Liebe Leser*innen,

es ist endlich Sommer und mit der Kraft der puren Lust am Leben, hielten die letzten drei Wochen so einige Überraschungen für mich bereit: von zahllosen Einladungen über ein überquellendes Grindr Postfach bis hin zu einer spannenden Dreierbeziehung und einer vielfach übertragbaren Krankheit. Es ist offiziell, das muss der Summer of Love sein. Ein Essay über verruchten Chemsex, dramatische Dreiecksbeziehungen und die Kunst sich selbst nicht zu verlieren in einer Stadt, in der die vormals isolierten – und jetzt geimpften – Single Gays von Samenstau, Langeweile oder Beziehungsfrust gequält sind. But(t) first things first.

06. – 13. Juni 21

Vor exakt vier Wochen startet nicht nur der Pride Month, sondern auch die immer weiter ansteigende Gradzahl auf dem Thermostat und damit das Gefühl der Geilheit aller Männer auf und unter meinem Radar. Auch ich hatte so meine Schwierigkeiten mich überhaupt auf etwas simples Thema konzentrieren zu können, was nichts mit Flirts, Küssen oder Sexdates zu tun hatte. Kaum hatte ich meine morgendlichen Meetings beendet und den Hund einmal durch die pralle Hitze gejagt, musste ich mich auch schon für das nächste Date bereit machen. Hieß für mich nicht nur heiß duschen, sondern auch alle andere Öffnung gründlich auszuspülen. Vorsorglich natürlich, um mich anschließend in Schale zu werfen. Nebst der entsprechenden Party Musik, schien der ganze Monat unter dem Motto: „scheiß auf die Corona Maßnahmen“ zu stehen. Allein in der ersten Woche hatte ich so viele Dates, dass ich anfing Tagebuch über die einzelnen Männer zu führen die ich währenddessen getroffen hatte, um das ganze Drama für die kommenden Wintermonate festzuhalten. Vor allem nahm ich die PreP nun regelmäßig.

Der Beginn der ethischen oder doch epischen Geilheit?

Erster, auf der schier endlosen voranschreitenden Liste ist Moritz: Fast wie ein schlechter Witz nach all der Kritik an der CDU über die letzten Monate, lief ich ausgerechnet einem Kassenprüfer der CDU über den Weg, der mich nach einem langen Ausflug an den Grunewald See auf Grindr angeschrieben hatte und mit dem ich eine heiße Nacht auf dem Balkon verbrachte. Nach fast sechs Stunden Sex und tiefgründigen Gesprächen dazwischen, folgte erst einmal eine Woche Funkstille und schließlich zwei Wochen später wieder derselbe Trott über Grindr: „rumsamen jetzt?“ So konservativ ist die CDU also gar nicht. Wählen werde ich den Haufen aber garantiert nicht. #gehtwählen

Tags darauf kam am Abend ein Architekt vorbei, der mich ebenfalls am Vortag angeschrieben hatte. Der Sex war ganz gut, aber sein Verhalten meinem Hund gegenüber gab mir zu denken. Auch die Tatsache, dass ich keine Lust auf die Sorte Mann habe, die immer noch an so etwas wie eine alte Weltordnung glaubt, die ausschließlich von Männern bestimmt ist. Allerdings muss ich zugeben, dass Hermann sich wenigstens direkt einen Tag später gemeldet hatte. Auch wenn ich seine Nachricht mit nur wenigen Worten beantwortet hatte und dieser Chat sich auch nicht weiter entwickelte.

Nach einem Tag Pause, landete ich am Mittwoch allerdings schon wieder auf einer kleinen Party auf dem Tempelhofer Feld, mit den Mitschülern aus meinem Parallel Kurs. Nach etwa sieben Stunden an intellektuellen Gesprächen schließlich, meldete sich mein Magen und in einem Strahl kam schließlich alles – was ich zuvor in flüßiger Form zu mir genommen hatte – wieder aus mir heraus. Daniel, mit dem ich zuvor rumgemacht hatte, schien das allerdings nichts auszumachen. Er brachte mich fürsorglich nach Hause und sorgte für meinen Hydrationshaushalt. Am nächsten Morgen verschwand er zu Meeting Beginn. Seither zwar keine Funkstille, aber verliebt haben wir uns wohl nicht ineinander. Seitdem trinke ich zumindest wieder aureichend Wasser zwischen jedem Drink, 29 ist eben doch schon alt.

Spritztour interuptus

Am Donnerstag folgte dann das vorläufige Highlight. Zuerst hatte ich mein Fahrrad aus Neukölln abgeholt und war in Windeseile nach Hause gedüst um mein nächstes Date zu treffen: Helge, ein Baumpfleger und Gärtner, lud mich auf seinem „Moped“ ein nach Potsdam zu fahren. Als er vor meiner Tür stand hatte ich noch Shorts und T-Shirt an. Jedoch bei seinem Anblick und dem seiner Maschine entschied ich mich, dass ich wohl nochmals die Garderobe wechseln werde. In Jeans und Lederjacke saß ich also eng an ihn gedrückt auf seinem orangefarbenen Motorrad und wurde über die Autobahn nach Potsdam gebracht. Zuerst eine kleine Tour durch die Altstadt, gefolgt von einem Snack auf einem Hausboot, fuhren wir dann ein paar Meter weiter an ein Uferstück um nackt ins Wasser zu hüpfen.

Nach dem kleinen Ausflug hatten wir noch einen kleinen Bissen beim Mexikaner in Steglitz und schliefen schließlich gemeinsam auf meiner Couch ein. Ein Kuss zum Abschluss? Fehlanzeige. Wie prüde. Eine Woche später lud er mich auf’s Land ein. Ich wiederum hatte mit mich mit meiner Mathephobie auseinander zu setzen und bereits andere Optionen.

Am nächsten Tag musste ich schließlich deutlich kürzer treten. Zuerst hatte ich die Klausur verschlafen, was aber nicht weiter tragisch war, da ich die ganze Woche kaum den Stoff in meinem Gedächtnis behalten konnte. Well, it only happens once. Immer noch völlig im Bann der Geschehnisse, fuhr ich also wieder in die Hasenheide um mich etwas zu sonnen. Dort angekommen kam ich mit Gina, einer Dame um die 60 ins Gespräch. Sie hatte in der Vergangenheit als Porzellan und Glasmalerin bei KPM gearbeitet und wir unterhielten uns über die Männer und deren Balzverhalten. „Wenn man nicht wenigstens kuschelt und sich unterhält, ist es doch wie mit den Patienten beim Arzt. Ist man mit einem fertig, kommt direkt der nächste. Das ist doch schade, oder?“ sagte sie mir unverblümt und brannte sich damit tief in mein Gedächtnis.

„Meine Großmutter sagte immer: Wer am Hurenbaum schüttelt, sollte nicht erwarten, dass ein Engel herunter fällt.“

Anonym

Auch die nächsten Tage, sollte ich ihr immer wieder begegnen und meine Theorie der sexuellen Freiheit in Frage stellen. Warum? Weil ich nicht zu den homosexuellen Männern gehöre, die sich ständig auf der Suche nach neuem Frischfleisch auf die Jagt begeben. Normalerweise. Aber was ist schon normal, nach anderthalb Jahren der Isolation? Wenige Sätze später und ein paar Sonnenminuten allein auf meiner Decke entdeckte ich schließlich Stephan, mit dem ich vor ein paar Sommern nach einer langen Clubnacht schließlich am Plötzensee landete und in der Morgensonne Sex im See hatte, gefolgt von einem Besuch bei meiner heutigen Hausärztin. It’s a pattern.

Temperatursturz und Hormonhoch, gefolgt von Sexparty…

Am nächsten Tag hatte sich das Wetter schließlich dazu entschieden, den männlichen Hormonen eine Pause zu gönnen. Allerdings schien das nicht allzu viel zu helfen, denn nach einem Brunch mit meinen Freunden und Auftraggebern für ein neues Projekt, erhielt ich direkt wieder unzählige Messages und Einladungen. Unter anderem auch für eine private Party, an der mindestens zehn Leute teilnahmen. Frisch geduscht und vorbereitet wollte ich mir zumindest mal anschauen, was ich in den letzten fünf bis sechs Jahren verpasst hatte. Scheinbar jede Menge, denn dort angekommen, wurde ich direkt von dem Großteil der Jungs belagert und begeistert in die eine oder die andere Ecke gezogen. Nicht sonderlich neu aber dennoch angenehm neuartig, war sicher auch die Menge an chemischer Drogen die mir an diesem Nachmittag präsentiert wurden. Genauso wie die Männer, die fleißig ihre Nummern in mein Telefon eintippten oder mein Instagram Profil einsammelten, nachdem wir miteinander geschlafen hatten. Dort lernte ich auch Roderyk kennen, doch mehr dazu später.

Gegen elf flitze ich auf Methadrine, Speed und ein paar anderen stehkräftigen Pillen nach Hause, um den Vierbeiner raus zu lassen. Doch der Abend war noch lange nicht zu Ende. Kaum zu Hause angekommen, folgten die nächsten Messages und ein eher unspektakuläres Date, welches ich auf dem Fuße direkt wieder vor die Tür gesetzt hatte. Nur um dann zwei Stunden später wieder auf dem Fahrrad sitzend, zu einem anderen Typen zu radeln. Andrey hatte mich zu sich eingeladen und erwies sich als wahre Koryphäe, wenn es darum geht die nächste Gruppe ausfindig zu machen. Da ich immer noch „high and horny“ war und wir beide uns wohl auch zu wenig um als Party durchzugehen, stiegen wir ohne Masken in ein Uber und führen nach Neukölln zu Jad, bei dem sich schon sieben Jungs tummelten – bereit für das nächste “Loch”.

Nach weiteren dreizehn Stunden und ingesamt siebzehn Typen an diesem Abend, unzähligen neuen Follower und Handynummern hatte ich endlich den Druck abgebaut und fuhr nach Hause. Der Cocktail aus chemischen Drogen, dem Sex ohne Liebe und den vielen neuen Handynummern hatte sein übriges getan. Ich fuhr schließlich mit meiner übergroßen Céline Sonnenbrille vor den Augen nach Hause und schlief – nach einem ausgedehnten Hundespaziergang am Kanal – gegen 20 Uhr ein. Weder stolz noch bereuend, fragte ich mich aber, um die Faszination dieser Parties? Denn während ich Montag früh mit meinem Magen zu kämpfen hatte, erhielt ich noch Tage später Messages, Bilder und Einladungen zu allem, was mit dieser Nacht in Relation stand. Doch dies war erst der Anfang…

Posted by:Alexandre Renaldy

Editor in Chief / AD