Liebe Leser, es ist inzwischen fast acht Jahre her, dass ich meinen ersten hochoffiziellen Heiratsantrag bekommen habe. Auf einer kleinen Karte mit einem verzierten grünen Herzen, stand die Frage ob ich mich verloben möchte. Manch eine(r) würde sich freuen und hin und weg von dem Gedanken, sagte ich: Ja! Noch im selben Moment, unglücklich über diese Entscheidung und nach eben dieser viereinhalbjährigen Beziehung und unzähligen weiteren Versuchen später, frage ich mich ob ich damals überhaupt dafür bereit gewesen wäre? Die Ehe mit einem Menschen und eine Beziehung, die auf Sand gebaut war, deren Fundament eine Mischung aus Enttäuschungen und falscher Erwartungen beinhaltete, scheint heute wie ein schlechter Witz.

Darum prüfe, wer sich ewig bindet…

Heiraten an sich, scheint wieder en vogue. Die Ehe für alle ist offiziell in Deutschland angekommen und zahlreiche Ehen homosexueller Paare, wurden in den letzten Jahren geschlossen. Auch in meinem Freundeskreis ist das Ehefieber ausgebrochen. Viele meiner Freunde machen den Eeindruck unendlich glücklich darüber zu sein, ihren Seelenverwandten gefunden zu haben. Doch was bedeuten Verlobungen und die Institution der Ehe heutzutage noch, wo sie in Zeiten des grenzenlosen Opportunismus, so leicht wieder gelöst werden können? Meine Eltern haben es ja schließlich auch nicht länger als knapp drei Jahre miteinander ausgehalten, bevor deren Bund fürs Leben, unter der Last einer lieblosen Schwiegermutter, mangelnder Präsenz meines Vaters und außerehelichen Affären, zusammenbrach und einen Scheidungskrieg erster Klasse auslöste. 

If I get married, I want to be very married.

Audrey Hepburn

Nach dem emotionalen Bankrott meiner längsten und einzigen richtigen Beziehung, schleichen sich immer mehr Bedenken in mein persönliches Gedankenkarussell ein. Mit 27 bin ich eindeutig zu jung, um mich an jemanden in dieser Form zu binden. Zumal ich feststellen musste, dass sich nicht nur meine Laune binnen Sekunden ändern kann, sondern auch meine Lebensumstände. Beruf und Karriere, Wohnung und Location und nicht zuletzt auch Erwartungen und Wünsche, fallen immer mehr ins Gewicht, je besser ich meinen eigenen Charakter einzuschätzen gelernt habe. Die ersten beiden Dinge lassen sich, ähnlich dem Lebensraum noch einigermaßen beeinflussen, letzteres wiederum unterwirft sich gnadenlos der subjektiven Gefühlslage. Ein Faktor der auch bei der Ehe eine wichtige Rolle spielt. Wir alle suchen nach dem einen Seelenverwandten. Was aber wenn wir uns selbst nicht einmal sicher sind, was wir eigentlich wollen? 

I do, but do I really want this?

Je länger in darüber nachdenken, umso mehr wird mir bewusst, dass immer wieder ist das „Wollen“ der springende Punkt an der Sache ist. Wir wollen die perfekte Wohnung, eine steile Karriere, einen guten Ruf, Geld und nicht zuletzt einen unerschütterlichen Partner an unserer Seite, der genau diesen Weg mit uns geht. Eine Mammutaufgabe der keiner so richtig gewachsen sein kann in diesen Abschnitten des permanenten Umbruchs. Anstatt Kompromisse einzugehen und das Leben in kleinen Portionen zu genießen oder mit den gegebenen Umständen zu leben, hangeln wir uns von einem Date zum nächsten, sind gefangen zwischen Flirts und Tinder Dates und fallen – falls es funkt – in den nächsten Beziehungsversuch, mit der Garantie zur Gefühlskatastrophe. Wir testen unsere sexuellen und emotionalen Grenzen, haben Dreier, feiern wilde Parties, lassen uns auf Partner ein  die emotional nicht verfügbar sind und wundern uns am Ende, warum wir mit unseren Gefühlen so oft auf weiter Flur alleine sind?

Marriage is memory, marriage is time. Marriage is not only time: it is also, parodoxically, the denial of time.

Joan Didion

Lange Zeit dachte ich, mit diesen Gefühlen allein dazustehen oder vielleicht selbst emotional unerreichbar zu sein, wie ich es meist mit den Männer erlebt hatte, in die ich mich hilflos verschossen hatte und von denen ich mir mehr erhofft hatte. Doch genau an dieser Stelle ertappe ich mich auch, meinen Gefühlen mal wieder zwei Schritte voraus zu sein. Wie konnte ich nach alldem was passiert war überhaupt glauben, dass ein Mann mit Format direkt wieder in mein Leben treten würde, noch bevor ich es geschafft hatte mich emotional zu reinigen? Damals stand ich plötzlich alleine da mit einem Haufen undefinierbarer Gefühle und dem unerschütterlichen Willen, erst einmal herauszufinden wohin meine Reise gehen sollte. Liebe zu finden, ist nicht schwer, sich zu ihr zu bekennen allerdings sehr, denn bei rationalen Entscheidungen blieben Gefühle immer aussen vor. Und dann wieder diese kleine Stimme, unscheinbar aber kraftvoll und vor allem eins, mahnend: Reicht dieser kleine Funke aus für ein lebenslanges Feuer oder ist es nur wieder ein Strohfeuer, dazu vorbestimmt ausgepustet zu werden, sobald die ersten Gewitterwolken am Horizont erscheinen? Mag sein, dass sich in meinem Leben eine Sache nicht geändert hat und der Drang meinen Seelenverwandten zu finden weiterbesteht, aber in diesem Lebensabschnitt nochmals eine Teenagerphase durchlebt zu haben, lässt auf etwas anderes schließen. Was weiß ich denn schon vom Leben und der Liebe?

Inzwischen beobachte ich die ersten Scheidungen und viele Menschen kommen und gehen aus meinem Leben. Die Männer die ich einst geliebt habe, verschwinden und vergessen mich. Cornelius ist nach London gezogen, Aron hat sein wahres Gesicht gezeigt und Greg ist schließlich und endlich niemals der Mensch gewesen, der er vorgab zu sein. Er ist inzwischen in Süd Afrika und verheiratet. Sie scheinen glücklich oder zumindest arrangiert mit den Umständen, die sie sich geschaffen haben. Und ich? 

I want a little something
more
Don’t want the middle
or the one before
I don’t desire a complicated
past
I want a love that will last

Renee Olstead

Je mehr ich darüber nachdenke, umso präsenter ist der Wille mich von alldem zu lösen, weiter meine eigenen Fehler zu machen und weiter zu schreiben, Antworten zu finden und mich nicht von der Projektion Anderer – wie ich zu sein habe – unterkriegen zu lassen. Vielleicht habe ich einfach nie wirklich zu mir selbst gestanden und deshalb immer nach einer Schulter gesucht, an der ich mich mal anlehnen darf? Was ich aus dieser Zeit jedenfalls mitgenommen habe, ist die Erkenntnis, dass ich mich selbst lieben lernen musste, um überhaupt jemanden anderen lieben zu können. △

Alexandre Renaldy
Posted by:Alexandre Renaldy

Editor in Chief, Work: The Corner Berlin, flair magazine, H.O.M.E.; Signature Places, Vestiaire Collective, EVE images, B'SPOQUE magazine etc.