Liebe Leser*innen, Es war einmal ein verschlafenes Dorf auf einem entlegenen Hügel im Süd-Westen Deutschlands und eine Familie, deren Geschichte und Besitztum – wie so viele andere deutsche Geschichten – mit Dreck und Blut beschmiert ist. Wieder einmal Zeit darüber zu sprechen, wie die Mehrheit der „biodeutschen“ – trotz Geschichtsschreibung – bisher keinen Zugang zur eigenen Historie besitzt. Auch die Menschen in dem Haus auf dem Südhügel nicht. Ein Essay zu den Geschehnissen um den 8. Mai.

Als Jugendlicher verbrachte ich die meiste Zeit bei meinen Großeltern auf dem Land. Meine Eltern hatten sich früh getrennt und so genoß ich viel Zeit allein an der frischen Landluft in einem zehn Häuser Dorf in der Nähe von Ravensburg. Eine unscheinbare und hübsche Gegend. Aber eben auch eine Gegend, die wie zahlreiche andere Städte in diesem Landstrich, nicht unfrei vom reichen Erbe der NS-Zeit ist. Ob es nun mein Geschichtslehrer am Wirtschaftsgymnasium war, welcher zwei Jahre lang ausschließlich das NS-Regime glorifizierte und die Genozide an der jüdischen Bevölkerung leugnete. Oder eben der eigene Vater, dessen Großonkel noch selbst Mitglied der Partei war. Adel verpflichtet schließlich – doch das wollte und will Mann und in der eigenen Geschichte nicht wahrhaben. Und so genau weiß das schließlich auch keiner. In den Worten meines Geschichtslehrers sei „das ist alles so weit hergeholt“. Besagter Herr darf heute glücklicherweise keine Schüler*innen mehr am renommierten Wirtschaftgymnasium der Humpis Schule Ravensburg unterrichten. Ein Ort mitten im Herzen Süddeutschlands und mit einer langen Geschichte des Handels und der Wirtschaft, sowie den weltberühmten Ravensburger Spielen und einigen ehemals jüdischen Händler*innen Familien.

Immer wieder wurde ich bis ins Erwachsenalter allerdings auch von meinem Vater als „Jude“ bezeichnet und das noch bevor ich begriffen hatte, was er denn damit meinte. Zum Gruß an die Nachbarn hob mein alter Herr immer noch den ausgestreckten Arm von rechts. Was mir damals noch als „Bauerngruß“ eingebläut wurde, erschien mir immer höchst suspekt und so kommt es, dass ich noch heute nicht weiß, wie ich mich bei einem aufmerksamen Autofahrer richtig bedanken soll, wenn ich in der Linken die Hundeleine halte. Ein anderes Beispiel waren die zweifelhaften Witze darüber, wie hoch die Hecke denn gewachsen sei, gefolgt von einer sorgsam einstudierten und perfekt ausgeführten Handbewegung mit rechts. Ganz zu schweigen von den eindringlichen Liedern deren Titel wie „Schwarz-braun ist die Haselnuss“ oder „drei Chinesen mit dem Kontrabass“ bei Familienfeiern neben dem „Ave Maria“ immer wieder für erheiterte Stimmung sorgten.

Meine Großeltern hingegen hatten den Krieg als Kinder selbst miterlebt. In dem Wohnort meiner Großmutter konnte sie gen Friedrichshafen schauen, welches am 28. April 1944 bei einem Luftangriff größtenteils zerbombt wurde und 1.000 Tote forderte. Ihre frühen Jahre hatten sie und ihre Schwestern bei dem bereits erwähnten Onkel ein paar Felder weiter rechts verbracht, welcher durch und durch in seinem Ansehen und den Erziehungsmethoden dem Führer glich. Weiteres über die Kindheit von Oma Pia-Pauline will aber keines meiner Familienmitglieder preisgeben. Manche Familienfotos sind allerdings aussagekräftiger als tausend christliche Worte. Erst wenige Jahre vor ihrem Tod, hatte sie diese wenigen dunklen Details preisgegeben. Aber auch erst in einem Anflug von Reue und Trauer am Tage der Beerdigung meines Großvaters in 2015. Ehrliche Herzlichkeit oder die Bereitschaft über vergangene Zeiten zu sprechen, suchte ich vergebens in einer Familie, die ihre Wurzeln durch Vornamen des Kaiserreichs verschleiert hatte. Die abgeschlagenen Hände eines Jesus am Kruzefix in unserem Haus, wirken dabei nicht weniger paradox als die CDU und ihre schleierhafte Politik heute.

Auch meine Mutter hatte damals — als ich gerade mal süße drei Jahre alt war — keine Probleme damit, eine Person aus der BIPOC-Community als „Neger“ zu bezeichnen. Damals, 1995, wusste sie es schlichtweg nicht besser und meinte es sicher auch nicht böse, da ihr Musikgeschmack und ihre Lieblingskünstler*innen eben alle nicht-weiß waren. La Bouche oder Dr. Alban, waren eben alles andere als „biodeutsch“ und entsprachen auch nicht unbedingt dem Mainstreamgeschmack der Zeit. Weder im Aussehen, noch in den Texten ihrer Songs. Heute muss ich sie aber doch gelegentlich daran erinnern, dass es sich hierbei auch um Menschen handelt, worauf sie — bereitwillig zu lernen — gerne einen Schritt zurückrudert. Ein böser Mensch ist sie deswegen nicht. Sie bleibt schließlich offen und lernfähig. Eine Eigenschaft, die aus der von ihr vererbten Liebe zu allem Neuen stammt und mich selbst auch immer wieder daran erinnert, dass auch ich gern das N-Wort benutze. Nur in meinem Fall ist es der/die Nazi.

Doch ist es nicht so, dass meine komplette Familie aus Nazi’s oder gar Rassisten bestünde. Nein, sie fürchten sich nur. Wovor fragen Sie sich sicher? Nun davor, dass Menschen mit Migrationshintergrund Ansprüche stellen oder gar, dass sie ein Messer in der Tasche haben könnten. Moment mal, ich glaube dabei sprach ich von meinem eigenen Vater und Großvater. Beide trugen und tragen noch heute stolz Waffen durch die Gegend. Mal war es nur ein Taschenmesser, ein anderes Mal das Luftgewehr. Kritische Fragen bei der abendlichen Scheibe Brot? Untersagt oder strengstens reglementiert. Gewalttätig wurden die beiden Männer ausschließlich nur dann, wenn jemand die Wahrheit erkannt hatte und diese aussprach. „Die Wahrheit komme immer ans Licht“, hatte mir mein Vater während meiner Teenager Jahren immer wieder eingeprügelt. Besonders, da ich gerade wieder in Schwierigkeiten steckte und mich gegen verübte Diskriminierung Am Gymnasium wehrte.

Aber auch der Nazi-Urenkel will geliebt werden. Der Stock oder die bloße Faust als Todschlagargument, scheinen dabei fast folgerichtig als Strafe für mein Verhalten. Auch meine gesammelte Kunst zu verbrennen erschien angemessen, nachdem ich es an Weihnachten 2019 gewagt hatte, an einem Sonntag zu renovieren und damit gewissermaßen einen Streit provozierte. Davon abhalten auf mich einzudreschen – weil ihm die Worte fehlten –könnte ich ihn erst, als das Blut über seine aufgekratzte Stirn floss. Ist das Blutvergießen in unserem „biodeutschen“ Code bereits einprogrammiert?

Jeden Morgen muss ich mich daran erinnern, dass ich eben nicht nur die Genetik meiner Eltern und Großeltern bin, sondern emotionale Intelligenz besitze und so etwas wie ein ethisches Gewissen. Können die Nazi-Enkel und Urenkel also noch etwas an diesem statischen Code verändern, der Deutschland dahin geführt hat wo es heute ist? Fakt ist, ich fühle mich immer noch mitschuldig an den Verbrechen, welche meine Vorfahren direkt oder indirekt ausgeführt haben. Besonders wütend bin ich aber darüber, dass sich eine neue Welle an rechtsgesinnten Faschist*innen am Horizont abzeichnet. Ob nun auf der Straße, in der Politik oder den eigenen Reihen. Dabei ist der Ton vieler politisch aktiver Autor*innen ingesamt offen für die Annahme und Aufarbeitung der deutschen Geschichte, sowie der vielen Formen des strukturellen und vererbten Rassismus, welcher auch noch heute an der gesellschaftlichen Tagesordnung in Deutschland steht. Der Wunsch egalitär und in Frieden zusammen zu leben bleibt aber aktuelle in weiter Ferne als Licht am Horizont zu sehen. Meine Familie und deren Geschichte ist dabei keine Ausnahme, wenn es darum geht die dunkle, deutsche Vergangenheit zu umgehen oder totzuschweigen — des Friedens halber.

Totgeschwiegen wird auch die Tatsache, dass viele der deutschen Vorzeigeunternehmen dem „Nazi-Adel“ entstammen und von der Ariesierung jüdischer Unternehmen profitierten. Firmen wie Hugo Boss – die Stilisierung des doppelten S war nur eines der vielen Zeichen einer sichtbaren Sympathie mit dem Regime – der Saubermann Konzern Reimann, die deutsche Bank oder Dr. Oetker, sind Zeitzeugen und Vorbild zu gleich, wenn um die Erhaltung des deutschen Reichtums und dessen Ursprungs geht. Dass, jedoch fast alle dieser Familiendynastien und deren Nachkommen gewissermaßen ihr Erbe mit Diebstahl und Sklavenhandel in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts beziehen, ist heute selten ein Grund keine Geschäfte mit ihnen zu machen. Doch im Falle von Dr. Oetker will man davon auch im Jahre 2019 nach Einschätzung des Handelsblattes noch nichts wissen.

Ebensowenig wie in meiner Familie. Dort in Baden-Württemberg wünscht Tante Luise sich, einfach mal wieder „schwäbisch auf der Straße sein zu dürfen“. Oder wie mein Onkel Jo es formulierte „die faulen Säcke einfach wieder mit dem Boot abzutransportieren“. Aber rassistisch oder gar ein Nazi sei man nicht. Aber… Und wenn ich das nochmal behaupten sollte, bekomme ich dann „eins auf die Fresse?“ Vermutlich. Dank euch weiß ich zumindest was es bedeutet „biodeutsch“ zu sein. Für mich aber sicherlich kein Grund auf meine Familie oder deren Erbe mit Stolz blicken zu können. Eher mit Sorge, aber auf mich hört ja – wie immer – wieder keiner. ☜

Quellen: Handelsblatt, WELT, Emilia Roig und persönliche Gesprächer innerhalb der Familie

Posted by:Alexandre Renaldy

Editor in Chief / AD