Eine Abrechnung mit zu heiß geliebten Götzen – Jane Eyre

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Mit ihrer Neuüberschreibung von Jane Eyre stellt Regisseurin und Autorin Nairi Hadodo am Maxim Gorki Theater eine radikale Frage: Was bleibt von der berühmten Gothic-Romance, wenn man ihr die Romantik entzieht und stattdessen die strukturelle Gewalt sichtbar macht, auf der sie eigentlich basiert?

Ausgangspunkt ist der Klassiker von Charlotte Brontë aus dem Jahr 1847. Diese Inszenierung interessiert sich weniger für die sentimentale Liebesgeschichte. Sie fokussiert vielmehr auf die patriarchalen Strukturen, die sie überhaupt erst möglich machen. Jane Eyre erscheint hier nicht als romantische Heldin – sondern als Chronistin eines Systems. Hadodos Version ist daher weniger Adaption als Abrechnung.

Teil I – Gewalt als Ursprung

Schön früh erlebt Jane Gewalt: im Elternhaus, im Internat, später auch in der vermeintlichen Sicherheit ihrer Stellung als Gouvernante. Das Trauma ist nicht individuell, sondern strukturell. Als mittellose Waise ist Jane im viktorianischen England gesellschaftlich praktisch rechtlos. Für ihre Verwandten ist sie eine Last, für die Gesellschaft ein sozialer Zwischenkörper – weder Dienerin noch Familienmitglied.

In einer der frühen Szenen wird sie öffentlich gebrandmarkt:

„Seht ihr alle dieses Mädchen? … Wer dächte, dass der Böse in ihr bereits eine Dienerin war.“

Der Prediger Brocklehurst stilisiert sie zum moralischen Risiko für die Gemeinschaft – ein klassischer Mechanismus sozialer Disziplinierung. Frauen, die nicht in die Ordnung passen, werden pathologisiert: hysterisch, überemotional, gefährlich.

Die Bühne übersetzt diese Struktur in ein klares Bild. Ein scharlachroter Raum, durchzogen von einer spitz zulaufenden Wand, die wie der Bug eines Schiffs den Raum zerschneidet. Die Farbe wirkt wie getrocknetes Blut – ein visuelles Gedächtnis für Gewalt. Auf diese Fläche schreibt Jane mit Kreide das erste Kapitel der Geschichte: GEWALT.

Im Gegensatz zu den zahlreichen Verfilmungen des Romans wird das Material hier nicht romantisiert. Statt Nebel, Kerzenlicht und viktorianischer Melancholie präsentiert die Inszenierung ein Archiv patriarchaler Übergriffe.

Female Rage und das kollektive Gedächtnis

Die Inszenierung arbeitet mit einem wiederkehrenden Motiv: dem Echo weiblicher Stimmen. Ein Lachen aus dem Off begleitet Jane durch die Handlung, manchmal spöttisch, manchmal warnend.

Es klingt wie ein Chor aus Jahrhunderten.

Die berühmte Internetparole „Kill All Men“ wird hier nicht als wörtlicher Aufruf inszeniert, sondern als rhetorische Verdichtung eines kollektiven Erfahrungsraums. Frauen teilen über Generationen hinweg vergleichbare Erfahrungen von Machtmissbrauch, Gaslighting und sozialer Isolation.

Hadodos Inszenierung legt nahe, dass diese Geschichten lange unsichtbar geblieben sind. Sie waren verborgen hinter der Scham. Diese Scham wird ihren Opfern von patriarchalen Systemen auferlegt. Erst im digitalen Zeitalter wurde daraus ein kollektives Bewusstsein.

Die Bühne reagiert darauf mit einer Mischung aus historischen und futuristischen Kostümen. Zerlumpte Stoffe, viktorianische Silhouetten und Elemente, die an zukünftige Mode erinnern. Vergangenheit und Gegenwart verzahnen sich.

Female Rage erscheint hier nicht als modernes Phänomen – sondern als historisches Kontinuum.

Teil II – Die politische Ökonomie der Liebe

In Hadodos Text wird die Liebesgeschichte zwischen Jane und ihrem Arbeitgeber Edward Rochester zu einer Untersuchung sozialer Machtverhältnisse. Jane formuliert es im Stück radikal:

„Diese erfolgreichen weißen Männer sind nicht dort, wo sie sind, weil Männer sie respektieren. Sie sind dort, weil es immer eine Frau gab, deren Schwachstelle sie strukturell ausnutzen konnten.“

Liebe erscheint hier nicht als romantische Begegnung zweier Individuen, sondern als gesellschaftlicher Mechanismus. Männer können ihren Status durch Ehe sichtbar machen und gleichzeitig ihre Freiheit behalten. Frauen hingegen wird durch Gewalt – subtil oder offen – ein Platz zugewiesen.

Jane erkennt dieses System früh. Als Rochester beginnt, sie zu verführen, reagiert sie nicht mit Hingabe, sondern mit Analyse. Immer wieder verweist sie auf ihr Angestelltenverhältnis. In dieser scheinbar bürokratischen Formulierung liegt eine radikale Kritik: Die romantische Annäherung ist in Wahrheit eine Machtbeziehung.

Die Inszenierung macht diesen Punkt auch visuell sichtbar. In einer Szene schreibt Jane das Wort LIEBE (?) an die Wand – das Fragezeichen ist entscheidend.

Bigamie, Manipulation und das Geheimnis des Hauses

Der klassische Konflikt des Romans – Rochesters versteckte Ehe mit Bertha Mason – wird in dieser Version nicht als melodramatischer Twist erzählt, sondern als strukturelle Enthüllung.

Rochester hat seine erste Frau isoliert, pathologisiert und in einem Raum versteckt. Wahnsinn wird zur sozialen Kategorie: eine Frau, die nicht mehr in das System passt, wird zum Monster erklärt.

Jane entdeckt diese Wahrheit kurz vor der geplanten Hochzeit. Der Pastor verweigert die Trauung. Bigamie – ein juristischer Skandal – entlarvt zugleich die moralische Heuchelei der Gesellschaft.

Zuvor jedoch hat Jane Rochester bereits einmal gerettet: als im Haus ein Feuer ausbricht. Die Szene funktioniert als Parabel. Die Frau rettet den Mann – doch die gesellschaftliche Struktur bleibt dieselbe.

Teil III – Die Stimme der Unsichtbaren

Das Stück endet nicht mit Jane, sondern mit Bertha Mason. Ihr flammender Monolog bildet den emotionalen Höhepunkt der Inszenierung. Bertha beschreibt die körperliche Gewalt und die Demütigungen, die sie erfahren hat – nüchtern, präzise, ohne Pathos.

„Die Kleider werden vom Körper genommen, nicht sinnlich, nicht leidenschaftlich.“

Der Moment der Stille, den sie beschreibt – in dem der Mann kurz so tut, als schäme er sich – entlarvt die ritualisierte Moral des Patriarchats. Selbst Gewalt braucht eine höfliche Geste. Bertha wird damit zur eigentlichen Erzählerin der Geschichte.

Eine feministische Jane Eyre

Hadodos Inszenierung folgt nicht strikt der Chronologie des Romans. Vielmehr zerlegt sie die Geschichte in thematische Fragmente: Gewalt, Arbeit, Sexualität, Ehe.

Die Figuren wirken wie Fallstudien eines sozialen Systems. Amelie – die aristokratische Rivalin – fungiert als Gegenpol zu Jane und zeigt, wie Status und Gaslighting Hand in Hand gehen. Andere Figuren verschwinden oder werden verdichtet.

Der Effekt ist bewusst analytisch. Diese Jane Eyre ist keine viktorianische Heldin mehr. Sie ist eine Feministin des 21. Jahrhunderts.

Immer wieder wird das Publikum daran erinnert, dass patriarchale Systeme nicht nur durch offene Gewalt funktionieren. Vielmehr durch unzählige kleine Gesten: Loyalitäten, Kompromisse, stillschweigende Erwartungen.

Oder, wie es eine der Kreidebotschaften auf der Bühne formuliert: „Fact is often stronger than fiction.“

Vielleicht liegt darin die eigentliche Pointe des Abends. Der Roman von Charlotte Brontë galt lange als romantische Emanzipationsgeschichte. Hadodos Inszenierung zeigt jedoch, dass diese Emanzipation nur innerhalb eines Systems möglich war, das auf der Unsichtbarkeit anderer Frauen beruhte.

Am Ende bleibt deshalb eine unbequeme Frage: Wer hat die vielen unsichtbaren Gesten vollbracht, die dieses System überhaupt erst am Leben hielten?

Jane Eyre

Nach dem Roman von
Charlotte Brontë

Mit Texten von
Nairi Hadodo

Regie: Nairi Hadodo,
Daniela Holtz

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