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Marina Abramović: Balkan Erotic Epic. The Exhibition

Es ist ihre erste große Einzelausstellung in Berlin seit den 1990er Jahren und versammelt Arbeiten aus den 1970er Jahren bis in die Gegenwart.

Reading Time:
3–5 minutes

Im Frühjahr 2026 präsentiert der Gropius Bau mit Balkan Erotic Epic. The Exhibition ein groß angelegtes Projekt der Performance- und Konzeptkünstlerin Marina Abramović. Die Ausstellung erstreckt sich über zehn Räume im Erdgeschoss sowie den frei zugänglichen Lichthof und das Restaurant Beba. Abramović bezeichnet das Vorhaben als „das ambitionierteste Werk meiner Karriere“.

Eröffnung:
14. April 2026, 19:00 Uhr
Gropius Bau, mit Eröffnungsperformance und freiem Eintritt.

15. April bis 23. August 2026
Gropius Bau

berlinerfestspiele.de/gropius-bau

Ein Projekt zum Jubiläum der Berliner Festspiele

Anlässlich des 75-jährigen Jubiläums der Berliner Festspiele entsteht ein zweiteiliges, genreübergreifendes Projekt. Es besteht aus der Ausstellung im Gropius Bau und einer vierstündigen Bühnenproduktion. Diese wird im Oktober 2026 im Haus der Berliner Festspiele die Performing Arts Season eröffnen. Beide Formate greifen den Werkkomplex Balkan Erotic Epic auf, an dem Abramović seit 2005 arbeitet.

Körper, Ritual und Mythos

Die Ausstellung untersucht, wie Abramović den Körper als wirkmächtige Ressource einsetzt, um politische Strukturen, historische Narrative und die Mythologien des Balkans zu reflektieren. Zentrale Themen ihres Œuvres – Rituale, historische Erzählungen, Erotik und Tod – werden neu kontextualisiert.

Seit Beginn ihrer künstlerischen Laufbahn beschäftigt sich Abramović mit naturreligiösen Ritualen und der Vorstellung des Körpers als kollektiver Kraft: als Medium, um Fruchtbarkeit zu sichern, Naturzyklen zu beeinflussen und dem Tod gemeinschaftlich zu begegnen.

Die Ausstellung gliedert sich in drei Kapitel: Der politische Körper, Erotik der Erde, sowie Erotik und Tod.

Neue Arbeiten im Lichthof

Den Auftakt bildet die neue Videoarbeit Tito’s Funeral (2025) im frei zugänglichen Lichthof. Sie greift die Beerdigung von Josip Broz Tito im Jahr 1980 auf – eine der größten öffentlichen Trauerfeiern des 20. Jahrhunderts.

Tito’s Funeral aus der Serie Balkan Erotic Epic, Peformance Dokumentation, Factory International, 2025, Manchester, UK © Marina Abramović, Courtesy der Marina Abramović Archives / VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Foto: Marco Anelli

Abramović verbindet ikonische Aufnahmen der Massen in Belgrad mit südosteuropäischen Trauerritualen, bei denen Frauen durch rhythmisches Klagen und körperliche Bewegungen kollektive Trauer ausdrücken. Der Körper wird hier zum Ort sozialer und politischer Ekstase – erotische Energie erscheint als Mittel der Transformation von Verlust.

Ebenfalls im Lichthof entsteht mit Kafana (2025) eine Installation in Anlehnung an die traditionelle Balkan-Kneipe, die insbesondere im jugoslawischen Sozialismus als sozialer Freiraum fungierte. Besucher*innen sind eingeladen, Platz zu nehmen – unter dem Porträt Titos.

Archaische Rituale und westlicher Blick

Eine archäologische Keramikfigur aus dem 6. Jahrtausend v. u. Z., die einen vulvaähnlichen Unterleib darstellt, eröffnet den Rundgang. Sie verweist auf polytheistische Praktiken, in denen Sexualorgane als kosmologische Zentren verstanden wurden.

In der Videoarbeit Magic Potions (2025) inszeniert Abramović eine vermeintliche Wissenschaftlerin, die Rituale rund um Fruchtbarkeit, Naturzyklen und Körperflüssigkeiten erläutert. Animierte Sequenzen visualisieren Praktiken wie das Beschwören von Regen oder Ernte durch sexuelle Gesten.

„Rituals help you to get access to a certain kind of energy. Some of them go on for days and hours on end, so you get into a state of trance. The moment your brain stops thinking, the body can have its own wisdom.”

— Marina Abramović

Zugleich hinterfragt die Künstlerin ironisch den ethnografischen, westlichen Blick auf den Balkan und eignet sich spirituelle sowie ökologische Wissensformen neu an.

Live-Performances

Mehrere Live-Performances begleiten die Ausstellung, darunter eine Neuinszenierung von Nude with Skeleton (2002/2026). In dieser Arbeit bringt der atmende nackte Körper der Performer*innen ein aufliegendes Skelett in Bewegung – eine eindringliche Metapher für die physische Nähe von Leben und Tod.

Marina Abramović, Nude with Skeleton, Performance für Video, Belgrade, 2002-2005 © Marina Abramović, Courtesy der Marina Abramović Archives / VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Foto: Attilio Maranzano

Zur Eröffnung aktiviert ein Klagelied der serbischen Sängerin Svetlana Spajić die Installation Tito’s Funeral.

Dialog mit früheren Werken

Aktuelle Arbeiten treten in Dialog mit historischen Schlüsselwerken wie Rhythm 5 (1974), Lips of Thomas (1975/2005) und Spirit Cooking (1996).

So wird Abramovićs kontinuierliche Auseinandersetzung mit Erotik als spiritueller, gesellschaftskritischer und gemeinschaftlicher Kraft sichtbar – ebenso wie ihre Reflexion über Sozialgeschichte, Folklore und Mythologie des Balkans.

„Auch wenn es düster ist und sich mit dem Tod befasst, ist das neue Werk sehr lebensbejahend“, sagt Jenny Schlenzka, Direktorin des Gropius Bau. „Humor war schon immer Teil ihrer Arbeit – jetzt ist er ausgeprägter.“

Über die Künstlerin

Marina Abramović, 2025, Foto: Marco Anelli, 2025

Marina Abramović zählt zu den Pionierinnen der Performancekunst. Seit den frühen 1970er Jahren entwickelte sie die Performance als eigenständige visuelle Kunstform entscheidend weiter. 2012 gründete sie das Marina Abramović Institute (MAI), eine Plattform für immaterielle und langfristige Performanceprojekte sowie die Weiterentwicklung der „Abramović-Methode“.

2025 wurde sie von der Japan Art Association mit dem Praemium Imperiale für Skulptur ausgezeichnet.

Publikation

Begleitend erscheint die Publikation On the Erotic mit einem Interview mit der Künstlerin sowie Beiträgen von u. a. Agnes Gryczkowska, Audre Lorde, Svetlana Racanović, Silvia Federici, Mithu M. Sanyal, Elizabeth M. Stephens und Annie M. Sprinkle.

Der Band ist Teil der Reihe Die Praxis – Was Künstler*innen bewegt*, herausgegeben von Jenny Schlenzka und Julia Grosse. Auf 128 Seiten reflektiert Abramović über weibliche Sexualität nach den Wechseljahren, die Erotik der Massen und ihre Beziehung zum Planeten – ergänzt durch Beiträge zu Politiken der Erotik, Öko-Sex und der Symbolik der Vulva.

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