Die Clubcommission bringt Politik, Verwaltung, Immobilienwirtschaft und die Clubkultur an einen Tisch. Die zweite Club & Raum Konferenz zeigte nicht nur, wie dringend Berlin sein Nachtleben schützen muss, sondern auch, wie viel in der Stadt bereits in Bewegung ist und welche konkreten Schritte jetzt gemeinsam gehen können.
Morgens um neun vor der Ritter Butzke: Um diese Uhrzeit gehen sonst durchgefeierte Menschen ihren Heimweg. Jetzt stehen dort gut gekleidete Menschen mit neugierigen Gesichtern. Sie halten Kaffeebecher in der Hand. Muss man Angst haben, dass hier bald der nächste Büroturm entsteht?

Im Gegenteil: Die Clubcommission hat zur zweiten Club & Raum Konferenz eingeladen und Menschen aus Immobilienwirtschaft, Verwaltung, Politik und natürlich der Berliner Clubkultur zusammengebracht. Am Mittwoch, dem 28. Januar 2026, bot der Fachtag für Fragen rund um Stadtentwicklung, Zusammenarbeit, Raumbedarf und Kommunikation einen gebührenden Jahresauftakt für die Clubkultur.
Für einen starken Auftakt sorgten internationale Best Practice Beispiele aus London, Kharkiv und Berlin. Während in London ein gemeinschaftlich getragenes Clubmodell neue Wege der Raumnutzung aufzeigt, entstand in Kharkiv nahe der Frontlinie ein neuer Club, der im wahrsten Sinne des Wortes ein Safer Space ist.
Anton Nazarko vom Kulturzentrum Some People reiste zwei Tage mit dem Zug nach Berlin. Er wollte zeigen, welche existenzielle Bedeutung Clubkultur haben kann. Auf einer bombensicheren Tanzfläche begegnen sich dort Kulturschaffende, Nachbar:innen und Soldaten gemeinsam, auch wenn nur wenige Kilometer weiter der Krieg tobt.
Politisches Forum: Parteien setzen Zeichen für Berliner Clubkultur
Den Höhepunkt des Tages bildete das politische Forum unter der Moderation von Marcel Weber, dem Vorsitzenden der Clubcommission Berlin. Vertreter:innen aller demokratischen Fraktionen im Berliner Abgeordnetenhaus diskutierten über die Voraussetzungen für die langfristige Sicherung der Berliner Clubkultur.
Auf dem Podium saßen Werner Graf (MdA, Bündnis 90/Die Grünen), Dennis Haustein (MdA, CDU), Tamara Lüdke (MdA, SPD) und Niklas Schenker (MdA, Die Linke). Die Clubcommission agierte mit der Konferenz bewusst als Brückenbauerin. Mit rund 130 Teilnehmenden vor Ort bot die Veranstaltung Raum für direkten Austausch. Dies geschah zwischen Menschen mit Ideen aus der Clubkultur und Akteur:innen mit Raum aus der Immobilienwirtschaft. Diese sind teilweise aus ganz Deutschland extra angereist.
Durch den Tag führten Katharin Ahrend (Clubcommission) und Andreas Krüger (Belius). In Matchmaking-Sessions präsentierten Vertreter:innen des Haus der Statistik, Trockland und GSE ihre konkreten Flächenangebote. Auch die developer, Alte Post Strausberg, Studentendorf Schlachtensee und das Kulturzentrum Vollgut boten konkrete Flächen an. Anschließend gab es die Möglichkeit für Interessierte, miteinander ins Gespräch zu kommen, um mögliche Kooperationen anzubahnen.
Gleichzeitig knüpfte die Veranstaltung damit an die letztjährige Konferenz an, stärkte Netzwerke und zeigte, wie groß der Wille und die Energie aller Beteiligten ist.
Die Clubcommission als zentraler und treibender Motor
Acht Monate vor der Abgeordnetenhauswahl am 20. September 2026 benannte Tamara Lüdke (SPD) das zentrale Problem: „Es ist ein drohendes Clubsterben. Jetzt ist es Zeit, politisch zu handeln.” Lüdke forderte verbindliche rechtliche Verankerung: „Lärmschutzmaßnahmen für denjenigen, der anbaut, nicht für die, die da sind.”
Werner Graf (Bündnis 90/die Grünen) forderte strukturelle Förderung für Clubs, die auf Nachwuchs setzen, ähnlich wie in anderen Kultursparten bereits üblich, während Dennis Haustein (CDU) betonte: “Die Strahlkraft der Kreativwirtschaft, ob Oper oder Clubkultur, dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden.”
Zu hohe Leerstandsquote
Graf kritisierte zudem die Stadtentwicklung scharf: „1,7 Millionen Quadratmeter Büroflächen stehen leer, und wir wollen noch mehr bauen! Das müssen wir in eine andere Nutzung überführen.” Eine Zwischennutzungsagentur könne Bürokratie reduzieren und „Menschen mit Ideen zu Menschen mit Räumen” bringen. Zudem könne „die Anpassung bezirklicher Bebauungspläne den Schutz und die Sicherung von Clubstandorten unterstützen”, so Hausstein. Niklas Schenker (Linke) wird im Ton noch schärfer. Er prangert eine nach seiner Meinung profit- und investorengetriebene Stadtentwicklung an. Mieter:innen und auch Kulturorte leiden darunter.
Die Clubcommission erhielt parteiübergreifend Lob: Haustein bezeichnete sie als „zentralen und treibenden Motor“, Lüdke als „zentralen Pfeiler” mit beratender Funktion. Schenker warb dafür, mit der Clubcommission als “durchsetzungstarken Lobbyverband” gemeinsam für den Erhalt von Kulturflächen zu kämpfen. Marcel Weber kündigte an: „Mit Blick auf die Wahlen wird es nicht die letzte Runde sein.” Die Clubcommission wird darüber hinaus in den kommenden Wochen Wahlprüfsteine an die Parteien richten.
Soziale Funktion von Nachtkultur
Doch das war längst nicht alles: “Das Nachtleben kann Schutzräume bieten, vor allem wenn Menschen wegen Diskriminierung im Alltag sonst eher ausgeschlossen werden”, so Prof. Dr. Anna Steigemann von der Technischen Universität Berlin. Clubkultur schafft soziale Infrastruktur und einen Mikrokosmos, in dem gesellschaftliche Fragen verhandelt und Transformation angestoßen werden.
Neue Instrumente für die Stadtentwicklung
Das Agent-of-Change-Prinzip oder eine Gewerbemietbremse können entscheidende Hebel sein, so Ricarda Pätzold vom Deutschen Institut für Urbanistik. Innovation entstehe dort, wo Räume Luft zum Atmen haben, ohne ökonomischen Dauerstress und mit genügend Spielraum seitens der Behörden, so Pätzold.
Kulturraummanagement als Schnittstelle
Ein zentrales Kulturraummanagement innerhalb der Verwaltung kann zwischen Politik, Verwaltung und Eigentümer:innen vermitteln. Das zeigten David Nil Morsi und Benjamin Thele am Beispiel Köln und machten deutlich, wie so das Verständnis für Clubkultur gestärkt werden kann.
Forderungskatalog Zwischennutzungen
Im Oktober 2024 haben Clubcommission Berlin und Transiträume e.V. einen Forderungskatalog vorgelegt, der konkrete Maßnahmen für systematische Flächenaktivierung aufzeigt. Leerstände sind eine ungenutzte Stadtressource. Der Katalog zeigt, was in anderen Städten bereits funktioniert. Zu den bewährten Maßnahmen gehören rechtliche Verankerung, standardisierte Verfahren, eine städtische Zwischennutzungsagentur sowie Aktivierungsanreize für Eigentümer*innen. Zudem ist die strategische Verankerung in der Stadtentwicklung entscheidend.
Download Forderungskatalog Zwischennutzungen
Über die Clubcommission Berlin
Die Clubcommission Berlin e.V. vertritt seit 2000 die Interessen der Berliner Clubkultur. Als Interessenvertretung setzt sie sich für die kulturpolitische Anerkennung, wirtschaftliche Förderung und stadtplanerische Integration von Clubkultur ein. Mit über 300 Mitgliedern ist sie die größte Clubkultur-Interessenvertretung Europas.
Club & Raum wird von der Clubcommission Berlin e.V. im Rahmen des Projekts Clubkultur Stärken veranstaltet und ist von der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe und der Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt des Landes Berlin gefördert.


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