Das Ende der Unschuld?


Im Jahre 1937 traf sich letztmalig die gesamte Welt zu einem Austausch interkultureller Disziplinen wie Kunst, Technik und Gesellschaft zur Weltausstellung in Paris. Zu diesem Zeitpunkt hatte der II. Weltkrieg bereits in Spanien begonnen. Die Dokumentation des deutsch-französischen Senders arte behandelt aktuell dieses Thema unter dem Namen “1937 – Das Ende der Unschuld” und gibt Einblicke in die Zusammenhänge der politischen und gesellschaftlichen Stimmung, sowie die unterschwellige Sympathie mit den faschistischen Ideologien dieser Zeit, welche sich vor allem von Deutschland, Spanien und Italien ausgehend ausbreiteten. Heute 2021 stehen wir vor einer ähnlichen komplexen Herausforderung. Die Stimmen einer rechten Identität und deren Negierung von Menschenrechten im Falle marginalisierter Gruppen bzw. deren intersektionalen Diskriminierung, mischt sich mit den Stimmen einer extrem linken Identitätsdiskussion und führt im aktuellen Corona Konflikt zu einem Wettkampf um das Recht auf Sichtbarkeit, sowie den Erhalt diverser Privilegien beider Seiten. Tobt also bereits ein “Krieg ohne Waffen”? Wenn ja, wer wird davon profitieren und wer wird auf der Strecke bleiben? Fakt ist, es ist an den Wählern in diesem Spätsommer zu entscheiden, wie wir in eine unsichere Zukunft schreiten wollen und mit wem. Für welche Rechte und Pflichten wir uns einsetzen wollen und vor allem, welche Communities wir nicht außen vor lassen dürfen.

Wer definiert die “Norm”?

Warum schaffen wir es nicht, uns darauf zu einigen, dass dieser Begriff einer absoluten, gemeingültigen ‘Norm’ nicht existiert? Dies würde nämlich bedeuten, alle weißen-, cis- und hetero-normativen Faktoren als gesellschaftliche Lüge zu enttarnen.

Alexander Renaldy


In Madrid wurde am sogenannten “Vorabend des Krieges” im Hotel “Florida” getanzt und gefeiert. Bekannte Gesichter und Stimmen wie Ernest Hemingway unterhielten eine Art Salon von Intellektuellen, welche das Geschehen maßgeblich in Bilder und Worte zusammenfassten, parallel arbeite der Spanier Pablo Picasso an seinem wohl umstrittensten Gemälde “Guernica” welchem erst nach dem Ende des II. Weltkrieges seine eindeutig prophetische Wirkung bestätigt wurde.


In 2021 ändert sich lediglich die Ausgangslage und der Ort der großen Party. In Berlin feierte das italienische Luxuslabel Bottega Veneta ‑ welches sich erst kürzlich von den sozialen Medien verabschiedet ‑ hatte eine Modenschau lochtet @ the Berghain mit anschließender Party im SoHo House. Vorbei an den aktuell gültigen Bestimmungen des deutschen Infektionsschutzgesetzes und während eines nationalen Lockdowns. Wieder einmal versammelt sich also die internationale „Influenza“, allerdings nicht um auf Probleme aufmerksam zu machen, sondern um Privilegien zu zelebrieren, die den meisten anderen in Zeiten einer Pandemie verwehrt bleiben.

Währenddessen wird in Italien der vererbte Rassismus mehrerer Generation in den Medien sichtbar und somit zur internationalen Debatte aufgetischt. In Deutschland hingegen wird der unterschwellige Rassismus der gerade in einer konservativen Regierung zum Teil noch sehr verankert ist, bewusst hingenommen und nur teilweise angesprochen. Der Bayerische Rundfunk (BR) diskutierte den Beitrag von Helmut Schleich zwar, ließ allerdings verlauten, dass “man keine Problematik darin sehe”. Das “Blackfacing” von dem hier die Rede ist, bleibt ein Affront gegen die BiPOC Community, wie es auch die Klischees einer Michelle Hunziger und ihres Co-Moderators Gerry Scotts gegen die ESEA Community sind. Auch der Themenabend des WDR scheiterte kläglich mit seinem Versuch über Rassismus zu debattieren. Was darf also Satire, wenn sich der Witz besonders auf Kosten marginalisierter Gruppen bezieht?

Human Rights are not negotiable

universal law


Themen wie die Frage was Satire darf und was nicht, stellen unsere Gesellschaft auf eine harte Probe. Denn auch 1937, sah die Außenwelt noch keinerlei Problematik beim Ungang mit marginaliserten Gruppen innerhalb des dritten Reichs und der deutschen Gesellschaft an sich. Gegenteiliges war der Fall, man lobte Deutschland und seinen Fortschritt auf der Weltausstellung in Paris. Besonders Leni Riefenstahl konnte mit ihrem Dokumentarfilm “Triumph des Willens” die Massen begeistern und erntete eine mehrfache Auszeichungen durch die Franzosen.
In Sachen Blackfacing gehen die Meinungen auseinander, faktisch ist die BiPOC Community mit Stimmen wie der Tamu McPherson’s sich einstimmig einig. “If you don’t understand it, don’t do it”, ist dabei nur eine der vielen universell gültigen Aussagen die sie zusammen mit anderen Kolleg*innen während ihrer Flok Talks auf den sozialen Medien zusammen trägt und die wir – als weiße Menschen in Europa – schlichtweg akzeptieren und in unseren Umgang mit anderen Menschen implementieren müssen. Dabei geht es keinesfalls nur um Political Correctness, sondern um strukturellen Rassismus und seine Folgen im Alltag. Dieser vermeintlich humoristische Umgang mit der nicht-weißen Bevölkerung verletzt nach wie vor unsere demokratisch verankerten Grund- und Menschenrechte. *

Die Antwort auf die Eingangsfrage ist: JA.

Sources:
  • -arte.de / Dokumentation „1937 – Das Ende der Unschuld“
  • -Tamu McPherson / „The Flock Talks – Racism in Italian Media“
  • -soundhead.hu / “Infuencer feierten trotz Bundesnotbremse”
Posted by:Alexandre Renaldy

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