Was bedeutet es, im Jahr 2026 Feminist:in zu sein?

Sie wollen mehr als nur Gleichberechtigung der Geschlechter: Feminist*innen hinterfragen Machtstrukturen, leben Solidarität und machen Ungleichheit sichtbar.

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Ein Begriff zwischen Konsens und Konflikt

Kaum ein politischer Begriff ist heute gleichzeitig so präsent und so umstritten wie der Feminismus. In vielen westlichen Gesellschaften gehört die Forderung nach Gleichberechtigung längst zum moralischen Konsens. Kaum ein Unternehmen würde öffentlich bestreiten, dass Frauen und Männer gleiche Rechte haben sollten. Gleichzeitig taucht der Begriff Feminismus immer häufiger in politischen Kulturkämpfen auf: als Kampfbegriff, als Selbstbezeichnung, als Marketingstrategie und politisches Intsrument.

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Diese Ambivalenz ist kein Zufall. Einerseits scheint der Feminismus historische Ziele erreicht zu haben. Frauen haben Wahlrecht, Zugang zu Bildung und formale Gleichstellung vor dem Gesetz. Gleichermaßen zeigen Statistiken Unterschiede in Einkommen, politischer Repräsentation oder der Verteilung von unbezahlter Sorgearbeit. Die Frage, ob Feminismus noch notwendig ist, wird deshalb immer wieder neu gestellt. Die Antwort vorab: ja.

Von der Gleichberechtigung zur Gesellschaftsanalyse

Historisch entstand Feminismus als politische Bewegung gegen konkrete rechtliche Ausschlüsse. Im Laufe des 20. Jahrhunderts entwickelte sich daraus jedoch zunehmend auch eine umfassendere Analyse gesellschaftlicher Machtstrukturen. Einen entscheidenden Impuls lieferte die Philosophin Simone de Beauvoir. In ihrem Werk Das andere Geschlecht argumentierte sie, dass Geschlecht nicht allein biologisch bestimmt sei. Es werde wesentlich durch gesellschaftliche Erwartungen geformt.

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Spätere Theorien gingen noch weiter. Die Philosophin Judith Butler etwa beschrieb Geschlecht als etwas, das in sozialen Praktiken ständig hervorgebracht wird. Es wird durch Sprache, Gesten, Kleidung oder institutionelle Regeln bestätigt. Feminismus wurde damit nicht nur zu einer Bewegung für Rechte, sondern auch zu einer kritischen Perspektive auf gesellschaftliche Normalität.

„Man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht.“


Simone de Beauvoir aus dem Buch Das andere Geschlecht

Ein Jahrhundert später hat sich dieser Blick noch einmal durch den intersektionalen Feminismus erweitert. Das Konzept der Intersektionalität wurde von der Juristin Kimberlé Crenshaw geprägt. Es beschreibt, wie verschiedene Formen von Diskriminierung sich überschneiden können. Dazu gehören Geschlecht, Herkunft, Hautfarbe oder soziale Klasse. Feministische Analysen richten sich daher zunehmend auf komplexe Machtverhältnisse, die sich nicht auf eine einzelne Kategorie reduzieren lassen.

Feminismus im digitalen und kulturellen Raum

Eine Besonderheit der Gegenwart besteht darin, dass feministische Ideen nicht mehr nur in politischen Bewegungen oder akademischen Debatten auftauchen. Sie sind Teil der Popkultur geworden. In sozialen Medien verbreiten sich feministische Begriffe und ihre Geschichte in rasanter Geschwindigkeit. Kampagnen wie #MeToo, der Fall der Französin Julie Pelicout und die Epstein Files haben gezeigt, wie digitale Öffentlichkeit strukturelle Probleme sichtbar machen kann.

Diese strukturellen Übergriffe und Machtrukturen waren lange unsichtbar geblieben. Jedoch zeigt der Diskurs auch, wie schlecht es um die Frauen in der Gesellschaft steht und wer sich die Konsequenzen der systematischen Einsparungen von Geldern zum Schutz von Frauen und Kindern durch den Staat auf unsere Gesellschaft auswirken.

Gleichzeitig entstehen neue Spannungen. Wenn Unternehmen mit feministischen Slogans werben oder Popstars feministische Botschaften in ihre Marken integrieren, verschwimmen die Grenzen zwischen politischem Engagement und kultureller oder persönlicher Inszenierung.

Kritiker sprechen deshalb von einer Kommerzialisierung des Feminismus. Eine Situation, in der Gleichberechtigung zu einem Lifestyle-Label wird, ohne dass gesellschaftliche Machtverhältnisse hinterfragt werden oder diese sich grundlegend verändern.

“The Future is Female” by Sinitta Leunen

Ein Phänomen, welches die letzten Jahre den Absatz vieler Unternehmen in die Höhe schnellen ließ. Überall waren die Slogans “The Future Is Female” oder “All Men Shoud Be Feminist” zu lesen. Durch soziale Medien wurden aus diese Art ganze Datenbanken und Kapitalmärkte mit dem politischen Engagement gefüttert und später zensiert. Gleichzeitig wird es leiser von Seiten der einstigen Allianzen. Zugunsten tradierter Rollenbilder wie denen der Tradwives und der Komfortzone des Kapitalismus.

Konflikte innerhalb der Bewegung

Ein weiteres Merkmal des Feminismus der Gegenwart ist die innere Vielfalt – und die Konflikte, die daraus entstehen. Unterschiedliche Strömungen vertreten teilweise sehr verschiedene Vorstellungen davon, welche politischen und sozialen Ziele prioritär sind. Oder darüber wie bestimmte gesellschaftliche Fragen behandelt werden sollten.

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Debatten über Geschlechtsidentität, inklusive Sprache, führen die Spitzenthemen an. Weitere Gebiete wie die Rolle von Sexarbeit oder die Einbindung von Männern in feministische Bewegungen zeigen, dass Feminismus keine einheitliche Ideologie darstellt. Vielmehr handelt es sich um ein offenes politisches und gesellschaftliches Feld, in dem verschiedene Perspektiven koexistieren und Synergien erzeugen.

„Feminismus ist eine Bewegung, um sexistische Unterdrückung zu beenden.“

Bell Hooks

Diese Konflikte werden jedoch häufig als Schwäche interpretiert. Man kann sie jedoch auch als Zeichen einer lebendigen politischen Tradition verstehen. Eine Bewegung, die sich ständig neu definieren muss, weil sich auch die gesellschaftlichen Bedingungen und unser Weltbild verändern.

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Dabei überlappen viele Ziele des Feminismus mit dem kollektiven Bedürfnissen einer Gesellschaft. Gleichberechtigung und faire Löhne für geleistete Arbeit, ein sozialer gesellschaftlicher Zusammenhalt und gewaltfreie Konfliktlösungen. Als Grundwerte einer modernen Demokratie und nicht erst wenn es bereits zu spät ist.

Eine offene Frage

Was es bedeutet, 2026 Feminist*in zu sein, lässt sich daher nicht auf eine einzelne Definition reduzieren. Für manche bedeutet es, weiterhin gegen konkrete Ungleichheiten zu kämpfen. Für andere ist Feminismus vor allem eine kritische Perspektive auf gesellschaftliche Machtstrukturen und beginnt bereits im Kleinsten. Wieder andere verstehen ihn als kulturelle Haltung oder als solidarische Praxis.

Fakt ist: Jeder Femizid ist ein Leben zu viel, welches durch die Hand von einem Mann ausgelöscht wurde. Nicht die Kleidung macht eine Frau zum Opfer, die Männer sind es. Jede FLINTA Person, die systematisch vom Patriarchat unterdrückt wird, Angst vor dem eigenen Zuhause haben muss und weniger verdient als ein Mann – ist ein Mensch zu viel, welche dieses gewaltvolle System stützt. Das können wir uns angesichts des globalen Rechtsrucks als Demokratie nicht mehr leisten, den Schutz der Männer über den, der weiblich gelesenen Gesellschaft zu stellen.

Vielleicht liegt gerade darin die anhaltende Bedeutung des Feminismus. Wir brauchen die Feminist*innen heute mehr denn je, um nicht in faschistische Abgründe oder in koloniale Zeiten zu rutschen. Feminismus ist daher keine abgeschlossene Theorie, vielmehr eine fortlaufende Debatte darüber, wie Gleichheit, Freiheit und Gerechtigkeit in einer modernen Gesellschaft verwirklichen kann. Vor allem aber darüber, wer in dieser Debatte überhaupt gehört wird.

#frauenstreik

09.März2026

Mehr Informationen auf https://toechterkollektiv.de

Images via http://unsplash.com

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