Liebe Freund:innen des Verbrecher Verlages,
in diesen ja endlich wieder helleren Tagen sind wir bekümmert, mit Bela Winkens und Ludwig Lugmeier sind zwei geliebte Autor:innen gestorben. Und auch die Weltlage bietet weiterhin keinen Anlass zu Heiterkeit.
Dennoch wollen wir versuchen, die Welt mit einigen neuen Büchern zu verbessern und zu verschönern, die wir Ihnen und Euch hier vorstellen, zudem gibt es in diesem Beitrag wieder Terminankündigungen und ein Gedicht, denn auf gute Texte kommt es ja an.
Doch zuerst unsere 6 Neuerscheinungen: 2 mal Anthologien zum Literaturbetrieb, 4 mal beeindruckende Gesellschaftsgeschichte und -analyse.
Gender Punks. Über trans Pionier:innen und die Kunst, widerständig zu leben

von Kuku Schrapnell
In “Gender Punks” folgt Kuku Schrapnell historischen trans- und intergeschlechtlichen Personen vom 17. bis ins 20. Jahrhundert. Dabei geht es um ganz grundlegende Fragen: Was ist Geschlecht überhaupt? Und wie machen wir diese Welt zu einem besseren Ort?
Klug und unterhaltsam zeichnet Kuku Schrapnell das Leben queerer Ikonen wie Anastasius Lagrantinus Rosenstengel, Romaine-la-Prophétesse, Lucy Hicks Anderson oder der Danshō Okiyo nach.
Es geht um Widerstand in einer Welt, in der sich Patriarchat und Kapitalismus gegenseitig verstärken. Kuku Schrapnell zeigt, dass es in all dieser Zeit immer wieder Menschen gab. Menschen widersetzten sich erst auf persönlicher Ebene der Herrschaft und Unterdrückung. Schließlich taten sie dies auch auf kollektiver Ebene. Kuku Schrapnell entreißt die Schicksale den Gerichts- und Krankenakten und schreibt sie solidarisch und liebe voll neu.
Bitch Hunt. Warum wir es lieben, Frauen zu hassen

von Veronika Kracher
Im Sommer 2022 offenbarte die Hasskampagne gegen die Schauspielerin Amber Heard, wie salonfähig es ist, Opfer häuslicher Gewalt zu verhöhnen und wie omnipräsent Frauenhass in unserer Gesellschaft nach wie vor ist.
Was früher in den reißerischen Printmedien stattfand, passiert heute online und in Echtzeit. Ein breites Publikum beteiligt sich begeistert an Hass und Hetze gegen Frauen – stellenweise sogar ungehemmt unter vollem Klarnamen. Influencer, deren Content ausschließlich aus Angriffen gegen Frauen und queere Menschen besteht, erreichen auf sozialen Medien ein Millionenpublikum.
Digitale Plattformen unterbinden diesen, oft gegen Einzelpersonen gerichteten Hass, nicht – ganz im Gegenteil, denn hinter dem Hass steckt oft ein System, das gewinnbringende Klicks generiert.
In “Bitch Hunt” analysiert Veronika Kracher die Funktion digitaler Misogynie. Sie untersucht, welche Rolle misogyne Kampagnen im rechten Kulturkampf spielen. Außerdem erklärt sie, wieso Soziale Medien alltäglichen Frauenhass in einer patriarchalen Gesellschaft derart verstärken. Letztendlich leiden nicht nur Betroffene unter diesen Dynamiken, sondern unsere Demokratie.
Antisemitismus definieren. Anleitung zur Abgrenzung

von Nikolas Lelle und Tom Uhlig
Während die Diskussionen um Antisemitismusdefinitionen immer unzugänglicher werden, hat die Ideologie in ihrer öffentlichen Wahrnehmung nichts von ihrem Rätselcharakter verloren.
Die Bestimmung und damit die Bekämpfung von Antisemitismus wird durch zahlreiche alltagspraktische wie akademische Mythen erschwert. Antisemitismus wird unter Rassismus subsumiert und zum Vorurteil gemacht. Zudem wird Antisemitismus als Aspekt gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit gelesen oder zum Wahn erklärt.
Obwohl diese Deutungsversuche etwas treffen, reduzieren sie Antisemitismus doch immer nur auf einen Teilaspekt. In »Antisemitismus definieren« machen der Sozialphilosoph Nikolas Lelle und der Sozialpsychologe Tom Uhlig diese Mythen produktiv. Sie fragen nach ihrer subjektiven und gesellschaftlichen Attraktivität, und arbeiten ihren wahren Kern heraus, um einen Antisemitismusbegriff zu gewinnen, der dem Gegenstand gerecht wird.
Gegen // Über. Debatten zur Gegenwart

hg. v. Peter Dietze, Irene Eidinger und Tobias Herold
Dem Literarischen Colloquium Berlin, der Wochenzeitung Jungle World sowie dem Veranstaltungs- und Produktionsort für Kunst, Musik und Literatur ausland war es ein großes Anliegen. Sie integrieren Diskussionsveranstaltungen zu aktuellen politisch-gesellschaftlichen Themen in das ansonsten hauptsächlich künstlerisch ausgerichtete Programm verschiedener Spielstätten in Berlin.
“Wir waren überzeugt, dass die Kunst einen analytischen Blick auf die Welt um uns herum benötigt.” Die Beteiligten aus den genannten drei Räumen setzten sich an einen Küchentisch und entwarfen das Konzept zur Reihe “GEGEN//ÜBER – Debatten zur Gegenwart”.
Es folgten aufschlussreiche Vorträge, Gespräche und fruchtbare Auseinandersetzungen mit jeweils zwei Autor:innen pro Themenabend.
Der vorliegende Sammelband dokumentiert nun eine Auswahl dieser spannenden Diskussionsabende. Er versammelt die Essays, die im Wesentlichen den Vortragsmanuskripten der Autor:innen entsprechen.
Mit Beiträgen von Hartmut Böhme, Ute Frevert, Ulrike Herrmann, Ute Kalender, Christine Kirchhoff, Stefanie Kron, Christoph Laimer, Elena Messner, Robert Misik, Tadzio Müller, Claudia Neu, Lars Quadfasel, Richard Schuberth. Sowie Autor:innen wie Jörn Schulz, Georg Seeßlen, Philipp Staab, Julian Stenmanns, Margarete Stokowski, Natascha Strobl, Peter Trawny, Barbara Vinken, Volker Weiß, Elke Wittich und Peter Zwanzger.
Literarisch solidarisch – Perspektiven auf einen neuen Literaturbetrieb

hg. v. Hatice Açıkgöz
Die Texte in dieser Anthologie blicken aus verschiedenen marginalisierten Positionen auf den Literaturbetrieb. Sie stellen Fragen nach Zugang, Zugehörigkeit und Arbeitsweisen. Die Autor:innen schreiben aus persönlicher Sicht über strukturelle Ausschlussmechanismen. Gleichzeitig schaffen sie Raum für utopische Ideen, um den literarischen Raum solidarisch zu öffnen.
Alle Beitragenden haben dazu verschiedene Formen von Texten gewählt, es gibt lyrische Positionen, Theatertexte und klassische Essays. Als Herausgeberin möchte mit der Anthologie einen Beitrag zur Zukunft des Literaturbetriebs leisten und den Betrieb, den sie sehr schätzt, heraus fordern, auch Kritik auszuhalten.
Die Anthologie trägt den gleichen Namen wie der Podcast, den die Herausgeberin gemeinsam mit den Autorinnen Dara Brexendorf und Zara Zerbe herausgibt und der bereits ein breites Publikum hat.
Mit Beiträgen von Josephine Apraku, Maryam Aras, Sarah Berger, Betiel Berhe, Dara Brexendorf, Seda Çalışkanoğlu, Özlem Özgül Dündar, Mareike Fallwickl, Christiane Frohmann, Heike Geißler, Linus Giese, Mareice Kaiser, Ozan Zakariya Keskinkılıç, Maline Kotetzki, Hami Nguyen, Andrea Schöne und Ayna Steigerwald.
Literatur & Haltung. Rachel Salamanders Archiv

hg. von Anke Buettner und Tina Rausch
Rachel Salamander schuf in über 40 Jahren ein einzigartiges Forum für jüdische Autor:innen. In über 1000 Veranstaltungen brachte die Publizistin jüdische Gegenwart in klaren Worten zur Sprache. Mit ihrem Wirken veränderte sie den Diskurs in Deutschland. Dieses Lesebuch ist eine Hommage an die große Literaturvermittlerin und eine Einladung, wieder mit dem Lesen zu beginnen.
“Literatur & Haltung. Rachel Salamanders Archiv” heißt auch die Monacensia-Ausstellung, die ab Mai 2026 zu sehen sein wird. Sie schöpft aus dem großen Archiv, das Rachel Salamander dem »literarischen Gedächtnis Münchens« schenkte.
Mit literarischen Texten von Louis Begley, Maxim Biller, Lily Brett, David Grossman, Batya Gur, Barbara Honigmann, Imre Kertész, Ruth Klüger, Amos Oz, David Rokeah, Robert Schindel und Zeruya Shalev.
Nun zu den Terminen:
Ganz besonders möchten wir Sie und Euch auf die Buchpremiere des Elegien-Bandes “Tiferet” von Benjamin Stein in der Autorenbuchhandlung Berlin am 16. April hinweisen. Kartenreservierung hier.
Zudem sind Stefan Dietl – “Antisemitismus und die AfD”, Alexander Leistner, Manja Präkels, Tina Pruschmann und Barbara Thériault – “Extremwetterlagen. Reportagen aus einem neuen Deutschland” und Robert Stadlober – “Wenn wir einmal nicht grausam sind, dann glauben wir gleich, wir seien gut”, Tucholsky -Lesebuch) weiterhin auf Lesetournee, auch viele weitere Autor:innen sind im gesamten D/A/CH-Raum unterwegs – vielleicht auf bei Ihnen und Euch vor Ort?
Alle Termine finden sich hier.
Und hier schließlich das eingangs versprochene Gedicht:
THERESIENSTADT
von Bela Winkens
An Orten wie diesem
Sollten keine Kinder sein.
Kinder sollten sein
Wo Schmetterlinge fliegen.
Und Schmetterlinge
Wo es Freiheit gibt.
Und Freiheit
Wo der Mensch
Den Menschen achtet.
Und Menschen
Gibt es nicht
An Orten wie diesem.
Aus dem Band “Brief an die Mutter” von Bela Winkens.
Herzlich grüßt:
der Verbrecher Verlag
Verbrecher Verlag GmbH
Gneisenaustr. 2a
10961 Berlin



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