Als in Rom geborene und aufgewachsene Deutschitalienerin bleibt mir nichts anderes übrig, als mich neben Architektur auch für Mode begeistern zu können. Seit letztem Jahr lebe ich allerdings in Berlin. Mein Stil und meine Lebensinspirationen wurden bis zu diesem Zeitpunkt – schon von Haus aus – hauptsächlich von dem italienischen klassizistischen Vorbild des Palladios geprägt. In Italien gilt er als der Initiator für Ordnung, Klarheit und einer Reinheit der Formen und Symmetrie und diente auch dem deutschen Klassizismus zum Vorbild. Dieses Vorbild hatte mir nun ein ausgedient, denn im Januar 2017 wurde am Schicksalsrad gedreht meine „Voyage dans la Lune“ nach Berlin began.

My missing link…

Zu Beginn hat die Stadt mich mit Ihrer immens kreativen, jedoch brutalen Szene, auf den ersten Blick eingeschüchtert. Jedoch dachte ich nach einer Weile: “Now it all makes sense, that’s the missing link, the second element, which can bind everything together.“ Zumindest in persönlichen Angelegenheiten. In mir kam die Frage auf: „Kann es eigentlich Ordnung ohne Chaos geben und einen Schritt weiter noch, kann Leben ohne vorheriges Chaos entstehen?“

Berlins Avantgarde Szene ist für mich nämlich ein brutales, aber absolut lebendiges Chaos. Nun hatte sich mein inneres Kind, ein schon immer gespaltenes Wesen, endlich wieder zusammengefunden. Denn nun kam zu dem Leitmotiv des Klassizismus endlich die lebendige Enthemmung und Selbstbestimmung des Chaos hinzu, das gewissermaßen typische Leitmotiv Berlins. Aber in einem widersinnigen, gar ordentlichen Chaos, dass dem harten sowjetischen Konstruktivismus gleicht: „Die Ablehnung des Kunstkults für die Kunst selbst“. Mein Eindruck ist, dass hier endlich nicht die Hülle oder die „Verkleidung“ der Fokus ist und jeder seine eigene, innerliche Seele zum Vorschein kommen lassen darf. Es gibt kein Kult mehr, es gibt nur KUNST. Und die ist in dieser Stadt überall. 

Endlich, wurde mir bewusst, dass hier jeder eine individuelle Repräsentation der eigenen Welt erschaffen kann. Die Mode in Berlin wirkt auf den ersten Blick hart und kantig oder erinnert an den Grunge der 90er Jahre, nichts liebliches ist für mich da zu erkennen gewesen. Was in völligem Kontrast zu der eher überschwänglichen Kleidungsweise Roms steht. Jedoch hatte mich diese „Metropolitan Fashion“ binnen kürzester Zeit in ihren Bann gezogen.

Eigentlich geht es in Berlin, diesem hoch kreativen und nostalgisch leidenden Schmiedeofen, nicht rein um oberflächliche Werte, sondern um eine Art mystischer Essenz zwischen den Menschen und ihrer persönlichen Kunstform. Beispielsweise der einer Mode, die nicht unbedingt den Schönheitsidealen entspricht, sondern uns in unseren alltäglichen Belastungen unterstützt. Ähnlich funktional wie das (Gropius) Bauhaus, das in diesem Jahr sein hundertjähriges Bestehen feiert. 

„Man kann einem Menschen nichts lehren, man kann Ihm nur helfen, es in sich selbst zu entdecken“.  

Galileo Galilei 

Für mich wird dieser Zwiespalt zwischen dem klassischen Schönheitsideal Italiens und der sowjetisch, melancholischen Mode der Stadt klar, wenn ich auf die Straße blicke: Highheels unterliegen den Sneakers, während absolute Ordnung immer wieder auf das kreative Chaos Berlins prallt. Die perfekte Synthese ist die Verschmelzung beider. Aber keine Stadt ist perfekt, oder? △

von Alice Pellarin


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Posted by:B'SPOQUE magazine

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