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Dernière: Gob Squad’s Kitchen

Gute Schauspiele überzeugen durch das Unerwartete. Das Publikum durfte wohl deshalb über die Bühne und zuerst hinter Kabelsalat die Kulissen blicken.


Untertitel: You’ve Never had It So Good…

Kabelsalat, Instantkaffee, Lines und die Ledercouch, ein Anlick wie aus zahlreichen Berliner WG’s. Wurde hier bereits die wiederkehrende Methodik die Besucher*innen selbst zu Schauspielenden werden zu lassen angedeutet? Beeindruckend ist es als Gast durch den heiligen Raum der Künstler*innen zu wandern auf jeden Fall, bevor das Stück mit einem Mix aus Improvisation, Destrukturierung und Slapstick startete.

Intersektional, Interaktiv & Improvisiert

Im Zentrum stand die Küche Warhols, in welcher die üblichen Ikonen der amerikanischen Lebensmittel zu finden war, natürlich in der deutschen „Gut und Günstig“ Variante. Die Frage wie viel Kunstschaffende in Zeiten einer globalen Krise tatsächlich in ihren Mägen hatte und welche Folgen diese Art der Ernährung für die Gesundheit von Geringverdienenden hat, bleibt hier nur angedeutet.

Live und in Farbe wurde das Spektakel übrigens zum Saal hin in schwarz-weiß auf Leinwand projiziert – wir befanden uns ja schließlich im New York der 1960er Jahre. Während ein Teil des Bildes von einer schlafenden Schauspieler*in geschmückt wurde, starrte von rechts eine*r der Darstellenden direkt ins Publikum. Soweit die Exposition.

Warhol oder War Hole?

Die Motivik der Projektion, ob auf der Filmleinwand oder im wahren Leben, zog sich weiter und bot jede Menge Stoff für weitere Gedankenspiele zum Thema Hedonismus, Gesellschaftskritik und die Glorifizierung einer vermeintlich besseren Welt in früheren Jahrzehnten. Wie ambivalent das Leben zu dieser Zeit war, wurde durch die Symbolik von „Schnitten“ als Versatzelement verdeutlicht. Die Schauspieler*innen starrten zudem direkt in die Augen des Publikums, ohne dabei aber direkt präsent zu sein. Ein Wink mit dem Zaunpfahl an eine Zuschauerschaft deren alltägliche Kommunikation hauptsächlich digital und via Bild-im-Bild Reflexion stattfindet.

Durch die scheinbar unzusammenhängenden Handlungssträngen fand, während der 120 Minuten, eine Auflösung der Grenzen zwischen virtuellem Schlaf und realem Wachzustand statt. Vermutlich mit dem Ziel unsere hypermedialisierte Gesellschaft und den Konsum von Bad News anzukreiden. Aber auch um an die Folgen der Kiege, in den 1960er wie auch vermerht in den letzten Jahren dieses Milleniums an den Pranger zu stellen. Die sichtbaren Fäden über der Filmleinwand hingegen könnten symbolisch betrachtet werden, als etwas an dem wir im Kollektiv ziehen sollten, falls wir einen ernsthaften Wandel anstreben. Wer die Fäden im großen Ganzen zog, blieb zentrales Stilmittel, da sich die Schauspieler*innen im weiteren Verlauf selbst durch die Betrachtenden ersetzten und diese via Headset instruierten. Mehr als Lippenbekenntnisse? Who knows.

Partynap, Pose und Politik

Was zurück bleibt ist die Identifizierung mit alltäglichen Situationen der von der Pandemie aufgedeckten Probleme einer digitalisierten und global vernetzten Gesellschaft in Zeiten sich weiterausbreitender Kriege. Besonders auffällig war die Bildkomposition des Stückes, welche ein Triptychon aus überlappenden Bildausschnitten bildete. Ein Altar der Künste in einer weitestgehend atheistischen Weltanschauung? Fraglich, aber definitiv ein gelungenes stilistisches Mittel eine Leinwand großflächig zu bespielen und kritische Themen anzusprechen.

Den Abschlussakt krönten eine intime Szene zweier weiblich gelesener Schauspielerinnen in Form einer Kuss Szene, sowie die Umkehrung der Vorzeichen aus dem zuvor rezeptierten Theaterstoff im Schnelldurchgang. Das sich selbst auflösende Finale durch den Monolog einer Person of Colour vervollständigte das Werk, welches das auf dem Parkett verbliebenen Publikum belustigt und gedankenschwanger zurück ließ.

Fazit:

Das Stück hat deutlich die verschiedenen thematisch-relevanten Strömungen unserer Gesellschaft aufgegriffen, nicht ohne dabei auch schwere Themen wie Homophobie, Rassimus und andere Manierismen anzuprangern. Was die Thematik und das Œuvre angeht so befindet sich die Veranstaltungsreihe in der Tradition Links-Liberaler Kritik und ist es definitiv wert unterstützt und gesehen zu werden. Bei Ticketpreisen von 17 Euro gehört das Hau1 preislich zumindest bereits zur Spitze, allerdings gibt es auch zahlreiche kostenlose Events und Vergünstigungen, sowie weitere Angebote im HAU4. Begleitet wurde das Stück zudem von einer frei zugänglichen Dauerausstellung in Form einer Videoinstallation, welcher unter dem Titel Gob Squad and Friends | Elephants in Rooms, die Pandemie aus Sicht von Schauspieler*innen abbildet.

Team

Konzept: Gob Squad / Von und mit: Johanna Freiburg, Sean Patten, Berit Stumpf, Sarah Thom, Bastian Trost, Simon Will, Sharon Smith, Nina Tecklenburg, Laura Tonke / Performer:innen Juni 2022: Berit Stumpf, Sarah Thom, Bastian Trost, Simon Will / Video: Miles Chalcraft (Martin Cooper) / Sounddesign: Jeff McGrory (Jeffrey Fisher) / Produktionsleitung und Dramaturgie: Christina Runge / UK Producer: Ayla Suveren / Tour, Bühnen-Manager: Sophia Simitzis, Tina Pfurr, Mat Hand / Design Assistent, Bühne: Chasper Bertschinger / Künstlerische Assistenz: Sophia Simitzis / Gob Squad Management: Eva Hartmann