…oder die Geschichte von Babylon Berlin

Dear Reader, sieben Jahre in einer Stadt wie Berlin können sich ganz schnell anfühlen wie eine Ewigkeit. Vor allem, wenn die gegebenen Umstände nicht unbedingt der Norm entsprechen. Doch was genau definiert die Norm? Ein gesetzter Job, ein Boyfriend und ein Hund der in der eigenen 120qm Wohnung herumspringt? Sicher nicht…

Im Herbst 2012, genauer gesagt im November zogen ich und mein damaliger Freund nach Berlin. Im Gepäck hatten wir dabei nicht nur allerhand Krimskrams, der sich über die Jahre hinweg in der ganzen Stadt verteilen sollte, sondern auch jede Menge familiären Mist, den weder er noch ich  damals aufgearbeitet hatten. Mit gerade einmal 20 Jahren wusste ich nicht wirklich was mich in dieser Stadt erwarten sollte. Zudem stellte er mich bei unserer Ankunft auf eine harte Beziehungsprobe: er ließ mich mit einer riesigen und schlichtweg allein unbezahlbaren Wohnung in Kreuz-Kölln sitzen und meldete sich erst nach der gefühlt hundertsten Nachricht mit den Worten „ich kann das alles nicht.“

Kurz darauf war die chice Wohnung weg und ich hatte 5.000 Euro Schulden in Form einer Kontopfändung an den Hacken, da er mit seinem Schweizer Konto nicht haftbar gemacht werden konnte. Ein paar Wochen später hatten wir uns wieder zusammen gerafft und waren in unsere Wohnung am Kleistpark gezogen, nur um uns im Laufe der nächsten drei Jahre immer und immer wieder zu trennen. Ich begann eine Affäre nach der nächsten und er hatte immer mehr von seinen melancholischen Break-downs, bis es mir zu viel wurde und ich mich schließlich im Juli 2016 endgültig trennte. Bis dahin hatten wir drei Mitbewohner um die Miete unsere 90qm bezahlen zu können und vor allem um uns den exklusiven Gay Lifestyle leisten zu können, den beide anstrebten. Doch glücklich war ich nie. 

Image by Pawel Szvmanski

Mein erster Job in dieser Stadt gestaltete sich als Persiflage des Modeklassikers „Der Teufel trägt Prada“ und so verwunderte es mich nicht, dass auch ich auf den Pariser Modenschauen landete und meinen Teil zum Mythos der Fashion Welt beitragen dufte. Einmal sollte ich nach Schuhspannern für die Valentino Rockstar Pumps suchen, nicht ohne wiederzukommen und etwas brauchbares abzuliefern, da ich sonst meinen Job los sei. Bei allem Glamour in dieser Ecke Berlins, war es geradezu lächerlich was ich erlebte und mit etwas Abstand wohl alles andere als das, wonach ich eigentlich strebte. Allerdings ließ der „international call“ auf sich warten und so endete ich in einem Verlagshaus, welches meine Ideen tendenziell für gut befand und sie auch umsetzte, wohl bemerkt erst nachdem man mich kurzerhand entlassen hatte. Die Gründe: mein Job gehöre eigentlich zu jemand anderem. Die Person kam auch zurück, blieb jedoch nicht länger als zwei Monate. Und meine Ideen? Nun das Heft das zuvor überhaupt kein flair hatte wurde wenige Wochen nach meinem legendären Abgang genauso umgestaltet, wie ich es bereits in meiner ersten Woche detailgenau angemerkt hatte. Danke, Angelika für die Credits.

Anders als die meisten Zugezogenen, war ich jedoch nicht zwangsläufig hier her gekommen um mich im Berliner Nachtleben zu verlieren, sondern um Karriere zu machen. Bis heute noch eine Utopie, wenn man sich anschaut wie wenig etabliert die Subkultur in Deutschlands Modewelt ist und so verließ ich die Mode nach einem kurzen Ausflug zu einer französischen Secondhand Plattform und landete direkt anschließend im Bauwesen. Zuerst als Redakteur und Gründer dieses Magazins und dann als Art Direktor bei einer Marketing Agentur. Zugegeben als Chefredakteur hatte ich wieder einmal versagt, was unter anderem daran lag, dass ich mich nicht durch zu setzen wusste und generell niemand auch nur ein Fünkchen Gefühl für Luxus oder Trends in dieser Firma besaß. Ich gab auf. Unglücklich verliebt begann ich mich ins Nachtleben zu stürzen und nachdem ich zuvor nicht mehr getrunken hatte als Oscar Wilde, begann eine Odyssee aus Drogen und zahllosen Sexdates, die in einer öffentlichen Steinigung durch Worte endete, für eine Nacht die ich bis zum heutigen Tage wohl weiterhin als „suspicious“ bezeichnen werde.  #metoo

Als Art Director schlugen dann wieder meine hellseherischen Fähigkeiten durch, was mir nicht unbedingt Lorbeeren einbrachte, allerdings jede Menge Ärger mit homophoben Klienten aus Norwegen. Zwei Jahre später sehe ich also meine Designs und Konzepte bei Herstellern aus Skandinavien, nachdem ich zuvor nicht skandinavisch genug konzipiert hatte. It certainly has some irony…

Image by JR Korpa | via unsplash.com

Aber ich wäre nicht ich, wenn mir das am Ende nicht doch auch sonst wo vorbei ginge. Ich überlebte schließlich nicht einen schweren Autounfall und mehrere andere prekäre Situationen, um ich wieder in eine Box stecken zu lassen. Nur an einer Sache kann ich nicht wirklich rütteln: der Liebe. 2019 hatte wundervoll begonnen und neben zahlreichen Einladungen zu Konzerten, Festivals, Vernissagen und anderen Art Performances schien es endlich in die richtige Richtung zu gehen. Mitten im Sommer traf ich auf jede Menge neuer Herausforderungen. Aber auch auf die Frage: wie soll es denn weiter gehen? Ist Berlin inzwischen meine große Liebe geworden? Die Männer hier konnte Man(n) ja wohl getrost vergessen, aber dennoch hatte die Stadt weiterhin etwas faszinierendes für mich. Denn entweder hatten sie mir nichts zu sagen oder ich ihnen nicht. Die von mir favorisierten „Bad Boys“ standen nur auf mich, solange ich fünf mal die Woche zum Sport ging und den Mund hielt. Orale Freuden ausgenommen. Alles in allem wurde mir das irgendwann zu spröde, bis ich meinen Loverboy traf mit dem ich fast zwei Jahre lang das Bett aber dafür nicht viel anderes teilte. Außer den Mycroplasmen zuletzt. 

Wir schreiben inzwischen das Jahr 2020 und mit seinem neuen Job in Bremen hat auch mein Loverboy sich mit einem letzten (vorläufigen) Höhepunkt verabschiedet, meine Karriere im Corporate ist beerdigt und der große Wurf lässt immer noch auf sich warten. In der Liebe, wie im Berufsleben. Nichtsdestotrotz geht es weiter. Mit jedem Tinder Match, Grindr Hook Up oder den unzähligen und teilweise sinnfreien Anfragen per Email, wenn es darum geht einen günstigen, professionellen und vor allem selbstsicheren Texter oder Illustrator zu finden. Ich stehe jeden Tag auf und arbeite, trotz der Tatsache, dass sich mein gesamtes politisches Engagement fast ausschließlich durch den Staat finanziert und das seit November letzten Jahres. Zuvor hatte ich drei Monate lang keinen Cent verdient und an meinem Portfolio gearbeitet um ernst genommen zu werden in einer Welt in der Likes und likability mehr wert sind, als eine echte Stimme oder neue Ideen. Ich habe in Brandenburg ein Haus mit Blick auf den dörflichen Friedhof renoviert, die Kommentare von AfD-Wählern ignoriert, die Nächte hindurch illustriert und tagsüber aberwitzige Formulare ausgefüllt mit einem Ziel: meinem Call zu folgen und Künstler zu werden.

Image by Pawel Szvmanski | via unsplash.com

Kaum hatte ich das siebte Jahr abgeschlossen, ausgelaugt und erschöpft bis auf die Knochen, dazu noch leicht untergewichtig, kam auch schon der nächste Schlag. Dieses Mal fehlten mir nicht nur die Worte, sondern alles bisher bekannte schien mit einem Mal ausgelöscht. Mein Vater prügelte seinen 27jährigen Sohn zu Boden, weil ihm jegliches Verständnis für sein eigen Fleisch und Blut fehlt. Zuvor hatte ich noch versucht meinen Beitrag zu leisten und die Bude meines Vaters auf Vordermann zu bringen. Alles was er tat, war jegliche Kunst aus dem Haus zu verbannen. 

Da stand ich also, endlich in der Gewissheit in seinen Augen alles falsch gemacht zu haben. Nicht zu studieren war für mich ja bereits ein großes Opfer, welches daher rührte, dass ich keine finanzielle Unterstützung seitens meiner Familie zu erwarten hatte. Jedoch aus seinem Mund zu hören, dass ich in seinen Augen de facto nichts wert war, war ein Schlag der den Flow im Kampf gegen den „7th years itch“ definitiv vorläufig zum Einsturz gebracht hatte. Doch wer einmal hinter die Fassade von Menschen geblickt hat weiß, dass es in Herzensangelegenheiten keine halben Sachen gibt. Und so sitze ich hier und schreibe meine Geschichte auf, beginne jeden Tag mit einer leeren Seite und gebe mein Bestes um irgendwann einmal ein Happy Ending schreiben zu dürfen. But after all, my heart sings acapella…

#THETERRIBLEARTIST
Posted by:Alexandre Renaldy

Editor in Chief / AD

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