Liebe Leser*innen, seitdem ich die PreP nun regelmäßig zu mir nahm, schien nicht nur mein Geist etwas freier, sondern auch mein Körper. Allerdings ist mir durchaus bewusst, dass diese Pille zwar vor HIV, aber nicht vor anderen Geschlechtskrankheiten und Herzenskränkungen schützt… But(t) first things first.

14. – 21. Juni: The Sexual (R)evolution

Wie ich meinen Körper also über die letzten Jahrzehnte kennen gelernt hatte, vereinbarte ich einen Termin bei meiner Ärztin, um mich auf eventuelle Folgeschäden prüfen zu lassen. Der Schwule TÜV sozusagen. Zwar war ich seit dieser Zeit nicht ausschließlich als Bottom unterwegs, aber am Ende schien der ganze emotionale Müll immer wieder bei mir zu landen und ich war nach fast neun Jahren in Berlin und den zahlreichen Erfahrungen noch nicht abgestumpft genug für das Ganze. Und so verwunderte es mich nicht, dass ich Dienstag Abend gleich wieder in die Hasenheide bestellt wurde. Diesmal schreib mir Ronny, der nebenher immer wieder an eigenen DJ-Sets arbeite, dass er dort mit ein paar Freunden auf der Wiese chillte. Gegen 18 Uhr traf ich da ein, nicht ohne gleich Luca und Tillmann über den Weg zu laufen. Allen voran Luca schien das Wiedersehen sehr zu gefallen, da wir uns gegen Ende der Party vom Wochenende näher gekommen waren und ich am Vormittag von Kiki, einige aussagekräftige Bilder und Videos zu der Nacht erhalten hatte. Auch wenn wir uns nicht lange zwischen 18 und 0 Uhr unterhielten, so verriet der Abschiedskuss mehr als tausend Worte für die Umstehenden. Aber auch ein paar der anderen Jungs betrachteten Ronny und mich mit einem gewissen Maß aus Neid und Interesse, da wir beide gegen Einbruch der Dunkelheit unsere Chemie auf ihre Kompatibilität getestet hatten. Definitiv war das alles nicht ganz Covid-konform. Schließlich verließ ich das spontane Gathering gegen kurz nach 1 Uhr, um mich meiner Verpflichtung als Hundepapa zu widmen. Die Hasenheide wäre nicht das, was sie ist, wenn nicht auch hier Enhancements aller Art im Spiel gewesen wäre. Aber die Woche hatte ja erst angefangen.

Mittwoch hatte sich Roderyk nochmals gemeldet. Der erste Dick – excuse my German – der in mir steckte als ich bei Tillmann’s Party am Samstag zuvor angekommen war und bisher wohl auch der eindrucksvollste, wie sich in den Folgetagen noch herausstellen sollte. Nach so vielen Männern wie in ganz 2020 nicht, hatte sich auch meine Hormonlage wieder ein wenig beruhigt. Dachte ich zumindest. Allerdings nicht genug um mir die Show entgehen zu lassen. Gespannt auf den Typen, der mit Lior verheiratet ist – welchen ich im Jahr 2020 gegen die Auflagen meiner Beziehung und der Gesellschaft an einem heißen Sommerabend getroffen hatte – fieberte ich dem nächsten Wochenende entgegen.

„And I’m possessive, it isn’t nice
You’ve heard me saying that smoking was my only vice“

Lay All Your Love On Me, ABBA

Denn zugegebenermaßen hatte ich mir heimlich zu meinem Geburtstag einen Dreier gewünscht. Jedoch in der Rolle des Gaststars. So langsam fragte ich mich nämlich, was ich bei der riesigen Auswahl an sexhungriger Typen überhaupt wollte? Jeden Tag einen anderen? Oder etwas neues, vielleicht sogar romantisches, aber außerhalb der Norm? Definitiv irgendwie beides. Als der Nachmittag in vollem Gange war, saß ich schließlich mit Roderyk und Kyle zusammen auf meiner Decke und philosophierte über die Welt der Künste, in der wir alle gerade unseren Platz suchten. Kyle hatte ich ebenfalls auf einer der Sexpartys kennen gelernt und schließlich noch ein paar Stunden mit ihm und dem Gastgeber im Gespräch verbracht, bevor ich mich endlich zurück gezogen hatte. Ein erneutes Treffen war „mutual“.

I feel love…

Donnerstag klappte das exklusive Date mit Roderyk am See. Wieder ohne Hunde und halbwegs entspannt. Wir entschieden uns für eine relativ private Stelle an der Krummen Lanke und verbrachten den ganzen Nachmittag da. Ein Joint folgte dem nächsten, galant ignorierten wir die teilweise sehr homophoben Parkwächter und meinen Heuschnupfen, um uns in den letzten Stunden am See, körperlichen Bedürfnissen hinzugeben. Sicherlich auch deshalb blieb der Abend spannend, da die immer wieder auftauchenden Teenageralter Jungs sich zu manchem Experiment angestachelt sahen.

Ich konnte mich wiederum nach vielen Erfahrungen mit Outdoor Sex oder erlebtem Voyeurismus, in genau diesem Moment kaum entspannen oder schlichtweg nicht so fallen lassen, dass ich gekommen wäre. Obwohl ich kurz davor war. Das erste Zeichen, dass ich mein Verhalten ändern müsste? Doch die Neugier war zu groß. War es der gesellschaftliche Druck unter uns Homo-Männern immer stehen und kommen zu müssen, sobald sich uns ein geiler Schwanz anbot? Oder schlichtweg meine eigene Prüderie gemischt mit den „Ehrungen“ als Schlampe in den fast neun Jahren Berlin, die mich davon abhielten mir einfach zu nehmen was ich haben wollte? Doch ich lernte meinen eigenen Körper neu kennen.

Freitag Abend endete ich wieder in der Hasenheide. Zuvor aber hatte ich ein schönes Date mit Oren, einem Tänzer und Choreographen aus Israel. Wir waren zusammen am Maybachufer entlang spaziert und unterhielten uns bei einem Eiscafé über Chemsex. So richtig konnte ich das nicht einschätzen, aber er schien sich des Öfteren damit befasst zu haben und doch kein großer Fan davon zu sein. Ein Abschiedskuss und das Versprechen auf baldigen Intercourse, welcher Art auch immer und ich entschwand in Richtung Hasenheide. Innerhalb von nur drei Wochen war die vormals grüne Liegewiese einer riesigen braunen Feuerstelle gewichen und die Baume rund um den Liegeplatz zum größten Teil von Gespinnstfaltern eingewickelt worden. Ein Zeichen der Natur, dass wir Homo-Männer irgendwie vor uns hin sponnen. Schließlich erschien sowohl Roderyk, wie auch eine Message von Lior auf grindr und die Einladung zu den beiden auf die karierte Picknickdecke, die zuerst mit einem Foursome und schließlich einem Threesome, inklusive jeder Menge chemischer Substanzen ihren weiteren Ver- und Irrlauf nahm.

Die Jungs hatten alles parat, was das Herz einer Edelnutte – also mir – begehrte. Nach einer Phase der Übelkeit, ignorierte ich meinen Magen weiter und ließ mich auf das Dreieck ein. War es Hunger auf mehr oder die Übelkeit gegenüber des Worstcase Szenarios in meinem Kopf? Aber da war eine Idee, die ich mir ebenfalls sehr anschaulich ausmalen konnte. Als soziales Experiment sozusagen und irgendwie erschienenen mir beide Charaktere auch spannend genug um dieser fixen Idee in meinem Kopf auch genügend Platz für mehr einzuräumen. Warum auch nicht? Geht nicht mit jeder Schwangerschaft eine gewisse Morgenübelkeit einher – dachte ich jedenfalls und da platzte es auch schon aus mir heraus.

Es war schließlich auch keine Erfahrung, die mich besonders unglücklich gemacht hatte. Im Gegenteil, nach einer ausgedehnten Dusche erlebte ich eine Art der Sexualität mit den beiden, welche mir nicht unbedingt fremd war, die ich aber nur in kleinen Dosen genoß und welche eine zuvor nie dar gewesene Dimension erreichte. Auch die Verbindung beider Seiten – dem BDSM und dem Fisting – gleich mit zwei Männern erleben zu können, ließ mich auf ein intellektuelles und sexuelles Hoch kommen. Vor allem schien es noch höher als bei den ersten Malen. Doch kein Hoch, ohne den freien Fall danach. Samstag cancellte ich jedes andere bereits geplante Date, da die beiden mich samt Vierbeiner dazu einluden, Zeit bei den ihnen in Kreuzberg zu verbringen. Hundeplatz und Joint, als Vorspiel und später am Abend das nächste sexuelle Hoch. Fisting, Domination auf verschiedenen Ebenen und das Versprechen auf noch mehr. Doch Zeit ist wie immer begrenzt. Nach der letzten Line – gezogen von einer Karte mit der Aufschrift „Angela merkt nix“ – schlich sich etwas ein, dass wohl jeder dieser Parties innewohnt. Mit dem Satz: „Hey, it’s a social experiment“ entschuldigte ich mich, schnappte mir David und verließ das Schlachtfeld.
Es endetet in einer Mischung aus dirty und classy, gefolgt von Paranoia.

„I heard you say once
That a lie is sweet in the beginning
And bitter in the end
And truth is bitter in the beginning
And sweet in the end“

DJ Kotze, XTC

Sonntag Nachmittag dann die nächste Message Roderyk’s mit der Frage, ob ich nicht nochmal vorbei kommen möchte? Ich wusste nicht recht, aber schließlich hatte ich mein Fahrrad ja noch bei den beiden. My Berlin Parents – Micky und Philipp – nickten nur zustimmend, während wir neben der „Waschmaschine“ gemütlich unser Essen im Biergarten genoßen und über die vergangene Woche resümierten. Das Treffen am Abend versprach etwas, das sich nicht wirklich bewahrheiten sollte. Noch hatte ich zwar an diesem Sonntagabend das Gefühl, dass beide etwas in mir sahen, was eventuell zu dieser romantisch-freundschaftlich—sexuellen Idee einer Ménage-à-Trois führen könnte. Aber auch hier erst einmal Fehlanzeige, wie die kommende Woche zeigen sollte…

Posted by:Alexandre Renaldy

Editor in Chief / AD

One thought on “ Summer of Love, PART II: Sex @ The Lake, Sex Sells & Sexual Liberty ”

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