Wirtschaftsstaatssekretär Michael Biel und die Clubcommission Berlin haben heute an Bord der Hoppetosse die wichtigsten Erkenntnisse der Studie „Clubkultur Berlin 2026″ der Öffentlichkeit vorgestellt. Es ist die erste umfassende Erhebung zur Lage der Berliner Clubs seit 2019.
Ihr zentraler Befund: Die Nachfrage ist ungebrochen, doch das Geschäftsmodell vieler Clubs hat sich gedreht. Nur noch 61 Prozent der Clubs arbeiten mindestens kostendeckend. Der Getränkeverkauf, der früher mitfinanziert hat, bricht immer mehr weg. Was der Tresen nicht mehr einspielt, muss zunehmend der Eintritt tragen.
An Bord der Hoppetosse
Wo sonst nachts getanzt wird, ging es am Freitagmittag um Zahlen. An Bord der Hoppetosse an der Spree haben die Clubcommission Berlin und die Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe die Ergebnisse der Studie „Clubkultur Berlin 2026″ vorgestellt. Sieben Jahre nach der letzten Studie zur Berliner Clubkultur zeigt die Studie, dass Clubs weiter nachgefragt sind, aber ihre wirtschaftliche Basis sich zugleich grundlegend verschoben hat.
Das Geschäftsmodell hat sich gedreht
Während 2017 noch rund 60 Prozent der Einnahmen aus Gastronomie und Getränkeverkauf stammten, machte der Eintritt lediglich 21 Prozent aus. Heute ist dieses Verhältnis umgekehrt: Der Eintritt ist mit 59 Prozent nun die wichtigste Einnahmequelle. Das Publikum plant den Clubabend bewusster, bleibt kürzer und konsumiert weniger Alkohol. Damit ist ein wichtiges Standbein angeschlagen, das den Kulturbetrieb früher mitfinanziert hat. Was der Tresen nicht mehr einspielt, muss heute über den Eintritt und damit über die kulturelle Arbeit selbst reinkommen.
Gleichzeitig steigen die Kosten: 64 Prozent nennen Personalkosten als größten Belastungsfaktor, 62 Prozent die Betriebskosten, 60 Prozent die sinkende Kaufkraft ihres Publikums. 85 Prozent geben an, dass wirtschaftlicher Druck ihr Veranstaltungsprogramm verändert.
Die Nachfrage ist ungebrochen
„Die Nachfrage ist hoch, die Tanzflächen sind voll, und trotzdem stehen nicht wenige Betriebe wirtschaftlich unter Druck. Die Berliner Clubkultur ist weltweit einzigartig und ein wertvolles Aushängeschild unserer Stadt. Sie ist Ausdruck von Freiheit und Vielfalt, Motor der Kreativwirtschaft und bedeutender Wirtschaftsfaktor. Sie ist zudem ein fester Bestandteil unseres kreativen Ökosystems, ein wichtiger Standortfaktor und Teil unserer Wirtschaftskraft. Wir wollen sicherstellen, dass Clubs langfristig ihren Platz in Berlin als selbstverständlicher Teil von Wirtschafts- und Stadtentwicklung haben.
Michael Biel, Staatssekretär für Wirtschaft, Senatsverwaltung Wirtschaft, Energie und Betriebe
Die Studie macht sichtbar, wo die derzeitigen Rahmenbedingungen für die Berliner Clubkultur verbesserungsbedürftig sind. Unser Anspruch ist, gemeinsam mit allen Akteur:innen unsere einmalige Clubkultur dauerhaft zu stärken. Die Studie bietet dafür eine gute Grundlage.“
83 Prozent der befragten Clubs und Veranstaltenden melden eine Auslastung von mindestens 50 Prozent. Wirtschaftlich schlägt sich das immer seltener nieder. 2017 arbeiteten 79 Prozent mindestens kostendeckend, 2025 sind es 61 Prozent. 95 Prozent sehen ohne strukturelle Verbesserungen die langfristige Existenz vieler Clubs gefährdet. Die Berliner Clubkultur stirbt damit nicht, sie steht unter Transformationsdruck.

“Ob die Berliner Clubkultur ihre kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Potenziale auch künftig entfalten kann, entscheidet sich weniger auf dem Dancefloor als bei Fragen von Raum, Finanzierung und Planungssicherheit.”
Kai Sachse, Geschäftsführung Clubcommission und Projektleiter der Studie
Die Raumfrage bleibt ungelöst
Nur 8 Prozent der Betriebe besitzen ihre Spielstätte, 31 Prozent arbeiten mit Miet- oder Pachtverträgen unter fünf Jahren Laufzeit. 71 Prozent der Orte liegen in Friedrichshain-Kreuzberg, Mitte und Neukölln, also dort, wo der Druck auf Flächen und Immobilien am höchsten ist. 23 Prozent denken darüber nach, ihren Betrieb in den nächsten zwölf Monaten aufzugeben.
„Die Tanzflächen der Berliner Clubs sind voll. Trotzdem wird es für viele Betriebe immer schwieriger, wirtschaftlich nachhaltig zu arbeiten. Genau diese Schieflage macht die Studie sichtbar.“
Marcel Weber, 1. Vorsitzender der Clubcommission
Die Szene reagiert
Auf den Druck folgt Bewegung: 62 Prozent haben ihre musikalische Ausrichtung erweitert, 67 Prozent die Getränkepreise erhöht, 47 Prozent die Eintrittspreise angepasst. Kooperation wird zum Normalfall, 55 Prozent arbeiten mit anderen Clubs und Venues zusammen. Auch im Bestand zeigt sich diese Dynamik: Seit 2020 haben nach Kenntnis der Clubcommission mindestens 24 Club- und Kulturstandorte geschlossen, zugleich sind rund 25 neue entstanden.
Wie relevant die Szene für die Stadt bleibt, zeigt ein weiteres Ergebnis: Alle befragten Zugezogenen nennen die Clubkultur als wichtigen Grund für ihren Umzug nach Berlin.
Was die Berliner Clubkultur jetzt braucht
Die Studie benennt sechs Handlungsfelder. Im Kern geht es um vier Punkte:
Flächen aktivieren.
Landeseigene Immobilien systematisch für Clubkultur öffnen. 86 Prozent der Befragten sprechen sich dafür aus.
Verlässlich fördern.
Eine langfristige Förderstruktur statt projektbezogener Einzelmaßnahmen. Ein Club-Euro-Modell sollte geprüft werden.
Rechtlich anerkennen.
Clubs als Kulturstätten auf Landes- und Bundesebene, mit Folgen für Baurecht, Lärmschutz und Förderung.
Arbeitsbedingungen verbessern.
Beratung zu sozialer Absicherung ausbauen, Mindeststandards für faire Honorare entwickeln.

Zur Veranstaltung
Auf dem Podium in der Hoppetosse sprachen Staatssekretär Michael Biel, Prof. Dr. Klaus Goldhammer (Goldmedia) und Kai Sachse (Clubcommission). Durch die Veranstaltung führte Katharin Ahrend (Clubcommission).
Zur Methodik
Die Studie wurde von der Clubcommission Berlin im Auftrag der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe durchgeführt. Den quantitativen Teil verantwortete das Berliner Research- und Consulting-Institut Goldmedia, den qualitativen Teil Dr. Martin Fuller (Tresor Academy). Befragt wurden im März und April 2026 Berliner Clubs und Veranstaltende mit regelmäßigem Programm, unabhängig davon, ob sie über eine eigene Location verfügen.
163 begannen die Teilnahme, 102 füllten den Fragebogen vollständig aus. Das sind 44 Prozent mehr abgeschlossene Fragebögen als bei der Vorerhebung 2019. Ergänzt wurde die Befragung um zwölf qualitative Interviews mit Clubgängerinnen zwischen 22 und 28 Jahren sowie um einen Expertinnen-Workshop aus Clubkultur, Verwaltung, Politik und Stadtentwicklung. Die Ergebnisse liegen ab sofort vor.
Fotocredits: Lisa Vlasenko
Über die Clubcommission Berlin
Die Clubcommission ist das Netzwerk der Berliner Clubkultur. Sie wurde im Jahr 2001 gegründet und ist mit über 250 Mitglieder die weltweit größte Vereinigung von Clubbetreiber:innen und Veranstalter:innen. Sie unterstützt die Arbeit der Kulturunternehmer:innen durch die Optimierung der Rahmenbedingungen und die Verbesserung der Infrastruktur.
Neben vielen verschiedenen Aktivitäten wie nachhaltiger Stadtentwicklung und Schallschutz gibt es noch mehr Engagement. Die Vermittlung zwischen Clubs, Bauherren und der Nachbarschaft ist ebenfalls wichtig. Auch die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Nachtökonomie wird verfolgt. Antidiskriminierungs- und Sensibilisierungsmaßnahmen in Clubs werden entwickelt.
Die Erforschung der verschiedenen Dimensionen der Clubkultur ist seit jeher ein wichtiger Bestandteil ihrer Arbeit. www.clubcommission.de
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