Die deutsche Bevölkerung hat ein hartes Stück Arbeit vor sich. Angefangen bei Armutsfragen, über die noch nicht ausgestanden Pandemie, bis hin zum Klima.

Täglich erreichen mich Gedanken zu Fragen wie Integration, Klimaschutz im kleinen und dem immer stärker werdenden Rechts- und Geltungsbedürfnis einzelner Gruppen auf unserem politischen Spektrum. Wie stellt sich die designierte Regierung das denn nun vor, so von wegen bezahlbar, lohnenswert und würdevoll? Denn das sind ja wohl die Schlagwörter die der Bevölkerung im Gedächtnis geblieben sein müssten, jetzt wo die Wahlplakate schon längst auf dem Müll gelandet sind? Ach und war da nicht auch noch was mit einer vierten Welle?

Nun fragen Sie mich nicht wie das gehen soll, aber ich hab das Recht auch nicht gepachtet wie ich erneut, dank zahlreicher Briefe diverser Inkassounternehmen, feststellen dufte. Diese landen direkt nach unverzüglichen Konter-Emails im Papierkorb, da mir diese Grauzone seitens der bekannten Wirtschaftsunternehmen nicht gerade überaus erheiternd erscheint. Zudem kann ich auch durch Nebenjobs nichts an der Tatsache ändern, dass mein „staatliches Gehalt“, nicht mit der realen Bilanz der laufenden Kosten einer Existenz in der Hauptstadt korrelieren. Wie ich es auch drehe und wende mit der Work-Life Bilanz, beschäftigt mich vor allem die Frage, wie es denn weiter gehen soll? Wie auch viele andere Menschen in dem Land wohl auch. Die einzige Möglichkeit ist wohl #stopbeingpoor, um Vivienne Westwood zu zitieren, doch das ist gar nicht so leicht bei all den Pflichten, die mit dem deutschen Rechtssystem einhergehen.

„Weiter so“ und „wie bisher” geht es auf keinen Fall. Sie müssen sich vorstellen, diese Antworten bekommt meine Generation schon seit 16 Jahren in Dauerschleife auf fast alle Systemfragen zu hören. Aber wann wird der kalte Krieg in den Köpfen, der auch mal in einer hitzigen Diskussion zur Handgreiflichkeit werden kann, je aufhören? Denn mehr als zu leben, überleben zur Zeit einige der nationalen und internationalen Kunstschaffenden nur in Deutschland. In meinem Fall wird die deutschlandweite Digitalisierung, ein Teilbereich meiner Arbeit, übrigens aus meinem eh schon knappen Portemonnaie finanziert und zwar ohne, dass ich wirklich etwas davon gehabt hätte in den letzten Monaten. Doch ich stand ja nicht zur Wahl als Bundeskanzler*in. Nun Scherz beiseite, die Monate August und September waren hart genug für mich und die neue Agenda von B’.

When did become fascism fashion again?

Kritik? Definitiv, denn eins ist mir ebenfalls bitter während der Corona-Pandemie aufgestoßen: die vielen Päckchen in meinem Hausflur. Online bestellt bei und ausgeliefert durch: Amazon und Co. Um mal wieder ein direktes Wort nach München zu richten, meine Bewerbung bei der VOGUE ist wohl auch auf dem Müll gelandet? Wie eure monatlichen Fashion Tips oder der Mist aus den beworbenen Onlineshops nach einem Waschgang. Bei all dem Hustle, den ich dank meiner zahlreichen Brot und Butter jobs hatte, passe ich jetzt sogar in eine female Sample Size. And what about the #genderpaygap? Sollten nicht gerade diese Publikationen, die für Diversiät im Kleiderschrank stehen, sich auch politischer Diversität bedienen und diese fördern? Doch wie immer stehen im Politikteil der Modepublikation nicht mehr als leere Phrasen über den Kleidungsstil der Spitzenpolitiker*innen.

Wo bleibt die soziale und klimatische gerechtigkeit?

Die selektive Wahrnehmung der Deutschen von sich selbst als Arbeiterbienen und Organisationsweltmeister gehört, ebenfalls wie die viel beschworenen Einwegbecher während der Pandemie, auf die Mülldeponie. Ach und die AfD gleich mit. Das Highlight nach der Wahl war übrigens wie die Plakate abmontiert wurden: nämlich mit einer Baumsäge, die einer Sense glich. Dies jedoch ist nur meine persönliche Ansicht zu der rechten Seite des politischen Spektrums, zudem sich nun auch die CDU in der neuen Sitzordnung gesellen darf. Wie Sie also rausfiltern können beschäftigte mich so einiges aus der politischen Spähre, als es um meine persönliche Existenz und dessen Identität im Zusammenspiel mit der Außenwelt ging.

Es kostete mich selbst viel Überwindung mir meinen sozialen Stand einzugestehen und diesen anzupassen. Dass ich für die Politiker*innen dieses Landes, nur ein Rädchen in der Maschinerie darstelle, welches ausgetauscht wird, sobald es im Getriebe klappert, war spätestens klar als ich keine Arbeit mehr aufgrund mangelnder Zertifikate bekam. Ein Dorn in meinen Augen und denen meiner erzkonservativen Familie. So wie es wohl auch die Migration für viele Politiker*innen immer noch ist. Oder warum werden Geflüchtete nur als Gäste bezeichnet, Herr Scholz? Vor allem, wenn Sie sich bei einem Blick nach Thüringen immer noch fragen, was an Kriegsflucht denn bitte verwerflich ist? Zugebenermaßen hätte ich mir nach ingesamt zwei überstandenen Autounfällen, das Tempolimit von 30km/h in den Großstädten getreu dem Pariser Modell, auch gewünscht. Selbst wenn es nur dem Zweck dient, den Nazi von gegenüber auf der Straße anbrüllen zu können. Doch auch hier nur ein Stück Papier, viel #blablabla wie Greta Thunberg es formulieren würde und doch keine konkrete Lösung.

Ist es wirklich Progress die Quantität über die Qualität zu stellen?

Sowohl meine Schulzeit, wie auch die zahlreichen beruflichen Stationen und Erfahrungen in dieser Stadt, haben mich gelehrt, dass diese Gesellschaft gelinde gesagt auf einem sandigen Fundament agiert. So wie die Hauptstadt selbst, war ich damals nicht angepasst genug, wie das auch heute noch der Fall ist. Obgleich ich immer ein gutes Gespür für meinen Gegenüber an den Tag legte, so versprach die Zukunft immer grauer zu werden. Quantität stand in diesem Land seit meinem Schulabschluss schon immer über der Qualität. Einen erneuten Hoffnungsschimmer habe ich dann aber doch mit der Ausbildung zum Mediengestalter aktuell: meine Dozierenden mit Migrationsbiografie. Die fördern mich und fordern endlich auch außerhalb der deutschen Box zu denken.

Die einzige Kritik: auch dort steht Konsum wie immer im Mittelpunkt. Denn sobald eine staatlich finanzierte Institution den unternehmerischen Mittelstand vertritt, geht es wie immer um den schnöden Profit. Dabei konsumierten die Menschen in dieser Stadt oftmals mehr als sie vertragen können, verhungern allerdings dadurch emotional. Egal wie viel Sex, Drugs und Rock’n’Roll in der Hauptstadt auch auf den Teller kommt, es ist nie genug für den Moloch der modernen Gesellschaft, wie sie sich selbst nennt. Voller Hoffnung blickte ich also in das Jahr 2021, da ich hoffte die Pandemie würde etwas in dem abstrakten Konstrukt der Gesellschaft und ihrer Mustern verändert haben. Auch auf die Wahl im September hatte ich einen besonderen Fokus gelegt, denn zum erstmalig in 16 Jahren stand den Deutschen der Wandel unausweichlich bevor. Doch besonders mit der unaufhaltsam fortschreitenden Chronik stelle ich fest, dass wir weiterhin konsumieren, anstatt zu reformieren. Inzwischen sogar Plastikmüll zusätzlich importieren müssen, um den Bedarf an recycletem Plastik für Wohlverdiener decken zu können. Dabei ist vielen vermutlich klar, dass wir unseren generellen Konsum in Frage stellen müssen. Denn sonst wird es wohl dem Planeten ergehen, wie einem Junkie auf den Berliner Straßen nach einer Überdosierung.

Wo ist das Feuer der Revolution geblieben?

Was jedoch Identität und Herkunft betrifft sollten wir uns nicht so viele Fragen stellen, denn wenn es um die kleinste Zelle der Identität geht, so sind wir alle in erster Linie Menschen. Ob geflüchtet, in Deutschland geboren oder hier aufgewachsen, mit einer Migrationsbiografie oder einer diversen sexuellen Ausrichtung: Wer wir sind und warum wir lieben, wie wir uns selbst definieren oder wogegen wir uns streben, all das sind Bestandteile der unantastbaren Würde eines Menschen. Ein Konzept, dass in erster Linie den Zugang zu emphatischen Fähigkeiten und Akzeptanz vorraussetzt. Somit aber auch neue Ideen freisetzt und dadurch ein besseres Verständnis für unsere Mitmschen schafft. Dabei sollte jede*r den Mitmenschen eingestehen, dass sie Teil der aktuellen Diskussion rund um die Zukunft des Landes sind – sie bilden sogar einen essenziellen Teil des Fortschritts. Die düstere Vergangenheit ist aber auch und vor allem unter christdemokratischer Führung, noch längst nicht vollständig aufgearbeitet. Dies betrifft wohl viele Teile des europäischen Kontinents, welcher sich in den letzten Monaten immer mehr in eine fremdenfeindliche Festung zu verwandeln scheint.

Mit dem Versprechen, dass jede*r in Deutschland ein würdevolles Dasein genießen darf, nehme ich Sie also in die Pflicht, liebe*r Politiker*innen, diese Aufgabe auch wirklich an die erste Stelle Ihrer vermutlich ellenlangen Prioritätenliste zu setzen. Dazu gehört für mich auch die immer noch signifikante und vielbeschworene Solidarität in der Krisensituation, von der viele Menschen gerade nicht allzu viel sehen.

Bewahren Sie weiterhin die Hoffnung auf eine tatsächliche Veränderung der Dinge!

Ihr Alexander Renaldy

Posted by:B'SPOQUE magazine

B'SPOQUE, the aspirational avant-garde, vanity and zeitgeist magazine, was founded in 2016. Since March in 2019, the magazine is an independent publication, featuring a wide range of topics, such as artists and their works, design, politics, fashion and social matters.

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