Zwischen Erinnerung und Inszenierung
Ein Familienporträt: Vater, Mutter, zwei Töchter. Eine scheinbar ganz gewöhnliche Kernfamilie. Die Kinder halten leuchtend rote Rosen in den Händen, Sonnenflecken tanzen auf ihren Beinen, ein kleiner Hund liegt im Gras. Hinter ihnen breitet sich eine abstrakte florale Szenerie aus – als würde sie die Familie gleich verschlingen. Und die Mutter steht in Flammen, von innen heraus brennend.

Mit dem Bild Always, Everything eröffnet die gleichnamige Einzelausstellung von Amy Dury in Berlin. Dury arbeitet auf Grundlage von Fotografien aus der jüngeren Vergangenheit, die sie als „fröhliche Urlaubs-Schnappschüsse“ beschreibt.
Vordergründig erzählen sie von Vertrautheit, Zufriedenheit und Schönheit. Doch in den Zwischentönen offenbaren sich komplexere Narrative. Im malerischen Prozess legt Dury jene unterschwellige Unruhe frei und verweist auf die Brüchigkeit von Erinnerung – darauf, wie Wahrheit sich verschiebt, entgleitet und niemals vollständig greifbar wird.
Rollenbilder im Wohnzimmer

In If I only could (2026, Öl auf Leinwand, 100 × 100 cm) begegnen wir einem Paar in einem bürgerlichen Wohnzimmer der 1970er- oder 80er-Jahre. Der Mann sitzt lässig im Sessel, Schuhe abgestreift, Zigarette in der Hand. Seinen Arm hat er um den Hals der Frau gelegt, die auf der Lehne Platz genommen hat. Seine Pose strahlt selbstverständliche Souveränität aus, ihre wirkt zugleich angepasst und unbehaglich.
Die intensive Farbpalette aus Rosa- und Rottönen verstärkt die unausgesprochene Spannung im Raum – etwas bleibt verborgen, schwebt zwischen den Figuren.
Beobachten und Beobachtetwerden
Auch in anderen Werken der Ausstellung verschiebt Dury subtile Machtverhältnisse in den Fokus. 5 O’Clock Somewhere: Ein Mann tanzt im Vordergrund in heißen Orange- und Rottönen, während im Hintergrund eine Frau mit verschränkten Armen distanziert zusieht.
Invitation (2025, Öl auf Leinwand, 120 × 100 cm): In kühlen Grüntönen steht eine Frau zwischen zwei Vorhängen. Der Titel scheint ironisch – ihre starre Haltung und ihr entrückter Blick wirken alles andere als einladend.

The Fixer (2026, Öl auf Leinwand, 150 × 120 cm): Mädchen auf einem Pfadfinderinnenlager üben Erste Hilfe, indem sie sich gegenseitig bandagieren.

To Boldly Go (2026, Öl auf Leinwand, 150 × 100 cm): Zwei Jungen stechen mit einem improvisierten Boot in See.
So unschuldig die Szenen erscheinen mögen, so klar treten traditionelle Rollenzuschreibungen hervor – Mädchen als Fürsorgende, Jungen als Abenteurer. Doch Dury urteilt nicht. Ihre Malerei bleibt leise, fast zurückhaltend, und macht gerade dadurch innere Konflikte sichtbar.
Inszenierte Stärke
Am deutlichsten tritt das Thema der Rolle in Nance O’Neil as Judith hervor. Das Werk zeigt die amerikanische Schauspielerin Nance O’Neil in der Rolle der Judith von Bethulia – Schwert erhoben, ein abgeschlagener Kopf in der Hand. Doch auch hier handelt es sich um eine Inszenierung: ein Gemälde nach einer Fotografie einer Schauspielerin in einer historischen Rolle.
Und dennoch – oder gerade deshalb – verweist Dury auf die Kraft, die in Performance und Rollenspiel liegen kann. Wahrheit entsteht nicht nur im Dokumentarischen, sondern auch im Akt der Darstellung.
Leise Bilder, offene Erzählungen
Trotz ihrer retrohaften Ästhetik sind Durys Szenen unmittelbar wiedererkennbar. Sie zeigen Frauen in einer von Männern geprägten Welt, in gesellschaftlich zugeschriebenen Rollen. Ihre Werke sind keine lauten Gesten des Protests, sondern subtile Verschiebungen von Farbe, Geste und Atmosphäre.

Amy Dury lädt uns ein, genauer hinzusehen – und mehr sehen zu wollen. Die Bilder liefern keine eindeutigen Antworten. Sie eröffnen narrative Möglichkeitsräume. Welche Geschichte sie erzählen, liegt letztlich bei uns.
Kontakt für weitere Informationen zur Ausstellung:
www.kristinhjellegjerde.com
Vernissage
Donnerstag, 26. März 2026, 18–20 Uhr
Kristin Hjellegjerde Gallery
Mercator Höfe
Potsdamer Str. 77–87
10785 Berlin, Deutschland
Ausstellungsdauer: 27. März – 25. April 2026


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