Es gibt Tage, da gewinnen die anderen. Und es gibt welche, an denen man ehrlich keine Lust mehr hat, auf Grundsatzdiskussionen über die Berechtigung kultureller Vielfalt im eigenen Land. Es scheint es fast obligatorisch Deutschen, als Künstler mit französischem Nachnamen und Nebengewerbe, erst einmal seine Lebensgeschichte liefern zu müssen um, um einen Namen zu viel auf dem Lieferschein und das damit einhergegangene emotionale Drama erklären. Eine kleine Hommage an unsere Online-Shopping Erwartungen und das Unternehmen hinter den zahllosen Zalando-Lieferungen in Deutschland.

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Manchmal frage ich mich in meiner liberalen Berlinblase, voller Schuhe, gelegentlichem Online-Konsums und DHL T-Shirts für 250 Euro, warum zur Hölle die Boten nicht endlich besser bezahlt werden? Damit wären diese vielleicht motivierter, unserer kapitalistischen Gesellschaft besseren Service zu bieten, da sie endlich selbst genügend Entlohnung für ihre Arbeit bekämen. Dabei sollte gerade der Service ein Kriterium sein, um nicht offline sondern online zu shoppen. Aber wir sind einfach zu ungeduldig und wollen alles sofort. Wir schaffen es nicht einmal mehr in einen Laden zu gehen und dort nachzusehen, ob der Preis vielleicht sogar verhandelbar wäre. Was er übrigens auch ist. Online regen wir uns dann anonym über den Schatten unserer eigenen Muster auf. Dabei hängt es selten am Boten. Der würde einen schon erwischen, wenn man sich erwischen ließe. Auch wenn das Zeitfenster variabel ausfallen dürfte, aber ist ja auch nichts Neues, nicht nur im Osten. Mein Aufreger verursachten ja eher die Stasi-ähnlichen Methoden bei der Muttergesellschaft, als ich mein verpasstes Päckchen geortet hatte und die Drohung, man rufe die Polizei, weil auf dem Lieferschein ein Name zu viel geschrieben stand, der in meinem Dokumenten nicht ersichtlich war. Man hatte mir trotz identischem Vor- und Nachnamen auf Pass und Lieferschein, nicht das Paket geben wollen, aufgrund eines alten Doppelnamens.

Vierzig Minuten meiner Lebenszeit habe ich in der Filiale in Mariendorf zugebracht und zweimal hintereinander aufschlagend, vergeblich versucht mich mit meinem deutschen Pass und anderen Dokumenten durchzusetzen. Nur um herauszufinden, dass meine Birkenstocks von dem herrlich bürokratischen Angestellten, der am Ende sogar eine Geburts- oder eine Heiratsurkunde sehen wollte, bereits zurückgeschickt wurden. Ich war wohl mit meinem deutschen Pass, nicht deutsch genug, für den Inbegriff deutscher Modesünden? Das konnte ich bei aller Aufregung nicht auf mir sitzen lassen.


Nicht deutsch genug, für das deutscheste, aller deutscher Kulturgüter?

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Im Laden in Mitte angekommen, waren die SalesAssistants dezent gestresst und die Boutique sah eher nach einem Ost-deutschem Warenhaus von 1983 aus, das gerade eine heiß ersehnte Lieferung bekommen hatte, als nach einem modischen Statement. Ähnlich den Zuständen von damals, verband sich auch hier mangelndes Angebot mit fehlendem Service, aber wir wollen hier mal nicht so sein. Genau wie bei den Kollegen der DHL, die selbst nach misslungener Onlinerecherche keine Alternativen anbieten konnte, aber zumindest inzwischen die Benachrichtigung in den Briefkasten geworfen hatten. Ich hätte mir jetzt also selbst eine Vollmacht ausstellen können, aber das Paket soll schlussendlich zu Zalando zurückfinden und das Geld wieder in meine Tasche zurückfließen. Es reicht irgendwann dann auch.

Wer den Cent nicht ehrt…

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Seltsamerweise ist die Geschichte an dieser Stelle nicht nicht zu Ende. Mir fiel ein, auch wenn’s um’s Geld geht ist die Postbank, ebenfalls Teil dieser scheinheiligen Dreifaltigkeit, neuerdings sehr picky. Denn bereits letzten Herbst, hatte ich so meine Schwierigkeiten mit dem Servicepersonal in einer anderen Filiale in Kreuzberg. Ein Ausspruch besagt, „wer den Taler nicht ehrt, ist den Groschen nicht wert“. Kleinvieh macht schließlich auch Mist und das wären eben wieder einmal ein paar Schuhe gewesen. Aber entweder erwische ich immer das Karma vom Vortag oder einfach einen Moment kompletter Dunkelheit unserer Gesellschaft. Denn an diesem Tag wollte ich einfach nur meine Münzen auf mein Konto einzahlen lassen, da ich mich mit dem Gesparten irgendwie belohnen wollte. Ist sparen neuerdings so out season?

Scheinbar eine unmögliche Frechheit eines Kunden, denn trotz einem gutsichtbaren Münzzählers hinter dem Tresen und mehrerer Automaten – natürlich alle außer Betrieb – war dies auch nicht möglich. Ich solle die Münzen doch bitte selbst zählen und in das mit den Endbeträgen bedruckte, farbige Papier einrollen. An dieser Stelle möchte ich mal anmerken, dass ich mich noch dunkel an die Zeiten des Sparschweins erinnere und die Geldeinzahlung, eine der Grundfunktionen einer Bank darstellte. Nur der Service scheinbar nicht, zumindest bei der Postbank. Den darf der Kunde ab jetzt für seine Bank erbringen. Spannend.

Denke ich einfach nicht deutsch genug, für die deutsche Gesellschaft oder sind wir Selbstständigen etwa heutzutage Sklaven der Dienstleister, die uns auch noch Kontoführungsgebühren aufdrücken, während sie bereits an jedem einzelnen Cent auf unserem Konto verdienen? In Deutschland wird ja gern um vermeintliche Grundwerte unserer Gesellschaft gestritten, aber da sagt keiner was zu? Zeit ist eben auch Geld, speziell für jemanden der freischaffend ist. Am Ende waren es die Stimmen aus den hinteren Reihen und die Schlange die sich gebildet hatte, die mich damals wie heute wieder bestätigt haben, dass es auch andere Menschen gibt, die sich in unserem System verloren fühlen. Und das ist für mich kostbarer als der unpassende Versuch, mich mit Birkenstocks der Masse anzupassen.

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Alles was heutzutage den Präfix „deutsch“ trägt, scheint zunehmend antiquiert und degeneriert. Den einzigen Service den Deutschland bietet, ist von der Wiege bis zur Bare, nicht mehr als ein Haufen Formulare und Verbote. Eine andere höchstdeutsche Weisheit und nicht mal einen halben Stern der Bewertung wert, da kann ich nur den unzähligen Wutbewertungen zustimmen. Am Ende sind es dann übrigens anstatt der deutschen Jesus-Latschen, die Sorte Turnschuhe geworden, die ich schon seit meinem achten Lebensjahr trage: Stan Smith’s. Mit einem grünen Streifen der Hoffnung. Die stirbt ja bekanntlich zuletzt, denkt sich so wohl auch so manch einer, der auf seine DHL Lieferung wartet…  △

Alexandre Renaldy
Posted by:Alexandre Renaldy

Editor in Chief, Work: The Corner Berlin, flair magazine, H.O.M.E.; Signature Places, Vestiaire Collective, EVE images, B'SPOQUE magazine etc.