Wer glaubt die letzten Wochen hätten mich so ausgefüllt, wie die Männer mit ihrer vermeintlichen XXL prahlen, irrt sich gewaltig. Vor allem in den intimen Momenten mangelte es zumeist am nötigen Funken. Ich sah das Ganze schließlich nur als ein Modellprojekt innerhalb meiner Community. Doch ich brauchte Raum und von nun an nahm ich mir Zeit für mich und kümmerte mich um meine tief verwurzelten Bedürfnisse: Ich sah die Retrospektive der Berliner Festspiele, wandelte auf den historischen Pfaden der Stadt und am späten Abend durchdrang es mich mit voller Wucht.

Die neue altbekannte Fremdheit in mir

Ich war selbst eine dieser mir noch fremden non-binaren Personen, die sich mit 29 Jahren nochmals neu kennen lernte. Auch wenn ich mich, wie es Colette über sich selbst schon schrieb „der Teilung meines Körpers durch Normen oder der Gesellschaft zutiefst widerstrebte“, so entsann ich mich wieder der Liebe zu meinem eigenen Körper, dessen Geist und eben auch meinen anderen Facetten, die nach Liebe und Intimität strebten und eine befreite Sexualität einforderten. Eins hatte ich seit Kindertagen bereits gespürt, ich war weder ausschließlich männlich noch so richtig weiblich. Dabei verstand ich es immer sehr gut mit diesen Codes zu spielen und das verwirrte wohl so einige Menschen in meinem Umfeld. Neuerdings sogar noch mehr als früher.

Ich lief und erkannte,…

Seit dem Ende des zweiten Lockdown traf man mich oft in der hedonistischen Gay Culture an. Jedoch langweilte sie mich, da ihr an Tiefe fehlte und zumal derart mit Abhängigkeiten verbunden war, dass es mir graute. Wie so oft war mir schnell klar geworden, dass die Männer die ich in den letzten Wochen kennen gelernt hatte, große Probleme mit sich selbst austrugen. Die praktizierte Form der sterilen Sexualität gepaart mit dem Einfluss der gängigen Drogen, aber ohne intimacy, drängte mir den Gedanken auf, dass wir wohl das „sich verlieben“ nach der dritten Welle und mit den temporären Freiheiten begraben hatten.

Wo war das Gefühl bei der Sache geblieben?

Von Liebe oder gar Empathie keine Spur. Klar der Großteil meiner Community ließ sich generell nichts von der deutschen Regierung sagen, aber somehow ängstlich waren trotzdem alle über die letzten anderthalb Jahre hinweg geworden. Das Verhalten um mich herum könnte konträrer nicht sein zu dem, was ich über die Jahre hinweg von den Menschen dieser Stadt gesehen hatte. Die Pandemie hatte uns verändert und in diesem Sinne, erschien auch schon die nächste Warnung für den Oktober durch die TU Berlin.

Ich vermisste das Herz bei der Sache

Das schlimmste jedoch war, dass ich selbst zunehmend kaltherziger geworden war. In kürzester Zeit hatte ich jegliche Illusion, die ich mir über die letzten Jahre hinweg bewahrt hatte aufgegeben. Selbst als mir Moritz am Dienstag Abend über grindr beichtete, dass er gerade einen 17-Jährigen „gefickt” hatte – nachdem ich zuvor mit seinen dick picks bombardiert wurde, blieben in meinem Kopf nur die Worte „nicht mein Problem“ als spontane Antwort. Allerdings schrieb ich der Höflichkeit halber, dass ich mich nicht an Kindern vergriff und lieber mit Erwachsenen Umgang suchte.

“C’est n’est pas mon probleme
Je ne suis pas ton chien”

Baxter, Dury

Ich für meinen Teil hatte schon oft genug Probleme damit jemanden zu Daten, der unter 25 war oder noch aussah wie ein Teenager. Die App war also nichts anderes ein Flohmarkt der Eitelkeiten und gelinde gesagt eine einzige Mogelpackung, den auch das Profil Alpha Fuck bestand aus nichts anderem als ansehnlichen und vermutlich geklauten Bildern. Besonders als es um harte Fakten ging. Um diese Uhrzeit begegnete einem auch nur noch Profile die aus mindestens der Hälfte der Gemüse und Wetter Emojis bestanden. Oder gleich solche, die ausschließlich aus 22(!) der doof grinsenden Pigs bestanden, sowie der besonders einprägsame Anmachen anderer cany characters im Chat: Hey, Hot, Sexy, Sex, $$$?

die Wahrheit liegt auf dem Grunde eines Kristallglases…

Liebe war bereits vor der Pandemie Mangelware und wurde auch selten als solche gelebt. Denn kaum war Roderyk aus dem Haus, schrieb mir Lior, dass er mich sehen wollte. Obwohl ich mir alle Mühe gemacht hatte, mich aus dieser Nummer rauszuhalten schien ich einen bleibenden Eindruck hinterlassen zu haben. Wozu führten die beiden überhaupt eine Beziehung, wenn sie einander nicht das gaben was sie wollten oder brauchten? Vielleicht gar direkt verboten, da die Kompatibilität wohl zu Begin nicht gegeben war. Dabei war ich alles andere als radikal oder gar eingefahren in meiner Meinung. Ich ließ immer gedanklichen Spielraum für Neues.

Aber diesbezüglich stand meine Entscheidung kristallklar fest. Ich hatte keinen Bedarf für diese Sorte Beziehung. Was meine Ex-Lover betraf, gab es nur eine klare Linie: if you’re the one messing it up, than there’s no way back. Dreimal hatte ich mich von Mehrbood getrennt im letzten Jahr und dann wieder zurück genommen, sobald er mir weinend auf der anderen Seite des Schreibtisches gegenüber saß. Als wir Sonntag Abend telefoniert hatten, rumorte es bereits in meiner Magengegend und das auf eine höchst unangenehme Weise, als das Thema „Sex mit dem Ex“ seinerseits zur Sprache kam.

Das Spiel aus Lust und Frust

Wieder einmal fand ich mich in meinem gedanklichen Turmzimmer, als ich hinter der Bar meiner Freunde stand und Gläser polierte. In Gedanken stand jedes saubere und neugefüllte Glas für einen Toast auf mich und meine Willenskraft dieser oberflächlichen Lebensweise, welche sich mir darbot, standzuhalten. In den letzten Wochen hatte ich die Männer um mich herum nur so angezogen wie Scheiße die Fliegen. Zwar fühlte ich mich nicht so, aber ich wusste die Männer die ich da an mich heran gelassen hatte, waren genau das: Schmeißfliegen mit kurzer emotionaler Überlebensdauer.

Gerade jetzt wo die Moral endgültig gefallen war, sollte doch eigentlich Tiefe hinzukommen? Dachte ich, aber auch hier keine Spur. Mehrbood schien seinen alten Glanz der Spontanität nach durchzechten Drogen Nächten noch spontan zu mir zu fahren, durch die Erfahrungen und Erwartungen mit seinem aktuellen Gast Pawel gänzlich abgelegt zu haben. Dafür reichte seine toxische männliche Lust nicht aus, was meine Theorie bestätigte, dass auch die MSM Community ein Problem mit ihrer anderen, eher femininen Seite austrugen. Lust und Unlust waren ganz normal–auch für einen Gay Man.

Friedrich & Tucholsky’s: „giving head“

Keine Lust mein Essen selbst zu bezahlen hatte ich Mittwoch Abend, nachdem ich ursprünglich von Dirk dazu eingeladen worden war. Obwohl ich nicht an binäre Konzepte glaube, so war Galanterie in der MSM Szene völlig aus der Mode gekommen. Wenn eine Einladung nicht einmal mehr ein Dinner beinhaltete, dann waren die Werbenden um mich herum klar nur noch auf sich und die eigenen Befriedigung fokussiert.

Doch wenigstens ein Gespräch nach meinem über grindr organisierten, spontanen Outdoor Blowjob war drin, als wir einen Teil des Heimweges gemeinsam antraten. Nachdem wir zwischen Friedrich- und Tucholskystraße in der Öffentlichkeit gegenseitig fast alle unserer Körperflüssigkeiten ausgetauscht hatten, fand zumindest auch ein Austausch auf intellektueller, politischer und gesellschaftskritischer Ebene statt. Schon rief Mr. M wieder an, der immer noch seinen Pawel auf seiner Couch liegen hatte.

Sex Objective

Pawel war übrigens der Grund, warum ich mich letztes Jahr insgesamt dreimal von ihm getrennt hatte. Eifersucht? Zuerst ja und schon bald nicht mehr, denn ab einem gewissen Punkt fehlte mir die Zeit als bloßes Sexspielzeug herzuhalten, wenn seine eigentliche große Liebe gerade mal wieder nicht erreichbar war oder ihn wie so oft am ausgestreckten Arm verhungern ließ. Ich sagte das spontan von ihm initiierte Date in meinem eigenen vier Wänden am nächsten Tag ab und noch im selben Atemzug versagte der Akku meines iPhones.

Verkauften sich schwule Männer selbst als Objekte um den eigenen Marktwert zu testen? Und falls ja, gab es eine andere Alternative, als nach dem tausendsten Date immer noch Single zu sein und mit fast 50 auf einen Erlöser zu warten? Am Folgetag erschien er hier, doch auf meine brennende Frage, was er denn nun von mir wollte, folgte wie immer keine konkrete Antwort. Ficken wollte er, aber sicher nicht an meinem Leben oder meinen Gedanken teilhaben. Das war ihm letztes Jahr bereits zu viel gewesen, weshalb ich meine Erwartungen zurückgeschraubt hatte und die ganze Nummer als „just sex“ zu deklarieren wusste. Doch auch hier bahnte sich eine höchst dramatische Katastrophe an.