Neue Ausstellungen im C/O Berlin

Neue Ausstellungen im C/O Berlin

Ab dem 16. September zeigt das C/O Berlin die Portraits von Mary Ellen Mark und nimmt in Image Ecology die Hintergründe der Fotografie unter die Lupe.

Das C/O Berlin präsentiert vom 16. September 2023 bis 18. Jan 2024 die Retrospektive der US-amerikanische Reportagefotografin und Porträtistin Mary Ellen Mark unter dem Titel Encounters, sowie die thematische Gruppenausstellung Image Ecology, welche sich mit den Hintergründen der Fotografie und ihrer Motive befasst. Der Eintritt für die Eröffnung am Freitag, den 15. September 2023, um 20:00 ist zudem frei. 

Photography by Mary Ellen Mark

Eine ältere Frau mit riesigen, runden Brillengläsern, die weißen Haare fein toupiert, klammert sich an ihr Glas am Bartresen, während sie ihre Begleitung leidenschaftlich an ihre Lippen drückt. Die Zigarette liegt schon ausgedrückt im Aschenbecher, doch ‚der Abend ist noch jung‘, denkt sich das Pärchen vielleicht. Eine Schwarzweißfotografie voller Lebenslust. Ein Moment der Begegnung. Und eines der vielen spontanen Aufnahmen von Mary Ellen Mark (1940–2015). 

Seit den 1960er Jahren war die US-amerikanische Reportagefotografin und Porträtistin immer auch eine Fürsprecherin für Menschen am Rande der Gesellschaft. In freien Projekten und Auftragsarbeiten hat sie mit großer Aufmerksamkeit und Empathie das Leben von marginalisierten Gruppen fotografiert. Ob Straßenkinder in Seattle, Psychatrie-Patient:innen in Oregon oder Sexarbeiter:innen in Mumbai – als eine von humanistischen Idealen geleitete Dokumentarfotografin ging Mark den Hilfsbedürftigen oder Stigmatisierten nicht aus dem Weg, sondern entwickelte eine eigene Bildsprache, um die besonderen Lebensumstände würdevoll und urteilsfrei zu zeigen.

sozialkritische Fotografie

Ihr Werk steht daher heute in einer Linie mit historischen Größen der sozialkritischen Fotografie wie W. Eugene Smith, Dorothea Lange, Margaret Bourke-White oder Walker Evans. Selbst sozialisiert in einer Hochphase der US-amerikanischen Frauenrechtsbewegung, ist es kein Wunder, dass sie ihren Blick oft auf Frauen und Mädchen richtete.

Oftmals tauchte sie für ihre Arbeiten über Wochen in die soziale Realität ihrer Protagonist:innen ein, um ihre visuellen Charakterstudien und Narrative weltweit zu fotografieren, ohne dabei die Schlüsselmomente für Einzelbilder aus den Augen zu verlieren. Auch nach der Veröffentlichung ihrer Bilder blieb sie mit den Porträtierten in Kontakt. In manchen Fällen fotografierte sie diese sogar jahrelang, was eine tiefe, persönliche Verbundenheit offenbart. 

Mary Ellen Mark . Encounters präsentiert fünf ikonische Projekte, an denen die Fotografin in den 1970er und 1980er Jahren arbeitete und deren abschließende Buchpublikationen maßgeblich zu ihrer Bekanntheit beitrugen: Ward 81, in der sie Frauen in einer psychiatrischen Station in Oregon über Wochen dokumentierte; Falkland Road, eine Reportage über Sexarbeiter:innen in Mumbai; Mother Teresa’s Missions of Charity, eine visuelle Erforschung sowohl ihrer Persönlichkeit als auch ihrer Mission; eine Serie über reisende Zirkusfamilien in Indian Circus oder Marks preisgekröntes Projekt Streetwise und das darauf folgende Tiny: Streetwise Revisited – beides Arbeiten, die ihr anhaltendes Bestreben veranschaulichen, die Geschichte von Erin Charles, auch bekannt als Tiny, zu erzählen.

About Mark

Mark begann mit dem Projekt als Tiny auf der Straße lebte und fotografierte sie (und schließlich ihre zehn Kinder) über die nächsten dreißig Jahre hinweg. Als eine der wichtigsten Stimmen im Bildjournalismus wurden Marks Serien in zahlreichen international angesehenen Magazinen und Zeitungen wie Time, GEO, Stern, Life oder New York Times Magazineveröffentlicht und vielfach ausgezeichnet. Zugleich gehörte Mary Ellen Mark einer Generation von Fotograf:innen an, die stark von den Umbrüchen im Fotojournalismus und der Magazinfotografie in den 1980er Jahren betroffen war.

Es kam ihrer Karriere zugute, dass sie neben klassischen Reportagearbeiten auch Workshops unterrichtete und Schauspieler:innen porträtierte. Die schillernde Welt des Films fotografierte sie dabei mit derselben Sensibilität und Offenheit. Neben Porträts von Schauspieler:innen und bekannten Persönlichkeiten werden in der Retrospektive auch die Serien Twins (2001/2002) und Prom(2006–2009) gezeigt, um das Spektrum ihres fotografischen Schaffens als Reportagefotografin und Porträtistin aufzuzeigen, deren einzigartigen Bilder von den Magazinseiten zuerst ins Fotobuch und dann an die Ausstellungswand gewandert sind. 

Retrospektive

Mary Ellen Mark . Encounters ist die weltweit erste umfassende Retrospektive über das Werk der berühmten Fotografin. Die Ausstellung, kuratiert von Melissa Harris und Sophia Greiff (C/O Berlin Foundation), wurde in enger Zusammenarbeit mit dem im New Yorker Familienbesitz befindlichen Archiv der Fotografin, der Mary Ellen Mark Foundation, konzipiert. Sie präsentiert bekannte und unbekannte Prints zusammen mit raren Archivmaterialien wie Kontaktbögen, Briefen und Notizbüchern. Es erscheint ein begleitender Katalog im Steidl Verlag.


Mary Ellen Mark – Encounters

Ausstellung 16. Sep 2023 – 18. Jan 2024

In Zusammenarbeit mit The Mary Ellen Mark Foundation
Ermöglicht durch Art Mentor Foundation Lucerne
Im Rahmen der Berlin Art Week 2023

GruppenAusstellung: Image Ecology

 Seeds Shall Set Us Free II, 2017-2019 © Munem Wasif, Courtesy of Project 88, Mumbai

Ein intensives, flächendeckendes Blau, getrennt von Reiskörnern, die sich diagonal durch das Bild schlängeln. Erst auf den zweiten Blick offenbart das Bild seine Symbolik, die so tief ist wie das Indigoblau der Cyanotopie. Zum einen ist die Verwendung dieser fotografischen Technik eine Referenz auf die Anfänge der Fotografie im 19. Jahrhundert, zum anderen verweist das Motiv des Korns als Sinnbild für Natur und Nahrung auf die Hungersnot in Bengalen (heute Bangladesch) im Jahr 1943 – verursacht durch die Getreidehortung britischer Kolonialtruppen sowie den massenhaften Anbau der begehrten Indigopflanze für den Export.

Welche Folgen systematische und profitorientierte Eingriffe des Menschen in bestehende Ökosysteme haben, gehört zu einer der vielen drängenden Fragen, die uns heute beschäftigen. Überflutete Täler und Küsten, verwüstete Landschaften, ausgetrocknete Felder, schmelzende Gletscher, zerstörte Häuser – Bilder von den Auswirkungen der Klimakrise erreichen uns täglich und dennoch bleibt sie auf seltsame Weise unfassbar und vermeintlich von menschlichem Handeln entkoppelt.

Teil des ökologischen Problems

Angesichts des wachsenden Bewusstseins, dass die Erfindung der Fotografie mit der Industrialisierung, dem fossilen Kapitalismus und somit auch mit dem Beginn des Klimawandels zusammenfiel, suchen immer mehr Fotograf:innen nach neuen, kritischen Wegen im Umgang mit den klimaschädlichen Folgen eines globalen, technischen undkapitalistischen Systems. Dabei steht jedoch nicht die Dokumentation der Klimazerstörung im Fokus, sondern vielmehr ihre Ursachen und komplexen Zusammenhänge. Dabei sind die Bedingungen der Bildproduktion selbst Gegenstand einer kritischen Betrachtung. Durch ihr Netzwerk von Verbrauch, Arbeit, Energie, Material und Transport ist die Fotografie, analog und digital, selbst Teil des ökologischen Problems.

Die Gruppenausstellung Image Ecology präsentiert einen globalen Querschnitt zwölf neuartiger künstlerischer Ansätze in Form von Fotografien, Videoarbeiten und Installationen. Die Künstler:innen arbeiten dabei mit experimentellen und handwerklichen Produktionsmethoden, greifen auf historische Verfahren zurück oder erfinden neue Technologien. In vier Kapitel gegliedert, die sich thematisch überschneiden, stellt die Ausstellung die Stadien des Stoffwechselkreislaufs dar: Energie, Material, Arbeit und Abfall, um dann wieder zum Anfang, der Energie, zurückzukehren. 

Cyanotopien

So lassen sich neben Cyanotopien (Material) beispielsweise Naturdrucke finden, die sich auf Basis pflanzlicher Emulsion im Laufe der Zeit und unter direktem Lichteinfluss ohne Rückstände zersetzen (Energie), eine Videoarbeit über Lieferketten des globalen kapitalistischen Konsums und die anhaltende koloniale Ausbeutung von Ressourcen und Arbeitskräften in D.R. Kongo (Arbeit) oder Fotografien, dessen Negative in einem durch menschliche Bergbautätigkeit rot gefärbten und sauer gewordenen Fluss entwickelt wurden (Abfall).

Entgegen der Annahme eines vermeintlichen Dualismus von Natur und Kultur verdeutlicht die Ausstellung Image Ecology die Verbundenheit und Abhängigkeit allen menschlichen und nicht-menschlichen Lebens auf globaler Ebene. Wie kann eine Welt unter ökologischen, ökonomischen und sozialen Gesichtspunkten gerechter gestaltet werden? Die Ausstellung bietet Perspektiven für menschliches Handeln und transnationale Solidarität und eröffnet Möglichkeiten einer zukunftsweisenden, ökologischen Bildpraxis.

Die Ausstellung Image Ecology wurde von Boaz Levin (Gastkurator) und Dr. Kathrin Schönegg kuratiert. Zur Ausstellung erscheint eine gleichnamige Publikation bei Spector Books. 

Teilnehmende Künstler:innen

Mit Werken von Tuur Van Balen, Revital Cohen, Julian Charrière, Carolina Caycedo, Tristan Duke, Richard Frater, Léa Habourdin, Coline Jourdan, Susanne Kriemann, Ignacio Acosta, Louise Purbrick, Xavier Ribas, Su Yu Hsin, Munem Wasif und Tobias Zielony.

Die Ausstellung Image Ecology bildet den thematischen Auftakt für die kontinuierliche Auseinandersetzung mit den Themen Natur und Ökologie in der zeitgenössischen künstlerischen Fotografie innerhalb des Ausstellungsprogramms von C/O Berlin. 

Ab 2024 verleiht C/O Berlin gemeinsam mit der Crespo Foundation jährlich den After Nature. Ulrike Crespo Photography Prize. Der Preis zeichnet zwei Einzelpersonen oder Gruppen mit fortgeschrittener Ausstellungs- und Publikationspraxis aus, die in ihrer Arbeit neue Konzepte der Natur unter den Bedingungen des Anthropozäns erproben.


Image Ecology

Ausstellung  16. Sep 2023 – 18. Jan 2024

Ermöglicht durch Crespo Foundation Im Rahmen der Berlin Art Week 2023.

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