Aus dem “Sommer of Love”, Frust und Triebebefriedigung geworden. Die Frage bleibt, warum Beziehungen in der Gay-Community nur so flüchtig sind?

Das Wetter kühlte sich etwas ab und somit auch generelle Lustdruck. Auch wenn die Messages weiterhin in regelmäßigem Abstand eintingelten, so hatte ich fortan wieder anderes zu tun und mich hauptsächlich auf meine Projekte zu konzentrieren. Täglich schrieben mir beide auf grindr oder WahtsApp, aber in der Woche meines 29. Geburtstages, ging mir allerlei anderes durch den Kopf. Klar hatte ich Lust auf die BDSM Spielchen der beiden Jungs. Der eine dominierte gern, während sich der andere dominieren ließ und sogar extrem von meiner weiblichen Seite angeturnt wurde. Auf einmal hatten meine So Kates – ein Geschenk aus 2020 – ihre ideale Verwendung gefunden, zumindest gedanklich. Aber der Anruf meiner Ärztin und Virologin am Mittwoch Morgen, hatte so ziemlich alle weiteren Pläne vorläufig auf Eis gelegt. Dienstag noch reichte ein Augenblick auf der Straße und das nächste Match entstand. Zuvor lies ich mich allerdings zum Check-Up im Prenzlauer Berg blicken.

PART III: 22. – 27. Juni: Recharching

Eine Nacht später folgte dann auch schon die Hiobsbotschaft des bisher unbeschwerten „Summer Of Love“: Chlamydia. Vermutlich als eine Art verfrühtes Geburtstagsgeschenk, inklusive der lästigen Aufgabe alle 18 Jungs darüber zu informieren. Tags zuvor hatten Kyle und ich unsere erstes Date in aller Ruhe, welches allerdings im Verlauf der paar Stunden Zweisamkeit immer mehr an Reiz verloren hatte. Weniger auf menschlicher Ebene, als auf sexueller. Vermutlich hatte ich wohl schon eine leise Vorahnung. Allerdings lief es erst einmal auf den beidseitig gewünschten Sex hinaus und einer seltsamen Vorstellung meinerseits im falschen Outfit, hungrig und unterzuckert.

Irgendwie schien dieses Date generell jede Regeln der Flirtkunst gebrochen zu haben. Denn am Ende des Nachmittags war ich so nervös, dass wir erst einmal vor die Tür mussten um etwas zu essen. Nicht ganz befriedigt verließ ich ihn, nachdem wir uns eine Avantgarde Tanzperformance online angesehen hatten und ich daran erinnert wurde, dass da jemand auf mich wartete. I know, call me a lockdown slut.

We Are Family

Schließlich rückte der große Tag wie jedes Jahr gnadenlos näher und ich war überglücklich, dass Micky und Philipp mich in den Hamburger Bahnhof zu einer Ausstellung, anschließender Cocktailstunde und einem fabelhaften Dinner entführten. Nicht ohne den höchst fragwürdigen Moment meines ersten hochoffiziellen „Covid-Schnelltest„ in einem Restaurant in Mitte erleben zu dürfen, nur um anschließend in einem anderen Restaurant in der Torstraße essen zu gehen, ohne dass dieser Test zur Vorlage kam. Liebe CDU, weird. Das „better tomorrow“ und die Liebe um mich herum, waren das Nasenstäbchen definitiv wert. Blumen, ein Buch über die Malerin Georgia O’Keeffe und eine Flasche Champagner später, kam ich gegen drei Uhr am 24. Juni – dem tatsächlichen Geburtstag – ins Bett und verschlief den Tag bis 11 Uhr am morgen. Meinen Ehrentag selbst verbrachte ich damit, alle Glückwünsche zu beantworten, mein Schlafdefizit der letzten zwei Wochen auszugleichen und mich auf keinen Fall selbst zu bemitleiden. Mit ABBA im Hintergrund und so halb in meinem Meeting verdrängte ich die Tasache, dass mich all das nicht wirklich befriedigte. Weder sexuell noch emotional. Am Abend hatte ich das Glück meinen befreundeten Nachbarn die ganze Story erzählen zu können und bei Prosecco den Abend ausklingen zu lassen, da ich am nächsten Tag eine Klausur über Wirtschaftsgrundlagen schrieb.

Mehr schlecht als recht ackerte ich mich am Freitagmorgen durch die Handelskalkulationen, Zinsberechnungen und allerlei anderen Mist, den ich seit meinem Abitur am Wirtschaftsgymnasium erfolgreich verdrängen konnte. Selbst der Dozent schien jede Nacht Party zu machen und überzeugte hin und wieder durch dezentes Schnarchen, welches durch das Mikrofon drang. Oder durch die Tage, an dem sein Discoschnupfen besonders schlimm gewesen war. Nach der Klasur lug er mich sogar zum Mexikaner ein, aber ich lehnte dankend ab. Zumal ich wusste, dass er nach eigenen Angaben verwitwet und bisexuell war, jedoch so gar nicht meinen Männergeschmack entsprach. Mussten wohl die langen Haare sein, welche alle um mich herum ein bisschen verwirrten…

Bei dreien wird es immer einem zu viel…

Am Abend sollte ich zum ersten Mal mit Roderyk allein die Nacht verbringen. Jedoch nur um völlig frustriert – sexuell wie mental – am nächsten Morgen das Handtuch werfend, aus der Wohnung zu verschwinden, nachdem ich zuvor seine volle Ladung aus bitterem Sperma, mit dem Geschmack der unzähligen Joints aus meinem Gesicht gewaschen hatte. Auch wenn ich auf dirty talk stand, so verwirrte mich sein Ausspruch “Jetzt kennst Du deinen Platz” zu tiefst und ließ mich an der Idee der Triade zweifeln. Cumshot yes, but please with good taste! Wenige Stunden später folgte ein Bild von ihm aus der Hängematte und die Frage: „How are you Babe“ von seinem Mann. Beides beantowrtete ich erst einen Tag später, denn ich hatte mehr als genug gesehen. Alles in allem kam ich mir an dem berüchtigten Pride Morgen vor, wie die vorsintflutliche Definition einer Whore; gebrannt und nicht mehr wert als der schnelle Anflug von Geilheit, sexuell frustrierter Dudes. Nicht, dass dies sonderlich an meiner Würde gekratzt hätte, aber an dem Selbstbild, welches ich von mir hatte. War ich nicht mehr als nice to (f)fuck?

Regardless of what race, what color, what sex, what nationality, what sexual orientation – regardless of who you are, equality should always rule! Whatever is right for you is right. Period.

Winnie Harlow

Ich konnte der Frage, was ich denn nun wollte. nicht mehr aus dem Weg gehen. Der Gedanke eine Dreiecksbeziehung zu führen, hatte mich so eingelullt, da ich um die fehlende emotionale Tiefe wusste. Gleichzeitig ich hatte auch keine Lust der Frustrationsspielball eines Couples zu sein, welches nach acht Jahren Beziehung und Ehe, kurz vor dem Beziehungsaus stand und nur von einem Hund und zahllosen Fast-Food-Dates zusammen gehalten wurde. Zuvor hatte ich die beiden im nahezu nüchternen Zustand noch als sehr warm und ehrlich erlebt. Nun konnte ich den literally spoken bitteren Beigeschmack des „Summer of Love“ nach einer Chlamydia Infektion und dem ungewollten Facial nicht mehr wirklich ignorieren. Da half auch der halbseidene Bademantels und das Nutten-Frühstück nichts. Allerdings entschied ich mich dazu erst einmal zu schlafen und alle weiteren Wünsche meines Hosts zu ignorieren, um nicht völlig verstört unter Leute treten zu müssen. Den Rest des Samstages hab ich dann sämtliche Messages ignoriert, meinen Kopf wieder sortiert und mich gegen 7 in mein eigenes Bett gelegt. Die Schuld an allem anderen, gab ich den Tabletten und der Hitze. Ich für meinen Teil habe jedenfalls keine Lust an diesem hoffnungslosen Lebenskonzept auf Dauer teilzunehmen.

Jedoch war auch bereits zu Beginn klar, dass ich wohl am Hurenbaum schüttelnd keine ernsthafte Zukunft bekommen würde, sondern eben nur egodurchtränkte „Fruits“, mit jeder Menge Drama und noch mehr Potenzial für Frustration im Gepäck. Da war ich schließlich keinen Deut besser, da ich mich missbraucht und gedemütigt fühlte. Aber ich war auch noch nicht einmal warm gelaufen – vor allem was mein Potenzial für Dramaturgie und Storyboard betraf. Die vermeintliche Gewitterstimmung hatte sich zwar durch ein paar WhatsApp Nachrichten in Luft aufgelöst, aber es blieb die Frage wie es denn wohl weiter gehen sollte? Meine Schüchternheit gegenüber dieser Art Themen innerhalb der Community habe ich jedenfalls ein für alle Mal verloren. Besonders nach diesen weniger glänzenden Momenten der Gastgeber und meines letzten offiziellen Auftritts innerhalb dieser Triage. But(t) and it’s a big one, that wasn’t all yet…

Posted by:Alexandre Renaldy

Editor in Chief / AD

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