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Cancel Culture or Conceptual Catastrophe?

Ist die documenta15 mit einem unglücklichen Narrativ gestraft oder ist der Vorwurf des Antisemitismus gerechtfertigt? Eine Einschätzung der Dinge.


Die Documenta15 und das Künstler*Innen Kollektiv Ruangrupa, befinden sich unter keinem guten Stern in diesem Jahr. Sie stehen unter medialer Beobachtung, grund hierfür ist der Vorwurf des Antisemitismus. Doch warum wurde nicht früher gehandelt? Wie jüngst der Rücktritt der Generaldirektorin Dr. Sabine Schormann bezeugte, reichte es nicht das 20 Jahre alte Banner zu entfernen. Ein definitiv bisher unbegründeter Move war es jedoch, dass es bis zur Eröffnung dauern sollte, bevor die documenta15 auf die bereits zuvor erhobenen Vorwürfe reagierte.

Left to be forgotten?

Andererseits ist an dem Programm der Dokumente bereits klar zu erkennen, dass Künstler*Innen mit einer jüdisch-geprägten Biografie, gar nicht erst eingeladen wurden. Das Zentrum für Politische Schönheit oder Künstler*Innen des Jüdischen Museums wären nur eine Alternative. Leider wird im aktuellen Diskurs vergessen, dass es noch andere Künstler*Innen gibt, die sich mit den Folgen und Fragen zum Holocaust und der Gefahr von Diktaturen auseinander setzen. Vertreter*Innen des jüdischen Lebens, wie sie gerade im jüdischen Museum zelebriert werden, bleiben aber leider außen vor in einer Debatte. Eine Debatte die sich systematisch auf weitere Bereiche in der deutschen Gesellschaft und ihren Institutionen übertragen lässt.

Die Frage, wie viel von der dunklen Vergangenheit überhaupt aufgearbeitet wurde, bleibt auch bei dem durchaus diversen Cast und Künstler*Innenkollektiv der documenta15 offen. Auch die Dokumenta hat einen Teil ihrer Vergangenheit offenkundigen Sympatisanten der alten Regime inklusive diverser ‘Ismen zu verdanken. Obwohl dies in Anbetracht der Umstände eine der vielen Aufgaben von Kunst und Künstler*Innen wäre, schwiegen sich die Verantwortlichen aus oder traten zurück.

The Echo of what has been happening

documenta fifiteen: Nguyễn Trinh Thi, And They Die a Natural Death, 2022, Installationsansicht, Rondell, Kassel, 14. Juni 2022, Foto: Frank Sperling

Anfang Juli meldete sich sich dann das Künstlerkollektiv zu Wort und Taring Padi erklärt einen Teil des doch eher individuellen Kontexts. Auch hier geht es um Scapegoating, einer Form der Schuldzuweisung bzw. Synonym individueller Feindbilder:

„Teil der kolonialistischen Gewalt war ein Gegeneinander-Ausspielen verschiedener Gruppen nicht-weißer Menschen. Sie wissen wahrscheinlich, dass im Fall von Indonesien ein Unterschied zwischen Indigenen Indonesier*Innen und der chinesischen Minderheit konstruiert wurde. Hierbei haben niederländische Offiziere, wie Sie vielleicht wissen, europäische antisemitische Ideen und Bilder auf die chinesische Minderheit übertragen und sie in einer Weise dargestellt, wie Europäer*Innen Juden beschrieben haben.“

Taring Padi

Cultural Apropriation or Culture Clash

Die Aneignung bestimmter Symbole hat zumindest auch in Europa ebenfalls zur Rebellion gegen das Establishment oder zumindest gegen die Weltsicht der eigenen Eltern gehört. Jedoch bedarf es bei der Benutzung angesichts der tradierten Lesart einen bestimmten oder kommunizierten Kontext. In manchen Fällen jedoch, sollte gänzlich auf die Symbolik von Diktaturen oder die Verbindung dieser mit dem Establishment verzichtet werden, da diese wohl immer noch eine gewisse Faszination für die jeweiligen Ideologien auslösen könnte. Oder wie in diesem Fall zu einem historischen Moment der Cancel Culture führen kann.

Die meisten der verbotenen ideologischen Beispiele sind jedoch – nicht umsonst – in der deutschen Verfassung als Verbote festgehalten worden. handelt es sich bei dieser Lesart um eine kontextualisierte Betrachtung, die historische Ereignisse wie den Holocaust und die koloniale oder geteilte Vergangenheit Deutschlands miteinbeziehen. Jedenfalls bestimmen Vorzeichen und ausgehende Reflexion einen Teil der Debatte und leider hilft Unwissenheit oder eine vermeindliche gut gemeinte Message auch nicht, dieses Dilemma aufzulösen.

Chaos theory and old patterns

documenta fifteen: Nhà Sàn Collective, Nguyen Phuong Linh &Truon Que Chi, A Mangrove Apple Tree, 2022, Installationsansicht, Stadtmuseum, Kassel, 17. Juni 2022, Foto: Nils Klinger

„Es ist erschreckend und beschämend für uns, dass hier heutzutage der Zyklus der Übertragung weiter vollendet wurde. Ein in Europa entstandenes Bild wurde auf völlig inakzeptable Weise unserem kulturellen Kontext angepasst. Ein Prozess, über den wir gemeinsam nachdenken sollten. Unser kuratorischer Ansatz ist kein klassischer autoritärer Ansatz, der die volle Kontrolle über die Elemente der Arbeit bei der Schaffung der Ausstellung ausübt. Wir ziehen es vor, zusammenzuarbeiten.“

Taring Padi

Aus der Verantwortung wird sich die Veranstaltungsreihe, die ursprünglich die Kunstszene Deutschlands und dessen nationale, wie internationale Künstler*Innen vertreten sollte, nicht mehr ziehen können. Auch nach der Entfernung des strittigen Kunstwerkes, dessen Entfernung übrigens von den Vertreter*Innen der betroffenen Parteien kritisiert wurde, bleibt der bittere Beigeschmack der Cancel Culture. Oder zumindest der einer gewissen Ignoranz gegenüber Themen und Bevölkerungsgruppen, welche eine existenzielle Berechtigung innerhalb wichtiger Debatten einnehmen und deren uneingeschränktes Existenzrecht durch Kolonialismus, Kriege & Vertreibung inzwischen wieder in Frage gestellt wird.

Don’t think, don’t tell…

Generell bleibt für mich jedoch weiter fragwürdig, warum es trotz mehrfacher Warnungen diverser Experten, zu solch einem Skandal im hessischen Kassel und für die Documenta15 kommen konnte. Auch warum zwar palestinensische Künstler*Innen eingeladen wurden, aber keine israelischen. Warum? Nun vielleicht um in diesem Diskurs eventuell beide Meinungen zuzulassen.

documenta fifiteen: Richard Bell, 2022, Installationsansicht, Fridericianum, Kassel, 14. Juni 2022, Foto: Nicolas Wefers

„Bei den vielen Herausforderungen, mit denen wir in den Monaten vor der Eröffnung konfrontiert waren, möchten wir darauf hinweisen, dass mit ihnen auch eine Flut unbegründeter Anschuldigungen und Angriffe verbunden war – was zweifellos zu einer Atmosphäre führte, in der am Ende nicht die lumbung-Werte, insbesondere das wechselseitige Lernen mit Respekt voreinander, praktiziert wurden, sondern ein Impuls zum Verhör, zum Ausschluss und zur Zensur.“

Taring Padi

Political Correctness, Pluralism & Privilege

Eine Zensur, wie sie zur Zeit wohl aufgrund vermeintlicher „Political Correctness“ und als Teil der oftmals einseitig gedachten Cancel Culture häufiger vorkommt. Es bleibt die Hoffnung, dass wir als Gesellschaft nicht den roten Faden im Bezug auf gemeinsame Werte verlieren. Hierbei ist wichtig zu verstehen, das Künstler*innen oder Kollektive, die einen 20 Jahre alten Banner ausstellen oder den Vergleich zwischen Gaza und Guernica ziehen, ebenfalls versuchen Traumata symbolisch aufarbeiten. Auch die Tatsache, dass sich Ängste wiederholen und damit eine Berechtigung haben und Gewichtung im politischen Diskurs bekommen, darf nicht unterschätzt werden. Ein 20 Jahre alter Banner jedoch, kann sich jedoch kaum dem Update einer historisch gewachsenen Verantwortung entziehen.

documenta fifiteen: FAFSWAG, Installationsansicht, Stadtmuseum, Kassel, 13. Juni 2022, Foto: Nils Klinger

Why Context Matters…

Zu weiteren strittigen Exponaten heißt es:

„Es handelt sich bei den Zeichnungen nicht um ein ausgestelltes Kunstwerk, sondern um Archivmaterial, das auf der documenta fifteen präsentiert wird. Aber auch hier ist angesichts der antisemitischen Bildsprache verantwortungsvolles Kuratieren wichtig und es braucht zumindest eine geeignete Kontextualisierung. (…) Der Umgang mit den Zeichnungen zeigt, wie dringend notwendig die externe Expertise bei der Analyse von Werken auf antisemitische (Bild-)Sprache ist.“

Taring Padi

An dieser Stelle bleibt als Randnotiz zu unterstreichen, dass es jedoch mehrfach Gespräche und Warnungen im Vorfeld gegeben haben soll. Ohne den moralischen Zeigefinger zu erheben, ist es unsere Aufgabe, sich der eigenen Bias zu stellen und fragen, wie hoch der Wert von individuellen Freiheiten in einer kuratierten und vorselektierten Kunstveranstaltung sein kann und darf. Besonders, wenn der gesellschaftliche Narrativ bereits durch Algorithmen und Präferenzen vorzensiert wird. Bleibt zu hoffen, dass die Veranstalter*Innen für die Zukunft gelernt haben und die Besucher*Innen der documenta15 sich ihr eigenes Bild machen werden. Auch wenn der Diskurs festgefahren ist, sollte Kunst immer für sich selbst sprechen dürfen und das gemeinsame Aushandeln eines Kompromisses ermöglichen. In diesem Falle ging der Schuss wohl nach hinten los.