DEAR READER, WÜNSCHEN WIR UNS DOCH ALLE MAL ZUM GEBURTSTAG WELTFRIEDEN UND SCHAUEN WAS PASSIERT… EIN KLEINER SPAZIERGANG ÜBER DIE FASZINATION DES „SUMMER OF LOVE“.

IMAGES BY LES ANDERSON,
WORDS BY C.D.

1969, um diesen Sommer richtig miterlebt zu haben, müssten Sie heute zwischen 70 und 80 Jahre alt sein. Falls nicht, sind Ihnen sicherlich Menschen bekannt die dieses Alter erreicht und dieses magische Zeitalter miterlebt haben. Verwandte, Eltern, Freunde, Nachbarn oder vielleicht die Oma in der Kassenschlange vor Ihnen. Haben Sie sich nicht schon einmal gefragt, ob das vielleicht mal ein Hippie war? Um genauer zu sein, ein sogenannter „Althippie“. Erkennungsmerkmale solcher sind of ein zerfurchtes Gesicht, listige, lustige Augen und trotz des Alters meist reichliche freche Sprüche. Haben Sie einen solchen Menschen in Ihrem Umfeld, die Sie in den speziellen Kosmos der Hippie-Gedanken entführt hat und von dem eine gewisse süßliche Patchouli-Note mitschwingt, der wir uns nicht entziehen können?

Möglich wäre es wirklich, dass die Nachbarin in ihrer Jugend wilde Sexorgien gefeiert hat und sich neben den drei Liebhabern, auch noch eine spezielle Freundin leistete. Vielleicht gibt es auch Erinnerungen an einen schrägen Onkel beim runden Geburtstag der Verwandtschaft, der zuvor durch zwei Scheidungen und seiner lockeren Weltansicht aufgefallen war da und nun endlich nicht mehr das Familienidyll störte? In meinem Fall war besagter Althippie wohl auch ziemlich lange in Indien und dem Rest der Welt unterwegs und musste reichlich Drogen zu sich genommen haben, bevor er wieder im heimischen Hafen angekommen war.

Allerdings ist es immer wichtig zu wissen aus welcher Perspektive ich auf eine Zeit blicke. Erinnere ich mich als Zeitzeuge, als Tochter oder Sohn eines solchen oder gehöre ich inzwischen sogar zur Enkelgeneration? Der blick ist sicherlich ein anderer. Die Einen glorifizieren die goldenen 60er, während die Anderen mit schrecken zurückblicken, vor allem auf die beiden Lager. Die Einen gehörten zur Fraktion des Wirtschaftswunders oder Baby Boomer, mit einer Weltansicht, die noch aus dem vorherigen Jahrzehnten stammen, während die Anderen die Welt für alle besser machen wollten. Was macht nun also die Faszination von 69’ aus? Gentechniker und Neurologen forschen fleißig daran, pränatale genetische und emotionale Übertragungen beweisen zu können. Schwimmt also auch in uns das lustige Hippie-Blut oder die Erinnerung aus den wilden Sechzigern?

Sollte ihre Familiengeschichte eher wie eine bunte Blase aus finanziell guten Verhältnissen, superökologischem Essen, hoch akademischen und intellektuellen Familienmitgliedern und träumerischen Familienpauschalreisen bestehen, dann schonmal Glückwunsch! Dann hat der Vater oder Großvater, außer der Musik und der Mode nichts gut gefunden und der nachfolgenden Generation einen anderen Weg geebnet. Denn noch eine Generation zuvor, welche das Erbmaterial des vorhergehenden Krieges in sich trägt, setzte man ebenfalls lieber auf vermeintliche Sicherheit und Geld, indem man einen lobenswerten Job in der Bank, bei einem Rüstungsunternehmen, in der Automobilbranche oder der Pharmaindustrie annahm. Ein Lebensstil, der ebenfalls von einer ganzen Gesellschaft der 69er geteilt und für gut befunden wurde, während der Krieg mit den Anderen in Gedanken weitergeführt wurde. Dies wurde gerade in Deutschland durch den Bau der Berliner Mauer ein paar Jahre zuvor sichtbar. Ein Volk und eine geteilte Identität.

Trotzdem empfehle ich Ihnen mal einen genaueren Blick in die Familienalben zu werfen. Vor allem falls Sie befürchten sollten, ihr Kind könnte sich zu einem Hippie verwandeln und die ganze Genforschung versagte wieder einmal in ihrer Genauigkeit. Vielleicht gibt es ja etwas verdächtiges zu entdecken. Gab ja viele schöne Dinge zu der Zeit! Vor allem das weltweite Gefühl den vielen positiven Gedanken, Taten folgen zu lassen. Eine Gesellschaft für sich und den Frieden, in poetischer Musik, expressivem Tanz, philosophischen Gesprächen und fernen Reisen; vereint unter der schützenden Decke der Harmonie. Eine kurze Befreiung aus dem eisern anerzogenen Rhythmussystem das nur arbeiten, schlafen und essen vorsah.

Damals gab es aber auch Massen an Menschen, die Kommunen, Kindergärten und Freizeithöfe gründeten, ähnlich einer neuen Bewegung junger Menschen die nach 1990 geboren wurden. Schrei-Therapie war bisweilen allerdings ein Muss; ständig hatte man die Bude voll mit Leuten die ununterbrochen rauchten, kifften, Musik machten oder herum lümmelten und die ganze Nacht quatschten. Die berühmte Kommune 1 bestand nicht länger als ein Jahr. Da scheint es heutzutage mit ein paar Regeln besser zu funktionieren, oder? Jedoch hat diese Generation jede Menge Freiheiten in diesem Land auf den Weg gebracht, die für uns sechzig Jahre später selbstverständlich sind. Sie haben aber—genau wie wir das 2019 wieder müssen—ihre Stimme für ihre Werte und Ideen erhoben: „Haltet die Welt an, ich will aussteigen!“ Ein Zitat dessen Ursprung zwar nicht bekannt ist, aber vielen Menschen aus der Mitte des letzten Jahrhunderts geläufig sein sollte. „Haltet die Welt an, ich will aussteigen,“ sagen Sie diesen Satz doch spontan mal zu der Nachbarin im entsprechenden Alter von nebenan. Sollte sie lächeln, kennt sie den Satz zu gut. Die alternative Reaktion könnte bisweilen auch ein verächtliches: „Oh Gott ein Hippie“ sein. Befinden wir uns etwa wieder in einer „Hippie“-Ära und keiner hat es bemerkt oder nennt es so? Schließlich wollen viele Menschen gerade einfach nur noch aussteigen.

Zu Kiffen ist weltweit im Aufschwung und medizinisches Cannabis wird inzwischen zur Behandlung von diversen chronischen, psychischen Krankheiten oder als Krebs-Medikation eingesetzt. Genau wie zahlreiche andere Hippie-Reminiszenzen zu denen auch Yoga, Heilfasten, Kräuterseminare, Selbstfindungsreisen und die Blumen im Haar oder auf den Blusen, gehören. 2019 werden weltweite Freundschaften oft online und in verschiedenen Berufszweigen geschlossen, um Projekte gemeinschaftlich anzugehen. Wir wollen den Regenwald und die vom aussterben bedrohten Tierarten retten. Auch die Abgaswerte interessieren uns nach all den Jahren als skrupellose Vorreiter in der Automobilindustrie und deren Umweltskandalen. Im Gegensatz zur Vergangenheit haben wir nun bessere Bildungsangebote, einen erleichterten Zugang zu medizinischer Versorgung und Medikamenten, innovativer und interessanter Architektur (z.B. in Form von Bienenwaben), recycelter Kleidung aus PET-Flaschen und Wohnprojekten mit der Möglichkeit zum nachhaltigen Lebensmittelanbau. Aber auch in den Städten hat sich einiges verändert, seitdem die 69er die Welt angehalten haben. Gleiche Rechte für Frauen, Kinder und die LGBTQ+ Gemeinschaft oder die Integration und die Gleichstellung von Menschen mit Immigrationshintergrund oder Beeinträchtigungen. In Berlin wird bunt und halbnackt gefeiert und jeder ist willkommen, solange er oder sie kein Nazi ist. Aber ist das genug Einsatz um die Lage schöner und besser machen zu wollen? Ist außer der Mode, der Musik und den Drogen, wirklich nichts mehr von 69′ übrig geblieben?

Die eingefleischten Althippies halten uns vermutlich für Weicheier und lächeln nur müde über unser Handeln. Uns fehlt der Dreck unter den Fingernägeln. Wir freuen uns zwar über das Revival des VW Beetles, hören immer noch gern die Beatles während wir genüßlich am Joint ziehen und dabei abheben, aber planen wir noch eine richtige Revolution oder war’s das schon mit dem „Spirit of Love“? Sind also die leicht verschrobenen Alten, die sich über Jugendliche aufregen, die ihren Müll auf die Straße schmeißen und selbst die Cola Dose entsorgen, also die wirklich coolen? Oder die Oma mit dem Kräutergarten auf der Terrasse, in welchem für jedes kleine „Aua“ ein Kraut wächst und die Ihnen im Ernstfall auch noch eine Kompresse wickeln würde? Schauen Sie mal bei Opa in die Plattensammlung. Könnte gut sein, dass er die besseren Platten im Schrank hat, als der Enkel in seiner Spotify Playlist. Vermutlich ist der Opa auch noch die bessere Jukebox an musikalischem Wissen, als viele Mitglieder der Generation Y. Vielleicht ist es ja auch die Tante, die Acid super fand und trotzdem erfolgreich als Selbständige wurde? Wer weiß.

Welchem Hintergrund gehören Sie wohl an und welche soziale Prägung hat Sie beeinflusst? Ich persönlich mag die 69’, trage aber keine Hippie-Kleider und keine Schlaghosen, mein Jahrzehnt war beeinflusst vom Punk. Mein Moderenes Leben in der heutigen Zeit gefällt mir gut, ich bin aber für meine persönliche Entwicklung froh, die Hippie-Generation als Freunde erleben haben zu dürfen. Schließlich hat eine positive Einstellung zu guten Verhaltensgrundsätzen nichts mit der Optik zu tun.

Ich bemühe mich das Feuer der Revolution in mir brennen zu lassen und auch wenn mein Gesicht schon von der einen oder anderen Falte geziert wird, so bleiben meine Augen aber listig. Meinen Kindern gebe ich diese Gedanken mit auf den Weg. Ich versuche sie als Freigeister zu erziehen und ihr selbstständiges Denken zu fördern, mit all den Ängsten und Hoffnungen die eine Generation hat. ☆

So lass ich Sie mit ein paar Fragen zurück und wünsche Ihnen bunte Zeiten!

Entsprachen die Hippies ihrem eigenen Klischee? 

Warum interessieren wir uns heute noch für diese Epoche? 

Fällt Ihnen spontan ein Lied aus der Hippie-Zeit ein?

Ein typisches Essen? 

Sicherlich fällt Ihnen aber ein Hippie ein, der diese Zeit nicht überlebt hat? 

Welche haben sie überlebt?

Falls sie sich einmal eine Hippie-Dokumentation angesehen haben, welche Farbe haben Sie am meisten wahrgenommen?

Würden Sie sich für einen Button mit Friedenstaube schämen? 

Haben bzw. erleben Sie sexuelle Freiheit? 

Sind Sie das Produkt von Spießern oder Hippies?

#FeauturedArtist

Les Anderson

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Posted by:B'SPOQUE magazine

B'SPOQE, the aspirational avant-garde, vanity and zeitgeist magazine, was founded in 2016 by Alexander Renaldy and Karl Jürgen Zeller. Since March in 2019, the magazine is an independent publication, featuring a wide range of topics, such as artists and their art, design, politics, fashion and social matters: "Our goal is to simply do something and leave our mark, to make the world a better place or change something, which is important in this time of political instability" - Alexandre Renaldy