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Kristin Hjellegjerde Gallery | Amy Dury: Always, Everything
Amy Dury erforscht in “Always, Everything” Erinnerung, Rollenbilder und leise Machtverschiebungen – ab 27. März 2026 in Berlin.
Zwischen Erinnerung und Inszenierung
Ein Familienporträt: Vater, Mutter, zwei Töchter. Eine scheinbar ganz gewöhnliche Kernfamilie. Die Kinder halten leuchtend rote Rosen in den Händen, Sonnenflecken tanzen auf ihren Beinen, ein kleiner Hund liegt im Gras. Hinter ihnen breitet sich eine abstrakte florale Szenerie aus – als würde sie die Familie gleich verschlingen. Und die Mutter steht in Flammen, von innen heraus brennend.

Always, Everything, 2025, Oil on canvas, 150 x 120 cm, 59 x 47 1/4 in Mit dem Bild Always, Everything eröffnet die gleichnamige Einzelausstellung von Amy Dury in Berlin. Dury arbeitet auf Grundlage von Fotografien aus der jüngeren Vergangenheit, die sie als „fröhliche Urlaubs-Schnappschüsse“ beschreibt.
Vordergründig erzählen sie von Vertrautheit, Zufriedenheit und Schönheit. Doch in den Zwischentönen offenbaren sich komplexere Narrative. Im malerischen Prozess legt Dury jene unterschwellige Unruhe frei und verweist auf die Brüchigkeit von Erinnerung – darauf, wie Wahrheit sich verschiebt, entgleitet und niemals vollständig greifbar wird.
Rollenbilder im Wohnzimmer

If I only could, 2026, Oil on canvas, 100 x 100 cm, 39 3/8 x 39 3/8 in In If I only could (2026, Öl auf Leinwand, 100 × 100 cm) begegnen wir einem Paar in einem bürgerlichen Wohnzimmer der 1970er- oder 80er-Jahre. Der Mann sitzt lässig im Sessel, Schuhe abgestreift, Zigarette in der Hand. Seinen Arm hat er um den Hals der Frau gelegt, die auf der Lehne Platz genommen hat. Seine Pose strahlt selbstverständliche Souveränität aus, ihre wirkt zugleich angepasst und unbehaglich.
Die intensive Farbpalette aus Rosa- und Rottönen verstärkt die unausgesprochene Spannung im Raum – etwas bleibt verborgen, schwebt zwischen den Figuren.
Beobachten und Beobachtetwerden
Auch in anderen Werken der Ausstellung verschiebt Dury subtile Machtverhältnisse in den Fokus. 5 O’Clock Somewhere: Ein Mann tanzt im Vordergrund in heißen Orange- und Rottönen, während im Hintergrund eine Frau mit verschränkten Armen distanziert zusieht.
Invitation (2025, Öl auf Leinwand, 120 × 100 cm): In kühlen Grüntönen steht eine Frau zwischen zwei Vorhängen. Der Titel scheint ironisch – ihre starre Haltung und ihr entrückter Blick wirken alles andere als einladend.

The Fixer, 2026, Oil on canvas, 150 x 120 cm, 59 x 47 1/4 in The Fixer (2026, Öl auf Leinwand, 150 × 120 cm): Mädchen auf einem Pfadfinderinnenlager üben Erste Hilfe, indem sie sich gegenseitig bandagieren.

To Boldly Go, 2026, Oil on canvas, 150 x 100 cm, 59 x 39 3/8 in To Boldly Go (2026, Öl auf Leinwand, 150 × 100 cm): Zwei Jungen stechen mit einem improvisierten Boot in See.
So unschuldig die Szenen erscheinen mögen, so klar treten traditionelle Rollenzuschreibungen hervor – Mädchen als Fürsorgende, Jungen als Abenteurer. Doch Dury urteilt nicht. Ihre Malerei bleibt leise, fast zurückhaltend, und macht gerade dadurch innere Konflikte sichtbar.
Inszenierte Stärke
Am deutlichsten tritt das Thema der Rolle in Nance O’Neil as Judith hervor. Das Werk zeigt die amerikanische Schauspielerin Nance O’Neil in der Rolle der Judith von Bethulia – Schwert erhoben, ein abgeschlagener Kopf in der Hand. Doch auch hier handelt es sich um eine Inszenierung: ein Gemälde nach einer Fotografie einer Schauspielerin in einer historischen Rolle.
Und dennoch – oder gerade deshalb – verweist Dury auf die Kraft, die in Performance und Rollenspiel liegen kann. Wahrheit entsteht nicht nur im Dokumentarischen, sondern auch im Akt der Darstellung.
Leise Bilder, offene Erzählungen
Trotz ihrer retrohaften Ästhetik sind Durys Szenen unmittelbar wiedererkennbar. Sie zeigen Frauen in einer von Männern geprägten Welt, in gesellschaftlich zugeschriebenen Rollen. Ihre Werke sind keine lauten Gesten des Protests, sondern subtile Verschiebungen von Farbe, Geste und Atmosphäre.

Amy Dury lädt uns ein, genauer hinzusehen – und mehr sehen zu wollen. Die Bilder liefern keine eindeutigen Antworten. Sie eröffnen narrative Möglichkeitsräume. Welche Geschichte sie erzählen, liegt letztlich bei uns.
Kontakt für weitere Informationen zur Ausstellung:
www.kristinhjellegjerde.comVernissage
Donnerstag, 26. März 2026, 18–20 Uhr
Kristin Hjellegjerde Gallery
Mercator Höfe
Potsdamer Str. 77–87
10785 Berlin, DeutschlandAusstellungsdauer: 27. März – 25. April 2026
Taged as/in; Always Everything, Amy Dury, berlin, contemporary art, exhibition, Figurative Art, Gallery Weekend, painting -

Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus
KI als Heilsversprechen – hinter dem Hype stehen Macht, Ausbeutung und autoritäre Visionen. Rainer Mühlhoff zeigt, wie Tech-Industrie und Rechte zusammenwirken.
Ein Buch von Rainer Mühlhoff
Die politischen und technischen Machthaber der USA kündigen massenhaft Verwaltungsmitarbeitern, um einen KI-Staat zu errichten. Tech-CEOs verkaufen künstliche Intelligenz als Heilsbringer für die größten Probleme der Menschheit, obwohl die entsprechende Industrie auf Ausbeutung und Menschenverachtung beruht.

Warum lässt sich die Öffentlichkeit durch Spekulation über Erlösung oder Auslöschung durch KI von den erheblichen Schäden durch KI in unserer Gegenwart ablenken? Wie erkennen wir die zunehmend faschistischen Tendenzen, die sich im Zusammenspiel von Tech-Industrie und der neuen Rechten bilden?
Rainer Mühlhoff entwickelt Antworten und diskutiert Lösungsansätze.

[Was bedeutet das alles?]
Rainer Mühlhoff:
Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus160 Seiten
Taschenbuch
148 mm x 96 mm
Erschienen am 16.07.2025
ISBN: 978-3-15-014666-8
8,00 ۆber den Autor:
Rainer Mühlhoff, geb. 1982, Philosoph und Mathematiker, ist Professor für Ethik und kritische Theorien der Künstlichen Intelligenz an der Universität Osnabrück. Er ist außerdem assoziiert am Einstein Center Digital Future, Berlin, und am Weizenbaum-Institut, Berlin.
Seine Forschungsthemen umfassen Ethik und Sozialphilosophie, kritische Theorie und Kontinentalphilosophie, Datenschutz und Demokratieresilienz, Wissenschaftsphilosophie und Technikphilosophie in der digitalen Gesellschaft.
Taged as/in; autoritarismus, datenpolitik, Demokratie, Faschismus, Gesellschaft, KI, kuenstlicheintelligenz, Politik, Technologie -

Digital Restitution: Sven Vollbrecht’s Gold-Encoded Domain
Berlin artist Sven Vollbrecht transforms a domain into a gold-encoded social sculpture, turning digital ownership into a performative act of restitution.
Whilst museums and governments continue to debate the restitution of looted artifacts and colonial-era objects, a parallel discourse is emerging in the digital sphere. In Berlin, conceptual artist Sven Vollbrecht proposes an unusual gesture: the restitution of a web domain.
.COMpliance – A New Kind of Restitution
With his project “.COMpliance,” Vollbrecht claims legal ownership of the domain gallery-weekend-berlin.com and frames that possession not as speculation, but as temporary custodianship. The artist has announced that the domain will be ceremonially transferred to what he calls its “semantic home” on May 1, 2026. Until then, the web address functions as an empty exhibition space—a digital “white cube” documenting its own eventual return. The intervention raises a fundamental question: Can digital property be repatriated like cultural heritage?

From Commercial Asset to Social Sculpture
At the conceptual core of Vollbrecht’s project lies a reinterpretation of the idea of the social sculpture, developed by Joseph Beuys. Beuys famously expanded the notion of art beyond objects, proposing that society itself could become a creative medium. Vollbrecht translates this philosophy into the language of digital capitalism. A domain name—normally treated as a speculative asset—becomes the raw material for a conceptual artwork.
The project’s title, .COMpliance, deliberately plays on the dual meaning of compliance and the “.com” domain suffix. The work reframes internet infrastructure as both economic territory and cultural commons. By declaring himself a trustee rather than an owner, Vollbrecht transforms a commercial property into a participatory artistic gesture. The artwork therefore unfolds not only online but also through legal frameworks, symbolic acts, and time itself
Materializing the Internet
In order to give physical form to the otherwise intangible domain, Vollbrecht created a sculptural artifact: a gold-bar readymade containing the domain’s transfer code embedded within an invisible RFID chip.

The object functions as a material key to digital space. In practical terms, the authorization code—normally an alphanumeric string used to transfer domain ownership—has been converted into a physical medium.
The gesture echoes the readymade tradition initiated by Marcel Duchamp, while also referencing the symbolic value of gold as a traditional store of wealth. By combining both elements, Vollbrecht compresses several layers of meaning into a single object. The gold bar represents value, speculation, and permanence; the embedded RFID chip signifies the invisible infrastructure of information. And the domain’s auth-code embodies the legal mechanism of ownership. Together, they transform a simple artifact into a dense conceptual nexus linking materiality, technology, and legality.
The Domain as Exhibition Space
Until the scheduled transfer date, the domain operates as a neutral display environment. Instead of hosting a conventional website, it functions as a digital white cube, echoing the minimalist exhibition spaces associated with contemporary art.
Visitors encounter a live countdown marking the time remaining until the act of restitution. In this sense, the artwork is time-based and performative: the project only completes itself when ownership is relinquished.
The strategy recalls conceptual practices of the late twentieth century, where the artwork often consisted less of a physical object than of a process, instruction, or event.
Berlin and the Symbolic Geography of Art
The choice of domain is not accidental. Gallery Weekend Berlin, one of the city’s most prominent art events, takes place annually around May Day and brings together dozens of galleries across the city. The event has become a central fixture in Berlin’s contemporary art calendar, attracting collectors, curators, and international audiences.
By appropriating a domain that references this event, Vollbrecht inserts his intervention into the symbolic infrastructure surrounding Berlin’s art market. The domain itself becomes a site-specific artwork, operating within the linguistic and digital ecosystem of the city’s art scene.
In this context, the restitution planned for May 1—coinciding with the period traditionally associated with Gallery Weekend—acquires an additional layer of performative meaning.
A Practice Rooted in Conceptual Inquiry
Vollbrecht’s broader artistic practice revolves around examining consumer culture, societal structures, and the relationship between audience and artwork. His installations and participatory works often question how everyday systems—from food industries to media production—shape contemporary experience.
Before fully dedicating himself to art, he worked as a photographer and director in commercial media production. Since 2022, he has focused exclusively on conceptual artistic projects that blur the boundaries between economy, technology, and culture.
“.COMpliance” continues this trajectory by targeting a seemingly mundane yet powerful structure: the domain name system, one of the internet’s fundamental infrastructures.
Ownership, Language, and the Internet
Ultimately, Vollbrecht’s project operates in the space between law, language, and symbolism. A domain name is not merely a technical address but a linguistic territory—one that can be bought, sold, or strategically withheld.

By temporarily occupying such a territory and then relinquishing it through a public ritual, the artist turns the mechanics of internet governance into artistic material.
The countdown toward May 1, 2026 therefore functions as both a clock and a conceptual frame: a reminder that in the digital age, ownership itself can become a performance.
Update: Between Approach, Stalemate, and Systemic Critique
A More Complex Picture Emerges
New developments surrounding Sven Vollbrecht’s project .COMpliance paint a more complex picture than initially assumed. In the context of Gallery Weekend Berlin, an indirect approach took place in advance: initial contact was established via an email from a senior representative of the Gallery Weekend, who used a .com address—combined with an invitation from the circle of a Berlin-based collector couple to a vernissage including dinner. I personally had no contact with the Gallery Weekend Berlin representative and merely forwarded the invitation. In the interest of fairness, Vollbrecht, as the owner of the .com domain, responded to the invitation; however, a sustained dialogue did not materialize.
Legal Pressure and a Tight Deadline
Just one day later, a letter followed from a lawyer who also represents prominent artists and other art fairs. Within the art scene, he is often referred to as an “art consigliere.” The message was clear: since the parties involved would only remain in Berlin until April 30, a resolution needed to be reached quickly.
Vollbrecht, however, points to the integrity of his work, which is deliberately designed to run until May 1—so far without any substantial response from the other side.
Artistic Motivation and Systemic Critique
At the same time, the artist’s personal commitment remains notable. He frames his motivation in fundamental terms: it is about his own position within an art system structured by gatekeepers, which often excludes alternative approaches or critical voices.
Domains, Ownership, and Missed Dialogue
The research also shows that numerous institutions continue to strategically secure .com domains. Vollbrecht himself has been the lawful owner of the domain since 2022 and emphasizes that his original inquiry and planned transfer were always intended without profit—rather as an invitation to dialogue and human appreciation, not as a transaction.
Only later did a possible sum briefly come into consideration, linked to the hope for a personal meeting. However, this did not materialize on the part of those responsible; instead, the artist chose to carry the project through to its conclusion, thereby holding up a mirror to the art world.
Four Years of Silence
Vollbrecht has been in possession of the .com domain for over four years. After initial attempts to initiate dialogue, there has largely been radio silence from the operators of gallery-weekend-berlin.de, who have been communicating internationally—primarily in English and German—for around 15 years.
The Gold Bar as a Physical Manifesto
The gold bar, as the project’s central artifact, remains more than a symbol: it translates a digital asset into a physical experience. Vollbrecht describes this as an attempt to break through systemic boundaries and to encourage viewers to form their own interpretations.
It is not about monetary value, but about perception, about questions—and ultimately about the hope for recognition from those to whom the domain’s semantic home is attributed.
Editor’s Note (May 1, 2026)
As of this date, the offer of donation for the transfer of the domain as part of the art project “.COMpliance” had expired. Since the management of Gallery Weekend Berlin UG had declined acceptance under conditions that preserve the integrity of the work, the domain remained the lawful property of the artist.
Taged as/in; .COMpliance, art, berlin, Conceptual, countdown, Digital, domain, Gallery Weekend Berlin, gold, performance, Restitution, sculpture, Sven Vollbrecht -

Eine Abrechnung mit zu heiß geliebten Götzen – Jane Eyre
Eine radikale Jane Eyre: Am Gorki wird Brontës Klassiker zur feministischen Abrechnung mit patriarchaler Gewalt – wütend, klug und erschreckend aktuell.
Mit ihrer Neuüberschreibung von Jane Eyre stellen die beiden Regisseurinnen und Autorinnen Duo Daniela Holtz und Nairi Hadodo am Maxim Gorki Theater eine radikale Frage: Was bleibt von der berühmten Gothic-Romance, wenn man ihr die Romantik entzieht und stattdessen die strukturelle Gewalt sichtbar macht, auf der sie eigentlich basiert?
Ausgangspunkt ist der Klassiker von Charlotte Brontë aus dem Jahr 1847. Diese Inszenierung interessiert sich weniger für die sentimentale Liebesgeschichte. Sie fokussiert vielmehr auf die patriarchalen Strukturen, die sie überhaupt erst möglich machen. Jane Eyre erscheint hier nicht als romantische Heldin – sondern als Chronistin eines Systems. Die Version der beiden Regisseurinnen ist daher weniger Adaption als Abrechnung.
Teil I – Gewalt als Ursprung
Schön früh erlebt Jane Gewalt: im Elternhaus, im Internat, später auch in der vermeintlichen Sicherheit ihrer Stellung als Gouvernante. Das Trauma ist nicht individuell, sondern strukturell. Als mittellose Waise ist Jane im viktorianischen England gesellschaftlich praktisch rechtlos. Für ihre Verwandten ist sie eine Last, für die Gesellschaft ein sozialer Zwischenkörper – weder Dienerin noch Familienmitglied.

In einer der frühen Szenen wird sie öffentlich gebrandmarkt:
„Seht ihr alle dieses Mädchen? … Wer dächte, dass der Böse in ihr bereits eine Dienerin war.“
Der Prediger Brocklehurst stilisiert sie zum moralischen Risiko für die Gemeinschaft – ein klassischer Mechanismus sozialer Disziplinierung. Frauen, die nicht in die Ordnung passen, werden pathologisiert: hysterisch, überemotional, gefährlich.
Die Bühne übersetzt diese Struktur in ein klares Bild. Ein scharlachroter Raum, durchzogen von einer spitz zulaufenden Wand, die wie der Bug eines Schiffs den Raum zerschneidet. Die Farbe wirkt wie getrocknetes Blut – ein visuelles Gedächtnis für Gewalt. Auf diese Fläche schreibt Jane mit Kreide das erste Kapitel der Geschichte: GEWALT.
Im Gegensatz zu den zahlreichen Verfilmungen des Romans wird das Material hier nicht romantisiert. Statt Nebel, Kerzenlicht und viktorianischer Melancholie präsentiert die Inszenierung ein Archiv patriarchaler Übergriffe.
Female Rage und das kollektive Gedächtnis
Die Inszenierung arbeitet mit einem wiederkehrenden Motiv: dem Echo weiblicher Stimmen. Ein Lachen aus dem Off begleitet Jane durch die Handlung, manchmal spöttisch, manchmal warnend.
Es klingt wie ein Chor aus Jahrhunderten.
Die berühmte Internetparole „Kill All Men“ wird hier nicht als wörtlicher Aufruf inszeniert, sondern als rhetorische Verdichtung eines kollektiven Erfahrungsraums. Frauen teilen über Generationen hinweg vergleichbare Erfahrungen von Machtmissbrauch, Gaslighting und sozialer Isolation.
Die Inszenierung am Gorki Theater legt nahe, dass diese Geschichten lange unsichtbar geblieben sind. Sie waren verborgen hinter der Scham. Diese Scham wird ihren Opfern von patriarchalen Systemen auferlegt. Erst im digitalen Zeitalter wurde daraus ein kollektives Bewusstsein.
Die Bühne reagiert darauf mit einer Mischung aus historischen und futuristischen Kostümen. Zerlumpte Stoffe, viktorianische Silhouetten und Elemente, die an zukünftige Mode erinnern. Vergangenheit und Gegenwart verzahnen sich.
Female Rage erscheint hier nicht als modernes Phänomen – sondern als historisches Kontinuum.
Teil II – Die politische Ökonomie der Liebe
In der Adaption und den Texten wird die Liebesgeschichte zwischen Jane und ihrem Arbeitgeber Edward Rochester zu einer Untersuchung sozialer Machtverhältnisse. Jane formuliert es im Stück radikal:
„Diese erfolgreichen weißen Männer sind nicht dort, wo sie sind, weil Männer sie respektieren. Sie sind dort, weil es immer eine Frau gab, deren Schwachstelle sie strukturell ausnutzen konnten.“
Liebe erscheint hier nicht als romantische Begegnung zweier Individuen, sondern als gesellschaftlicher Mechanismus. Männer können ihren Status durch Ehe sichtbar machen und gleichzeitig ihre Freiheit behalten. Frauen hingegen wird durch Gewalt – subtil oder offen – ein Platz zugewiesen.
Jane erkennt dieses System früh. Als Rochester beginnt, sie zu verführen, reagiert sie nicht mit Hingabe, sondern mit Analyse. Immer wieder verweist sie auf ihr Angestelltenverhältnis. In dieser scheinbar bürokratischen Formulierung liegt eine radikale Kritik: Die romantische Annäherung ist in Wahrheit eine Machtbeziehung.
Die Inszenierung macht diesen Punkt auch visuell sichtbar. In einer Szene schreibt Jane das Wort LIEBE (?) an die Wand – das Fragezeichen ist entscheidend.
Bigamie, Manipulation und das Geheimnis des Hauses
Der klassische Konflikt des Romans – Rochesters versteckte Ehe mit Bertha Mason – wird in dieser Version nicht als melodramatischer Twist erzählt, sondern als strukturelle Enthüllung.
Rochester hat seine erste Frau isoliert, pathologisiert und in einem Raum versteckt. Wahnsinn wird zur sozialen Kategorie: eine Frau, die nicht mehr in das System passt, wird zum Monster erklärt.

Jane entdeckt diese Wahrheit kurz vor der geplanten Hochzeit. Der Pastor verweigert die Trauung. Bigamie – ein juristischer Skandal – entlarvt zugleich die moralische Heuchelei der Gesellschaft.
Zuvor jedoch hat Jane Rochester bereits einmal gerettet: als im Haus ein Feuer ausbricht. Die Szene funktioniert als Parabel. Die Frau rettet den Mann – doch die gesellschaftliche Struktur bleibt dieselbe.
Teil III – Die Stimme der Unsichtbaren
Das Stück endet nicht mit Jane, sondern mit Bertha Mason. Ihr flammender Monolog bildet den emotionalen Höhepunkt der Inszenierung. Bertha beschreibt die körperliche Gewalt und die Demütigungen, die sie erfahren hat – nüchtern, präzise, ohne Pathos.
„Die Kleider werden vom Körper genommen, nicht sinnlich, nicht leidenschaftlich.“
Der Moment der Stille, den sie beschreibt – in dem der Mann kurz so tut, als schäme er sich – entlarvt die ritualisierte Moral des Patriarchats. Selbst Gewalt braucht eine höfliche Geste. Bertha wird damit zur eigentlichen Erzählerin der Geschichte.
Eine feministische Jane Eyre
Hadodos und Holtz‘ Inszenierung folgt nicht strikt der Chronologie des Romans. Vielmehr zerlegt sie die Geschichte in thematische Fragmente: Gewalt, Arbeit, Sexualität, Ehe.
Die Figuren wirken wie Fallstudien eines sozialen Systems. Amelie – die aristokratische Rivalin – fungiert als Gegenpol zu Jane und zeigt, wie Status und Gaslighting Hand in Hand gehen. Andere Figuren verschwinden oder werden verdichtet.
Der Effekt ist bewusst analytisch. Diese Jane Eyre ist keine viktorianische Heldin mehr. Sie ist eine Feministin des 21. Jahrhunderts.
Immer wieder wird das Publikum daran erinnert, dass patriarchale Systeme nicht nur durch offene Gewalt funktionieren. Vielmehr durch unzählige kleine Gesten: Loyalitäten, Kompromisse, stillschweigende Erwartungen.
Oder, wie es eine der Kreidebotschaften auf der Bühne formuliert: „Fact is often stronger than fiction.“
Vielleicht liegt darin die eigentliche Pointe des Abends. Der Roman von Charlotte Brontë galt lange als romantische Emanzipationsgeschichte. Die komplexe Inszenierung macht jedoch deutlich, dass diese Emanzipation nur innerhalb eines asymetrischen Machtkonstruks möglich war. Dieses Konstruk beruhte auf der Unsichtbarkeit anderer Frauen.
Am Ende bleibt deshalb eine unbequeme Frage: Wer hat die vielen unsichtbaren Gesten vollbracht, die dieses System überhaupt erst am Leben hielten?
Jane Eyre
Nach dem Roman von
Charlotte BrontëMit Texten von
Nairi HadodoRegie: Nairi Hadodo,
Daniela HoltzTaged as/in; adaptation, berlin, Charlotte Brontë, critics, culture, design, female rage, feminism, Feminismus, Jane Eyre, literature, Maxim Gorki Theater, novel, Review, stage performance, studio r, Theater, Theatre, victorian -

Saavan – PURE LP out Apr 10th via Yotanka Rec.
Parisian duo Saavan reinvent themselves on PURE, blending dreamy vocals and bold synths for a genre-defying journey through electronic, R&B, and pop.
Saavan has perhaps never been more aptly named than with their new album, “Pure.” Synonymous with “new era” in Hindi (the holy monsoon month), Saavan marks a renewal in their career. Now free from the electro-chill and downtempo scenes typical of sunset playlists, the Parisian duo allows themselves to explore new musical territories, “starting from scratch,” as Lucas (vocals, electronics) explains.
disenchanted synthesizer textures
Claire and Lucas’s vocal interplay is ever-dreamy. The adventurous, disenchanted synthesizer textures characterize their work. Extremely diverse influences emerge from their music. A sonic palette liberated from conventions and inspired by the artists who have shaped the last decade.

Saavan drew inspiration from diverse artists. Mount Kimbie and Bonobo influenced their electronic music. James Blake and Chet Faker contributed to the R&B textures and emotion. Jadu Heart inspired smooth pop toplines. Tyler, The Creator gave insight into hip-hop and creative freedom. Saavan also explored a psychedelic vibe with Massive Attack. Saavan held nothing back. More radical and audacious, “Pure” resonates like the soundtrack to sleepless nights and the search for the light of day. An epiphany.

Details:
14.10.25 – Nosferatu (single 1)
12.11.25 : I Can Fly For Real (single 2)
09.12.25 : Where Did All My Friends Go? (single 3)
13.01.26 : Heads (single 4)
10.02.26 : All Alone (single 5)
10.03.26 : Slowing You Down (single 6)
10.04.26 – PURE (album)About Savaan
Saavan is a Paris‑based electronic music duo made up of Lucas Mokrani and Claire Lengaigne. Their sound blends atmospheric synth layers, evocative vocals, and deconstructed rhythms. This creates a distinctive sonic identity rooted in ambient, downtempo, indie‑electronic, and dream pop.
The pair met while on holiday in the mountains, quickly discovering a creative chemistry that balances Lucas’s intensity with Claire’s softer sensibilities. Their early work built their reputation in the indie-electronic scene. This includes the Observatory EP and 2022 debut album CHAPTERS. They have millions of streams and a devoted global fanbase.
Saavan’s music aims to be “the soundtrack of our memories.” It weaves lush soundscapes with introspective lyricism. Strong basslines resonate from late‑night introspection to dreamy reflection. Their upcoming album PURE (April 10, 2026, Yotanka Records) continues this evolution, showcasing their genre‑defying approach and artistic growth.
Taged as/in; Audacious, dreamy, duo, electro chill, Electronic, GenreBlending, innovative, Music, newmusic, Paris, Pop, PURE, RnB, Saavan, synths, YotankaRecords -

Neuköllner Oper: NOISE, NO DOOM NO STRESS & LAST EXIT EUROPA
Frühling bei der Neuköllner Oper: NOISE & LAST EXIT EUROPA starten im April – immersive Opern, Musik & Performance zwischen Krise und Liebe.
Mit der Kammeroper SELEMO hat die Neuköllner Oper den Frühling bereits mit einem wahren musikalischen Fest begrüßt. In den nächsten Monaten folgen weitere brisante Themen auf der Bühne. Die Highlights der NO im Frühling nachfolgend:
NOISE – Eine Kollapsfantasie von Club Gewalt
Wurde uns nicht mal eine Zukunft von Stabilität und Fortschritt versprochen? Anstelle von Wohlstand, Frieden und den Früchten des Technik-Booms drohen jetzt alle Systeme zusammenzubrechen. Klimakatastrophe, Kriege, Faschismus: Wir leben in Zeiten der Polykrise. Die Nachrichtenlage lässt sich kaum noch verarbeiten und versetzt in permanenten Stress. Wie können unsere Sinne lernen, mit dieser Überforderung umzugehen, ohne abzustumpfen?
In der intensiv-immersiven Performance-Oper NOISE taucht Club Gewalt mit dem Publikum ein in das Rauschen der Weltuntergangsprognosen – und singt aus voller Lunge dagegen an. Das Ziel: Wieder lieben zu lernen, ein Mensch zu sein.
NO DOOM NO STRESS
Club Gewalt ist ein musikbasiertes Performance-Kollektiv aus Rotterdam. Sie machen, komponieren, produzieren und performen ihre eigenen Werke aus dem Widerstand gegen Ungerechtigkeit und der Liebe für das Zusammensein. Dazu gehören feministische Punk-Weihnachtsmusicals und trübsinnige Opern über institutionellen Rassismus. Auch Clubabende in Museen und politische Slutpop-Konzerte zählen dazu. Immer musikalisch virtuos, mit Witz und irgendwie unbequem.
LAST EXIT EUROPA
Von Laura Laabs (Text) und Leo Solter (Musik)

© Murat Aslan Europa: ein Kontinent, eine Idee, ein Machtzentrum. Aber auch: eine geraubte Königstochter – ein Mythos. Diesen Factten gehen Regisseurin Laura Laabs und Musiker Leo Solter im neuen Stück LAST EXIT EUROPA nach.
NO CASH NO MYTH
Hallo, Europa, hörst du die Signale? Dort, in einem entlegenen Truckstopp, irgendwo am Rande der Freiheitsautobahn, gleich beim geschlossenen Schlagbaum, blinkt noch matt der Spieleautomat, leiert die letzte Jukebox des alten Kontinents, fällt Brechts Groschen vergeblich in den Plüschtiergreifer.
Hier, an der Gogo-Stange, dreht sich Nacht für Nacht eine müde Tänzerin, der Lack ist nicht nur an den Nägeln ab. Doch das Herz trägt sie auf der Zunge. Sie singt den Schlaflosen, den Versprengten, den Resten des Abendlandes ihre Lieder. Diese handeln von Unterwerfung und Ermächtigung. Sie erzählen von Schwertern und Scheiden, von Prostitution und Revolution.
Wenn der Scheinwerfer angeht, sieht man es: Sie trägt ein blaues Gewand und eine gleißende Krone aus goldenen Sternen. Die Tänzerin braucht den blöden Stier schon lange nicht mehr. Es ist ihre Stimme, die ihr Flügel verleiht und sie über alle Grenzen schweben lässt.
Mehr NO! Neuer Spielplan – April, Mai und Juni in der NO
Gleich zwei Uraufführungen erwarten Sie im April. Das erste ist die apokalyptische, immersive Opernperformance NOISE von Club Gewalt. Das zweite ist Laura Laabs’ und Leo Solters’ musikalische Auseinandersetzung über die vielen Facetten Europas: LAST EXIT EUROPA.

Im Mai nimmt das Ensemble von NO Jung Theater- und Horror-Klassiker auseinander mit ihrer neuen Produktion I KNOW WHAT YOU DID LAST SOMMERNACHTSTRAUM.
Auch die jungen Theatermacher*innen von NO Kids präsentieren im Juni ihr neuentwickeltes Stück der Öffentlichkeit: MY MELODIES ist eine Reise durch die Musik-Jahrzehnte in Richtung Zukunft.
Im Juni und Juli dreht sich alles um die ägyptische Sängerin Umm Kulthum. Sie ist eine der großen Ikonen der klassischen, arabischen Musik. Ihre Stimme verbindet Menschen des gesamten südöstlichen Mittelmeerraums über Länder und Kulturen hinweg.
Komponistin Nesrine Belmokh und Regisseur Sjaron Minailo widmen ihr mit طرب / TARAB. einen Abend, der ekstatisch um das in ihren Liedern immer wiederkehrende Thema kreist: Die Liebe. Am 4. und 5. Juli wird die Passage der Neuköllner Oper Berlin darüber hinaus zum Open-Air-Wohnzimmer Neuköllns – mit WO IST UMM KULTHUM?, einem Fest rund um das musikalische wie gesellschaftliche Erbe der Musikerin.
Copyright © 2024 Neuköllner Oper e.V.
Taged as/in; 16. April, 30. April, berlin, club, Europa, experimentell, Immersion, interaktiv, Jugend, Kultur, Musik, Oper, performance, Premiere, Theater, Theaterkids, Young -

BAC – Arp in Tension: Naturist Psy-Tekno Pulse
BAC fuse misty Norwegian air with analogue pulses—“Arp in Tension” drifts through hypnotic psy-tekno, where forest euphoria meets sunrise trance.
Baneveien Arp Club (BAC) — the duo comprised of Henrik Angermund and Johannes Hallanger — emerge from the misty west coast of Norway. They present a trilogy of singles on Tellé Records. These singles channel mountain air, analogue circuitry, and late-night forest euphoria. Blending ancient-feeling techno textures with sunrise ambient and a longing touch of trance, BAC shape what they call naturist psy-techno: hypnotic arpeggio landscapes that pulse like a slow-motion forest rave. Carrying the atmosphere of mountains, mist, and machines into adventurous DJ sets and specialist radio worldwide.

Details:
Artist: Baneveien Arp Club (BAC)
Release: Arp in Tension
Label: Tellé Records
Release Date: March 13, 2026Their first three transmissions arrive as: “Arp in Tension” (March 13),
“Meat in the System” (April 17), and “Continents of Utopia” (May 15).Taged as/in; ambient, Arp in Tension, Baneveien Arp Club, Henrik Angermund, Johannes Hallanger, Norway, psy-techno, techno, Telle Records, Trance
Wanna Sign in too?
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