischen Gesellschaften nehmen Debatten über Identität, Vielfalt und Gleichberechtigung oft einen schärferen Ton an. Was gestern als Fortschritt galt, wird heute vielerorts wieder infrage gestellt.
Wie normal die Gewalt neuerdings geworden ist…
Auch in Deutschland ist Gleichberechtigung keine Selbstverständlichkeit mehr. Queere Menschen und Menschen mit einer Behinderung berichten weiterhin von Diskriminierung im Alltag, am Arbeitsplatz, in Schulen oder im Gesundheitswesen. Laut aktuellen Erhebungen werden queerfeindliche Straftaten seit Jahren auf einem hohen Niveau registriert, wobei Expert:innen davon ausgehen, dass die Dunkelziffer deutlich höher liegt. Viele Betroffene verzichten aus Angst oder Resignation auf eine Anzeige.
Auch hart erkämpfte Frauenrechte werden durch die konservativen Regierungen, wieder aus der Mitte der Gesellschaft an den Herd zurück verdrängt. Nicht ohne Gegenwind und damit auch harsche Kritik und zahlreiche Petitionen zu provozieren. Besonders die Frauen, zählen zu den wichtigsten Allies, die wir als diverse Community brauchen.

Aber auch sie, haben aktuell nur wenig Kapazitäten und fühlen sich oft hilflos, gegen die alten weißen, cis-hetero Männer, welche gerne die 1950er zurück inszenieren würden. Es kriselt an allen Ecken und Enden. Vor den Toren Europas fallen die Bomben, der Iran sperrt seine Frauen weg und die Männer an der Spitze werden immer wirrer, faschistischer und grausamer.
Der Pride Month erinnert uns daran, dass gesellschaftlicher Fortschritt niemals garantiert ist. Rechte, die einmal erkämpft wurden, bleiben nur bestehen, wenn sie mehrheitlich verteidigt werden. Demokratie, Vielfalt und Menschenrechte sind und waren nie abgeschlossene Projekte. Sie müssen täglich wieder neu mit Leben gefüllt werden.
Warum wir den Schutz für Minderheiten nicht einfach aufgeben dürfen
Dabei geht es nicht nur um die LGBTQIA+-Community. Die Geschichte der Pride-Bewegung ist auch eine Geschichte über Solidarität. Sie erzählt davon, wie Minderheiten für Anerkennung kämpfen und wie Gesellschaften stärker werden, wenn sie Menschen nicht trotz ihrer Unterschiede akzeptieren, sondern gerade wegen ihrer Vielfalt wachsen.
Wer sich für die Rechte queerer Menschen einsetzt, setzt sich letztlich für eine offene Gesellschaft ein, in der niemand aufgrund seiner Identität ausgegrenzt wird.
Der Pride Month ist deshalb mehr als eine große Feier. Er ist eine Demonstration, Erinnerung und Mahnung zugleich. Erinnerung an diejenigen, die unter großem persönlichem Risiko den Weg für spätere Generationen geebnet haben. Und Mahnung, dass Freiheit niemals selbstverständlich ist. Allem voran ist er eine Demonstration der Liebe und des Respekts für die Menschheit, der Diversität und der Gleichberechtigung.
Wir kämpfen für die Demokratie, nicht um eine Party
Vielleicht liegt gerade darin seine größte Bedeutung: Pride macht sichtbar, was oft unsichtbar bleibt. Er gibt Menschen eine Stimme, die noch immer um Anerkennung kämpfen. Er schafft Begegnungen, wo sonst Vorurteile bestehen. Und er erinnert uns daran, dass Respekt, Würde und Gleichberechtigung keine Privilegien sind, sondern grundlegende, demokratische Menschenrechte.
In einer Zeit, in der gesellschaftliche Gräben tiefer zu werden scheinen und Vielfalt zunehmend politisiert wird, ist der Pride Month nicht weniger relevant geworden. Im Gegenteil, er ist wichtiger denn je.
In diesem Sinne: Happy Pride Month!
Herzlichst Ihr,
Alexander Renaldy
Images via unsplash.com



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