Abgesehen davon, dass ich irgendwann mit dem Husten anfing und meine Lunge beginnt so schwarz zu werden wie meine Seele, ist die Zigarette ein alltäglicher Genussmoment und der Moment meine Gedanken zu sortieren. Über das letzte Date, das letzte Gossip, die aktuellen Tagesaufgaben, lässt es sich am besten mit einer Zigarette und dem Kaffee in der Hand nachdenken, allein oder in der berüchtigten Rauchergemeinschaft. Während sich an der Balkontür die Geister scheiden, versuche ich mich mit der Frage, ob es nur das Nikotin ist, das bekanntermaßen abhängig macht, oder auch der soziale Ritus der damit einher geht?

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Sicher ist, dass wir alle Gesellschaft brauchen. Sei es um etwas wichtiges zu besprechen oder um uns bestätigt zu fühlen. Mit dem Rauchen als gesellschaftliches Bindeglied, reiht man sich schnell irgendwo ein und findet einen Aufhänger für leichten Anschluss. Ob im Office mit den neuen Kollegen vor der Tür oder auf der privaten Party, bei der der Querschnitt zu den Rauchern gehört, mit Ausnahme des Gastgebers. Diese immer wieder aufkehrende Situation ist eines der persönlichen Highlight einer jeden Veranstaltung. Hat man sich dann zusammen gefunden auf dem Balkon, Küchenfenster oder dem Heimweg, ist die Zigarette danach in vielen Fällen etwas, das für einen kurzen Moment eine Art Synchronität zwischen zwei Menschen herstellt. Auch wenn ich des öfteren die besten Dates mit Nichtrauchern erlebt habe und selten nach einer verlangt habe während das Date gut lief, sind mir die gleichgesinnten doch auf längere Sicht lieber. Jedoch ist da die quengelte Stimme, mit dem Bedürfnis angenommen zu werden, die mich plagt und auf die Gedanken ausweicht, nach draußen stürme zu wollen auch und sich bei Regenwetter in die Kälte stellen, nur weil einem ein militanter Nichtraucher entgegensteht? Wieder einen Punkt für die Suchtseite.

Dabei sind wir es ja durchaus gewöhnt, den Fokus auf kleinere Ablenkungen und Multitasking zu verlagern. Es gibt schließlich nach aktuellen Beobachtungen und den schonungslosen Verhaltensstudien unserer Generation, nichts mehr was süchtiger macht, als die Nachrichten auf dem Smartphone oder die Bestätigung, den einen oder anderen noch schnell abfertigen zu können während wir auf die grüne Ampel warten müssen. Nachrichten von engen Freunden, werden dabei belanglos, weil Gefühl und Aktion nicht mehr miteinander synchron sind und wir Textnachrichten nach der aktuellen Gefühlslage bewerten. Und wenn es dann mal nicht das Telefon ist, das auf dem Tisch liegt, sondern die Kippen liegt immer auch gleich ein Hauch von Ablehnung in der Luft.

Rauchen ist also tödlich?

Unzählige Male spielte sich die folgende Situation – in der ein oder anderen Form – ab, was das Rauchen durchaus weiter in ein schlechtes Licht stellt: auf einer Berliner Terrasse sitzend und mit einer Packung Kippen auf dem Tisch liegend, wird man nicht nur von den üblichen – und manchmal durchaus charmanten Tätern – angesprochen, sondern auch von mindestens drei Obdachlosen. Die allbekannte Fragen nach ein bisschen Kleingeld oder alternativ einer Zigarette. Gerade im Winter weiß ich persönlich nie, was diesen Menschen mehr hilft: eine Kippe oder Kleingeld? Nach einer gefühlten Unmenge, die ich bereits an die Bittsteller gegeben habe, finde ich es allerdings inzwischen in Ordnung, auch mal nein zu sagen. Auch auf die Gefahr hin, wüst beleidigt zu werden. Doch was wäre die bessere Lösung? Dem Nächstbesten eine komplette Schachtel in die Hand drücken? Mit dieser Lösung wäre zumindest meiner Lunge geholfen, allerdings noch nicht den Menschen auf der Straße und in den U-Bahnen.


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Dabei scheint Rauchen auf den Straßen irgendwie in Ordnung zu sein. Genauer betrachtet ist die Aschenbecherkomponente ist immer wieder ein harter Schlag ins Gesicht, ebenso wie die ziemlich lebhaften Bilder, die auf sämtliche Tabakprodukte gedruckt sind. Damit wird dem sozialen Ritus, definitiv ein anderes Image gegeben, als in den unzähligen französischen Filmen und der sexuelle Reiz völlig abgesprochen. Sicher vermag die Mentholzigarette etwas am üblichen Geschmack zu ändern, den schlechten Mundgeruch zaubert sie allerdings nicht weg. Selbst wenn manch einer diese schon mit dem Gefühl akkurat geputzter Zähne verglichen hat, sind sie geschmacklich wie gesundheitlich keine dauerhafte Lösung. Ganz zu schweigen von den Gedanken, seine Kleidung nach einem Abend in einer verrauchten Bar, direkt zu entsorgen. Um dem Übel rund um die schwadenumwobene quilty pleasure noch eins drauf zu setzten, ist das Rauche in Bars oftmals ausschließlich an Freitagen gestattet, was – angesichts der Menschenmenge die an einem Freitag ausgeht – auch kein Vergnügen mehr ist. Dazu blitzt des öfteren exponential der Spiegel auf, wenn man eine Zigarette angeboten bekommt: “Rauchen kann zu Impotenz führen”. Ach ehrlich? Ist es deshalb so schwer, überhaupt erst an die Zigarette danach zu kommen?

Multipliziert man die Anzahl der Schachteln mit der Zahl pro Woche. Anything else to say? Auf einer Geschäftsreise nach Oslo habe ich doch tatsächlich 12 Euro für eine Packung bezahlt. Ich glaube allein aufgrund des Fakts, dass ich in Deutschland fast zwei Schachteln dafür bekommen hätte, ließ mich darüber grübeln, warum ich immer noch rauche. Aus stylischen Gründen vielleicht und um etwas zu haben, an dem ich nuckeln kann?

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Mir fällt nichts mehr ein. Doch je öfter ich eine Zigarette rauchend irgendwo sitze, umso häufiger habe ich das Gefühl, Rauchen ist irgendwie aus der Mode gekommen und das nicht ohne Grund. Weniger aus einem gesundheitlichen Aspekt heraus, sondern weil das klassische Rauchens durch die Rauchschwaden von E-Zigaretten und Vaporizern ersetzt worden ist. Letzteres erinnert mich dann doch immer wieder an die Miniature eines Atombombenpilzes. Es ist nicht mehr besonders glamourös oder cool und in Zeiten von apple und co. passt die elektronische Variante auch eher in unsere streamlined society. Aber es ist auch einfach so nervtötend geworden, kleine Laster zu pflegen, während man von absoluter Perfektion in den Sozialen Medien umgeben ist. In Restaurants, Bars, Zügen, ist es verboten und das kann ja noch nachvollzogen werden. Allerdings ist es sogar an Bushaltestellen im Freien inzwischen nicht mehr erlaubt, seine Zeit in Luft aufzulösen. Dabei mache ich gerne hin und wieder etwas verbotenes, doch es hat eben seinen Reiz verloren, sich über die Nichtraucher aufzuregen. Darauf hin drehe ich mir jetzt eine Kippe. △

Alexandre Renaldy
Posted by:Alexandre Renaldy

Editor in Chief, Work: The Corner Berlin, flair magazine, H.O.M.E.; Signature Places, Vestiaire Collective, EVE images, B'SPOQUE magazine etc.