ANDROGYNOUS: Subversive Ekstase und queer-politischer Appell

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3–5 minutes

Das Maxim Gorki Theater präsentiert Lola Arias’ “Androgynous. Portrait of a Naked Dancer”: Ein aufrüttelndes Bühnenstück, das die Brücke zwischen der exzessiven Berliner Subkultur der 1920er Jahre und der heutigen queeren Clubculture schlägt. Im Zentrum steht die Ikone Anita Berber – Tänzerin, Filmstar und Enfant terrible der Weimarer Republik.

Das Stück ist mehr als eine historische Aufarbeitung. Es ist eine leidenschaftliche Infragestellung von Zensur, Widerstand und der Rolle der Kunst in unsicheren Zeiten, gerade angesichts der zunehmenden Unterdrückung von Selbstbestimmung marginalisierter Gruppen.

die Grenzen zwischen Realität und Fiktion

Die argentinische Regisseurin Lola Arias ist bekannt für ihren dokumentarischen Ansatz, welcher die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschiebt, indem sie intime, persönliche Biografien auf die Bühne holt. Für dieses Projekt kollaborierte sie eng mit der Poledancer:in River Roux.

Roux, die durch Abstraktion des Sujets und autobiografische Tiefe die Komplexität verschiedener Gender und Identitäten navigiert, dient so als eindringlicher Spiegel Berbers in den 2020er Jahren. Auf der Bühne treffen Roux, Bishop Black und Dieter Rita Scholl aufeinander, um in einem Setting, das einem zeitgenössischen Kabarett gleicht, die legendären Figuren der „Goldenen Zwanziger“ neu zu verkörpern.

Die Rekonstruktion der Radikalität: Tanz als Befreiungsschlag

Die zentrale und schmerzhafte Herausforderung des Stücks ist die Rekonstruktion einer Kunstform, von der oft nur Zensurberichte, verurteilende Polizeiakten und verschwommene Fotos existieren. Anita Berbers Performances waren ihrer Zeit weit voraus. Performances geprägt von expliziter Erotik, Horror-Elementen und einer provokanten Geschlechterambiguität, welche die bürgerlichen Normen und die Vorstellungskraft des Möglichen sprengten.

Diese existenziellen Transgressionen wurden nachträglich auf oberflächliche Skandale reduziert. Mit dem “Tanz der Salome” zerbrach Berbers Weltbild endgültig an der blutigen Wahrheit des keimenden Naziregimes. Doch “Androgynous” scheut sich nicht, die dunklen Schatten zu beleuchten. Thematisiert werden auch Drogenkonsum, sexualisierte Gewalt, Stereotypisierung, Marginalisierung und gesellschaftliche Stigmata, welche der LGBTQIA+-Community bis heute ein selbstbestimmtes Leben erschweren. 

Ihre Tänze hießen “Morphium”, “Cocaine” und “Ekstase”

Bishop Black, River Roux in
Androgynous. Portrait of a naked dancer.

Einige der gezeigten Performances visualisieren, wie leidvoll und schmerzhaft dieser Befreiungsschlag auf der Bühne sein kann. Das Ensemble belebt diese historischen Tänze und Haltungen mithilfe von Archivmaterial und detaillierten Polizeiberichten neu. Die zentralen Fragen bleiben: Wie radikal und provokativ waren diese Tänze für eine Gesellschaft, die aus den Trümmern des Ersten Weltkriegs aufstieg? Sind sie heute, hundert Jahre später, immer noch subversiv?

Die Antwort auf letzteres lautet: ja, denn heute stehen wir vor den selben Herausforderungen wie vor rund hundert Jahren. Freiheitsrechte werden beschnitten, Freiräume verschwinden und der Rechtsruck ist in vollem Gange. Die Skandale, sowie Berbers Rollen sprechen Bände über das Weltbild der Nachkriegsgeneration und zeugen von dem Schrecken, der noch bevorstand.

Gestern und Heute: Ein Spiegelkabinett des Überlebens

Lola Arias nutzt die historische Folie der 1920er Jahre – einer Epoche kurz vor dem Aufstieg des Naziregimes und dem drohenden Ende der Kunstfreiheit – um eine direkte, alarmierende Parallele zur Gegenwart zu ziehen. Die Performer:innen mischen die rekonstruierten historischen Momente mit ihren eigenen, heutigen Lebenserfahrungen als Künstler:innen des Nachtlebens. Diese Zeitreise ist der ungeschönte Kern der Inszenierung. Sie enthüllt, dass die Kämpfe um sexuelle Freiheit, Akzeptanz und die Schaffung von Schutzräumen nie abgeschlossen waren.

Die Gegenkultur der 20er Jahre bot – ähnlich wie die heutige Clubszene – unverzichtbare Räume des Dissenses, der Fürsorge und des kollektiven Überlebens in Krisenzeiten. Indem die Darsteller:innen ihre historischen Alter Egos verkörpern, wird “Androgynous” zu einer vielschichtigen Untersuchung der Komplexität des Widerstands. Es feiert, was die Ikone Berber vorgelebt hat. Das Leben und Tanzen als unbedingter Akt der Selbstbehauptung gegen eine drohende Tyrannei.

Das Erbe der „Bad Girls“: Ein Appell zur Verteidigung

Dieter Rita Scholl, River Roux, Bishop Black in
Androgynous. Portrait of a naked dancer.

Die Produktion ist eine leidenschaftliche Feier des queeren Stolzes und der performativen Kraft der Sexualität. Es ist eine unmissverständliche Hommage an die “Bad Girls” der Geschichte – jene, die das Risiko der Sichtbarkeit eingingen und dafür den höchsten Preis zahlten. Anita Berber starb jung, im Alter von nur 29 Jahren, in einem Berliner Krankenhaus. Ihr Vermächtnis als Ikone des Expressionismus und der frühen queeren Subkultur lebt hundert Jahre später in vollem Umfang weiter. 

Alle alle starben an meinen roten Lippen
an meinen Händen
an meiner Geschlechtslosigkeit
Die doch alle Geschlechter in sich hat
Ich bin blass wie Mondsilber

ANITA BERBER, (1899-1928) – Orchideen

Das Stück am Gorki-Theater stellt diese Legende nicht auf ein Podest, sondern macht sie durch die Augen und Körper von River Roux, Bishop Black und Dieter Rita Scholl wieder fühlbar und relevanter denn je. Androgynous ist ein dringender Appell, die Räume der Freiheit und Selbstdarstellung zu verteidigen, die von Berber und ihren Zeitgenossen erkämpft wurden. Räume und Rechte, die angesichts der aktuellen Bedrohung von rechts, erneut erkämpft werden müssen.

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