LES PIERRES
PHILIP LOERSCH
APR 29 – MAY 30
2026
INTERVIEW
deine neue Ausstellung trägt den Titel „Les Pierres“. Ein offener Begriff, bei dem der Kunsthistoriker an die Land Art oder Konzeptkunst denkt, wo „Steine“ Material, Zeit oder Naturprozesse symbolisieren. Welche Rolle spielen „Les Pierres“ in deiner künstlerischen Arbeit?
Der Titel Les Pierres beschreibt diese Arbeiten zunächst ganz nüchtern als das, was sie sind. Gleichzeitig entsteht über die einzelnen Titel – Pierre Rembrandt, Pierre de La Tour, Pierre Turner, Pierre Mondrian – eine zweite Ebene: eine Verbindung von Material und kunsthistorischer Referenz.
Ich arbeite seit 2015 mit Stein. Er ist eines der ältesten Materialien, auf dem geschrieben wurde. Geglättet, beschrieben, gedacht für Dauer. Diese Verbindung von Material und Zeit interessiert mich. Land Art war für mich nie wirklich ein Bezugspunkt. Ich sehe mich in einer konzeptuellen Tradition. Aber natürlich interessiert mich Stein als gewachsenes Material mit eigener Struktur.

Was mich immer wieder überrascht: Ich fühle mich im Stein freier als auf Papier, obwohl er viel stärker vorgibt. Ich arbeite mich beim Klopfen und Schleifen in das Material hinein, lerne es kennen und merke, was darin steckt. Ich einige mich gewissermaßen mit dem Stein auf den Inhalt.
Wie bereits von dir angemerkt, tragen deine „Les Pierres“ große Klassiker der Kunstgeschichte auf ihrer „Haut“. Wie kam es zu deiner Entscheidung, diese „Meister“ als zentrales Motiv für deine eigene künstlerische Arbeit zu wählen?
Der Alabasterstein hat für mich einen spannenden Doppelcharakter, eine Art Zweiklang. Einerseits ist er ein Stein, andererseits ist er sehr fein und durchscheinend. Das Licht spielt hier eine große Rolle.
Zu meiner Reihe Les Pierres gehört auch noch ein fünfter Stein, Pierre Manet, der zum Gallery Weekend in einer Gruppenausstellung bei Michael Haas zu sehen ist. Wenn man die fünf Arbeiten zusammen betrachtet, zeigen sich gemeinsame Themen: Licht, Zeit, Struktur, Malerei, Bildaufbau.
Bei De La Tour und Turner geht es stark um Licht, das im Stein noch einmal anders weiter bzw. hindurch geführt werden kann. Zu Rembrandt bin ich auch über das Licht gekommen, dann aber schnell bei Fragen von Zeit und Dauer gelandet. Bei Mondrian interessiert mich die Klarheit und Ordnung seiner Malerei und was damit passiert, wenn sie auf ein Material trifft, das bereits eigene Strukturen mitbringt.
Die Wahl dieser fünf Künstler ist also weniger eine Hommage im klassischen Sinne, sondern ergibt sich aus der Frage, welche malerischen und zeichnerischen Ideen sich im Stein interessant weiterdenken oder neu formulieren lassen.
Man könnte dir den Vorwurf machen, ein Kopist zu sein. Mit einer nahezu tautologischen Präzision überträgst du nicht nur die Abbildungen deiner Vorlagen auf den Stein, sondern genauso den begleitenden Text, Nummerierungen, Seitenzahlen, Codes. Auch der Stil des „Meisters“ wird in deiner Schraffur mit Bleistift, Buntstift und Tusche übernommen. Gibt es tatsächlich eine Differenzierung zwischen „Original“ und Kopie? Oder bist du Kopist aus Überzeugung?
Ein guter Kopist zu sein, ist für mich erstmal nichts Negatives. Ich mag diese lange Tradition bis hin zu Mönchen und anderen, die Texte abgeschrieben haben, und ich lerne dabei immer noch unglaublich viel. Allerdings bleibt es ganz und gar nicht bei der Kopie. Auf den zweiten Blick verschiebt sich vieles.
Bei Mondrian greifen zum Beispiel die Adern des Steins in die Klarheit seiner Malerei ein und öffnen neue Gedanken. Bei Rembrandt werden Dinge gespiegelt, Momente überdacht und weitergeführt. Und bei De La Tour wird das Licht durch den Stein selbst getragen. Und bei Turner gab es irgendwann gar keine konkrete Vorlage mehr, da wurde es eine eigene Behauptung.
Ich frage mich tatsächlich immer, ob die Alten Meister Lust hätten, mit mir über meine Arbeit zu sprechen. Wenn ich das Gefühl hätte, nein, dann lasse ich es.
Und ja, den Stil übernehme ich sehr gerne! Wenn nicht von den großen Meistern, von wem sollte man denn lernen zu zeichnen? Natürlich arbeite ich oft mit bereits reproduzierten Bildern, teils aus Werkverzeichnissen oder Anhängen, und übertrage sie mit großer Genauigkeit in meine zeichnerische Form.
Die Zeichnung ist aber keine bloße Reproduktion, sondern eine Form der Aneignung, in der sich Aufmerksamkeit und Dauer einschreiben und dadurch etwas bewirken. Es gibt also Berührungspunkte zur Appropriation Art, aber das Zitat als Geste z. B. interessiert mich nicht besonders.
Bücher tauchen in deinen Arbeiten immer wieder als das Trägermedium für deine minutiösen Zeichnungen auf. Welche Bedeutung schreibst du dem Medium Buch zu?
Bücher und Texte waren lange Ausgangspunkt meiner Arbeit, bis ich sie irgendwann selbst zum Thema gemacht habe. Jeder kennt Bücher. Sie stehen für Wissen, Zeit, Information. Und nicht zuletzt durch die Anmutung eines Buches erkennt man oft erst auf den zweiten Blick, dass bei mir alles gezeichnet ist.
Mich interessiert neben dem Inhalt auch die Form des Buches: die Doppelseite, das Aufschlagen, das Links und Rechts, eigentlich alles Diptychen. Im leichten Durchscheinen des Papiers sehe ich oft eine starke Verbindung zur Transparenz des Alabastersteins.
Und dann die Schrift. Sie ist nicht nur Information, sondern auch Zeichnung. Ich sehe Schrift in meinen Arbeiten oft als eine Art Schraffur, die das Bild strukturiert. Gleichzeitig trägt so eben jene Schraffur sehr viel Information. Das ist ein spannender Moment.

Aktuell zeigt das Palais Populaire in Berlin die Ausstellung „Seeing Words, Reading Images“. Im Zentrum steht das Verhältnis von Schrift und Bild – als Linie, informelle Geste, Handschrift und Kalligrafie. In welchem Verhältnis siehst du dich als Künstler, der an der Schnittstelle zwischen Zeichnung und Schrift arbeitet?
Nicht zu vergessen dein Link zu Hanne Darboven, mit der du zusammen 2015 in einer Dialogshow in der Stiftung poolhaus Blankenese ausstellen durftest.
Zeitgenössische Positionen nehme ich natürlich wahr, mein Interesse liegt aber oft bei älteren Positionen. Künstler wie Henri Michaux sind wichtig, aber genauso alte Handschriften, illuminierte Manuskripte, Initialen oder Marginalien. Dort wird Schrift ganz selbstverständlich auch als Bild gedacht.
In München konnte ich mit Sweeter than Honey eine vergleichbare zu der von dir genannten Show sehen; ein Panorama der Written Art in der Pinakothek der Moderne in München. Dort fehlt für mich auf jeden Fall Hanne Darboven, die ich sehr schätze, gerade in ihrer Herausarbeitung der strukturierenden und zeitlichen Dimension von Schrift.

Es geht aber auch bei mir um ein genaues, systematisches Zeichnen und in den neuen Steinen auch wieder mehr um malerische Ansätze. Grundsätzlich sehe ich mich in diesem weiten Feld von Schrift und Bild. Ich selbst gehe jedoch von bereits gesetzten Texten und Bildern aus, die ich übertrage, wiederhole und weiterdenke.
Während der Arbeit spielen Gedanken an andere Künstler, die sich mit Schrift auseinandersetzen, dann aber fast keine Rolle mehr. Ich sehe mich in dem Moment aber zuerst in der Tradition derjenigen, mit denen ich mich gerade beschäftige. Bei De La Tour geht es um Licht, bei Rembrandt um Zeit und Verdichtung, bei Turner um die Malerei selbst. Ich bin in diesen Momenten nah bei ihnen.
Mich interessiert, was passiert, wenn ich ihr Werk noch einmal durch meine Hand und meinen Kopf laufen lasse und genieße meine Gedankennähe, das Zwiegespräch.
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