Tagelang beschäftigte mich die Frage, warum wir uns menschlich so entfremdeten, obwohl im regen körperlichen Kontakt zu anderen standen. Besonders in der Situation ohne ein Kondom körperlich zu sein und dabei so einige andere sehr intime Dinge auszutauschen. In kürzester Zeit hatte ich denn Sonntag Nachmittag effektiv genutzt und wieder einmal eine schnelle Nummer in absehbarer Nähe entdeckt. Befriedigt meiner Lust, versah ich mich wieder in der Hasenheide ein. Doch diesmal schrieb ich auf was ich sah: Menschen die den Berlin Summer als einzige Party genossen, da uns die Aussicht einer neuen Welle bedrohte. Ich schien selbst an- und abwesend zur selben Zeit zu sein und auch wenn ich das Getümmel in den Büschen wahrnahm, so tangierte es mich nicht. I was fine.

Die nächsten Tage zogen nur so an mir vorüber wie eine sauber gezogene Line, musste wohl Speed oder Koks gewesen sein. Aber nein, der morgendliche Kaffee und der abendliche Joint reichten völlig aus, um wieder zu Verstand zu kommen. Aber was war das schon, im Vergleich zu dem was ein Politiker sich wohl über den Tag verteilt alles einwarf um diese Gesellschaft zusammen zu halten? Ich besann mich wieder auf die Frage über mein Kreuz an der Wahlurne und ob ich wohl an besagtem 26. September beige tragen werde?

Our ability to participate in government, to elect our leaders and to improve our lives is contingent upon our ability to access the ballot. We know in our heart of hearts that voting is a sacred right – the fount from which all other rights flow.

Stacey Abrams

Am Dienstag musste ich direkt wieder in das Naturschutzgebiet fliehen und mich etwas abkühlen. Ein Sommer der nicht seltsamer werden konnte, da ich zwei ehemaligen Lovern dieselbe eindeutige Message schickte. Doch nur einer fand zu meiner versteckten Liegefläche an der Krummen Lanke. Angenehm überrascht von der vertrauten Gesellschaft meines letztjährigen Erfreuendes, lauschten wir den Gesprächen zweier junger Frauen, die über ähnliche Erlebnisse philosophierten und sich verbunden zustimmten, dass die Männer mit „dem miesesten Charakter am besten fickten“. Auch sie nahmen sich heraus, Männer wie Objekte zu behandeln und nichts anderes taten die wir innerhalb unserer Community.

Rein Platonisch war auch der Ablauf meines Dates mit Mehrbood – wenn natürlich beeinflusst von unseren gemeinsamen Erfahrungen – doch hätte ich durch seinen träumerischen Blick fast mein anderes Date am Abend vergessen. Auch sein Anflug von Eifersucht, als ich für wenige Sekunden auf mein Telefon blickend mein Date mit Mirko noch etwas verschob, ließ mich meine Theorie aus dem letzten Jahr wieder bestätigt sehen. Auf dem Heimweg fragte ich mich, why konnte es denn nicht einfach eine Freundschaft sein? Quick change – und ich war ready to go to my next date.

Mirco und waren mit einer Flasche Wein auf dem Spielplatz verabredet und philosophierten über die Kontakte, die wir in letzter Zeit hatten. Auch wie uns die Pandemie verändert hatte und welcher Druck auf uns ausgeübt wurde, während jeder von uns versuchte sein normales Leben und vor allem die eigene mentale Klarheit aufrecht zu erhalten. Da nahte auch schon das Gewitter heran. Nach einem weiteren Gin Tonic bei mir, landeten wir uns gegenseitig umarmend in meinem Bett und schliefen friedlich nebeneinander ein. Am nächsten Morgen musste ich mich erst einmal 8:15 wieder in mein allmorgendliches Meeting bemühen, während er weiterschlief. Oberflächlich war in unserer ganzen Beziehungskiste aus Sex, Party Erinnerungen und dem menschlichen Band zwischen uns, gar nichts mehr. Wir kannten uns auf so vielen Ebenen, dass er für mich zu einem Teil meiner Familie geworden ist.

Erfüllt von neuem Input, entschloss ich mich dazu ein paar Pläne zu machen und buchte Tickets für aktuelle Festspiel Retrospektive des Gropius Baus am Sonntag. Auch fragte ich mich nach dieser bisher zähen Woche, was ich Freitag Abend wohl machen könnte um mich wieder etwas mit Kunst und Kultur zu beschäftigen, also schrieb ich Horia an. Wir hatten uns bei besagter Orgie getroffen und so blieb auch ein zweites Date noch auf der Wunschliste. Die Kommunikation der nächsten zwei Tage verlief exakt wie man es von grindr erwartete. Nur auf Instagram, da er seine Nummer an dem Morgen danach zweimal falsch eingespeichert, aber der Sicherheit halber mein Instagram erfragt hatte. Wie ich bereits wusste, hatte ich es mit einem (Überlebens-)Künstler zu tun. I was intrigued…

ATTENTION, emotional explosive

Am Mittwoch Abend war ich allerdings erst einmal, wie auch in der letzten Woche, mit Oren verabredet. Doch dieser überwiegend entspannte Abend endete abrupt als wir auf den Nahostkonflikt zu sprechen kamen und ich ihn als Israeli nach seiner Einschätzung fragte. Fakt ist, gewisse Themen hatten im sexuellen Kontext eine hochexplosive Wirkung. Dabei wurde ich wieder daran erinnert, dass es Themen gab, die sich nicht so einfach durch eine Diskussion lösen ließen, vor allem wenn es sich hierbei um politisch-religiöse Konflikte handelte.

Kurzerhand machte ich eine Kehrtwende und verließ ihn, nachdem wir zumindest einen Teil der zuvor sehr emotional gewordenen Sprengkraft erörtert hatten. Selbst der anschließende Faktencheck allein zu Hause vor meinem Mac, konnte jedoch nicht viel an der Situation verändern, dass ich mich mit konservativem Nationalismus – egal welchen Landes – nicht wirklich anfreunden konnte.

Ganz wie es sich für einen Freitag gehörte, trafen Horia und ich uns erst am späten Abend und er brachte Geschenke mit. Zuvor hatten wir weiter den ganzen Vormittag hindurch und während meiner Prüfung hinweg auf Instagram getextet, während er mir im öffentlichen Raum sämtliche seiner kürzlich erworbenen synthetischen Vorlieben verriet. Don’t get me wrong, but(T) Angela merkt nix? Mein politisches Engagement reichte aus um zu wissen, das hinter der Drogenindustrie sehr viel Geld steckte. Aber auch das soll nicht als Kritik gemeint sein. Zumindest stand es da um die Diskussion von Hanf aktuell in den weniger konservativen Lager besser. Bei aller Synthese über die letzten Wochen hinweg, kam ich nicht umhin mich zu fragen, wie Frau Merkel nur vier Stunden am Tag schlief, aber angeblich keine Drogenprobleme in diesem Land sah?

Ich kam, sah und siegte.

Anders als erwartet, schien da Herz und Seele bei meiner Freitag Abend Verabredung vorhanden zu sein, auch wenn wie inzwischen gewohnt wieder einmal Drogen im Spiel waren. Ich probierte gern Neues aus und nach der dritten Runde sah ich mich befriedigt und ready for more, but(T) without drugs. Oder vielleicht auch mal andersherum. Gegen zwei ging er nach erfolgloser Suche nach synthetischem Nachschub, mit mir und dem Hund vor die Tür. Vermutlich noch nicht ganz an dem Ort angekommen, den ich mir gerade kreierte, trennten sich unsere Wege mit einem Abschiedskuss im Scheinwerferlicht eines Autos.

Bang, Bang. So langsam kam der quälende Gedanke auf, why Intimität nicht mehr mit Lust verbunden ist, sondern mit dem Konsum von Drogen? Zwar war ich befriedigt, aber die Drogen sprachen ihre eigene Sprache und so ver(un)sicherte ich mich, dass ich körperlich das bekommen hatte was ich mir wünschte: Männer wie im Porno.

Den Abend über zeigten sich also dieselben Symptome einer Krankheit die keine ist, aber deren Wurzel wir schlichtweg nicht akzeptieren wollten. Einsamkeit war eines der Dinge, die wir nur zu gern verdrängten und mit Drogen kurierten, anstatt aus ihr zu lernen oder an ihr wachsen zu wollen. Sein Ausspruch „same trauma, but different whores“ litt bei mir verschiedene Alarmglocken. Auch, dass wir wohl auf einer Orgy kaum die Liebe unseres Lebens finden werden, schien wieder mal meinen Eindruck unserer Community zu bestätigen. Lieber wurde ohne Kondom gefickt, but(t) the heart blieb bei fast allen dabei auf der Strecke. Ging es denn noch intimer als Bare Back und zugleich noch oberflächlicher?

Posted by:Alexandre Renaldy

Editor in Chief / AD