Künstlerhaus Bethanien: Neues im Herbst

Das Künstlerhaus Bethanien zeigt im Herbst wieder neue spannenden Künstler:innen aus der ganzen Welt und verbindet so abstrakte Themen mit aktuellem Zeitgeist.

ÉMILIE PICARD – What’s left over?

Emilie Picards filigrane Gemälde zeigen pastellfarbene Trümmer in Form von Artefakten, leeren Luftballons, alten Rohren und Kabeln, aber auch unechten Pflanzen und Sonnenschirmen. Als Ensemble wirken die einzelnen Objekte, als seien sie irgendwo vergessen oder zwischengelagert worden und wollten nun, befreit von ihrer eigentlichen Funktion, eine Geschichte erzählen – fast wie auf einer Bühne.

Die Künstlerin nimmt deutliche Anleihen bei der klassischen Stillleben Malerei der Kunstgeschichte, insbesondere bei deren Vanitas-Motiven, nimmt diese aber mit Humor und bringt völlig heterogene Elemente auf einer Leinwand zusammen.

Im Dialog mit ihrer Malerei präsentiert Emilie Picard eine Reihe von Bildern, in denen sie sich dem Zufälligen und Abstrakten hinzugeben scheint. In Wirklichkeit sammelt sie mit der Strenge einer Archäologin die Überreste ihrer Bilder ähnlich einem Puzzle, das wieder zusammengesetzt werden muss.

Picards Bilduniversum ist stets von weißen, bröckelnden Rissen durchzogen, die den Blick beeinträchtigen und den Eindruck erwecken, dass das Gemälde selbst im Begriff ist, in sich zusammenzufallen. Dieser Zerfallseffekt wird auch durch einige Verweise auf antike Wandgemälde illustriert, die die Zeit teilweise zerschlagen hat. Ihr Werk regt die Phantasie der Betrachtenden an und lädt sie ein, den Prozess des Verschwindens von Bildern zu hinterfragen. Was bleibt übrig?

HSU TING – Liminal Space

Der Liminalraum beschreibt einen räumlichen Schwellenzustand zwischen der Vergangenheit und der Zukunft. Er funktioniert wie eine Art ästhetisches Gedächtnis, das an bestimmte Orte des Überganges gebunden ist. Angewendet wird der Begriff auf Räume, die außerhalb ihrer alltäglichen Anwendung betrachtet werden.

Ohne sie wirken die weiten Räume leer und sonderbar fremdartig. Sie kommen uns bekannt vor, und doch vermitteln sie durch die Abwesenheit von Leben das Gefühl eines Traums. Was liegt hier im Verborgenen? Ist dieser Ort überhaupt in unserer Welt verankert, oder befindet er sich in einer anderen Dimension? Es sieht aus wie hier, wirkt aber nicht wie hier.

Die Bildsprache von Hsu Ting basiert auf diesen Schwellensituationen. Sie betrachtet ihre fotografischen Arbeiten eher als einen Prozess denn als ein finales Produkt und versucht, das fotografische Bild über den endlichen Moment, in dem es aufgenommen wurde, hinaus zu erweitern.

Ihre Bilder sind oft abstrahiert, bis Entfernung, Zeit und Ort verschwimmen und sich im Raum der Gegenwart entfalten. Von der Aufnahme bis zur Präsentation untersucht ihre klare und gezielte Manipulation die fotografischen Konzepte von Licht und Schatten sowie die Art und Weise, wie der Bildrahmen und strukturelle Elemente die Verbindung zwischen Bild, Raum und Betrachter hervorheben können.

KNUT IVAR AASER – Very Special Ordinary Person

In seinem Werk erforscht Knut Ivar Aaser eine Vielzahl von Drucktechniken und kombiniert sie experimentell. Seine aktuelle Werkserie konzentriert sich auf musterhafte Bildwelten, die den Monotypie-Druck mit Bildtransfers von Zeitschriftenausschnitten mischen.

In früheren Arbeiten hat er sich intensiv mit Textilien als Medium auseinandergesetzt. Diese Faszination spiegelt sich auch in einigen seiner gedruckten Arbeiten wider, denn die von ihm geschaffenen Bilder erinnern an Stoffmuster, wie sie beispielsweise auf Geschirrtüchern zu finden sind.

Dieser häusliche Aspekt zeigt sich auch in der Auswahl seiner Bildausschnitte, die er hauptsächlich aus Inneneinrichtungszeitschriften entnimmt. Aaser findet ein besonderes Interesse an der Inszenierung dieser Fotografien, in denen Wohnräume in ihrer sorgfältig kuratierten Ausstattung zum identitätsstiftenden Wandteppich werden. Eingebettet in Aasers Arbeit nehmen diese Bilder auch einen Bild-im-Bild-Effekt an, bei dem verschiedene Temporalitäten und Bildwelten nebeneinander bestehen.

DOY (DO GYEONG KIM) – [Eingang]

Die surrealen Universen, die die koreanische Künstlerin Doy (Do-gyeong Kim) auf die Leinwand fixiert, entbehren auf den ersten Blick jeder topografischen und physikalischen Logik oder Verortung. Die Landschaften sind durchzogen von architektonischen Elementen und amorphen Gebilden unbekannten Aggregatzustandes. Alles scheint sich in ständiger Bewegung von innen nach außen umzustülpen.

Schaut man jedoch genauer hin, erkennt man eine vertikale Ordnung: Löcher und Abgründe verweisen auf ein Darüber und ein Darunter. In Anlehnung an spirituelle und religiöse Vorstellungen vom Leben nach dem Tod malt Doy ihre eigene Vorstellung von einer Welt, die uns erwartet, wenn wir die irdische hinter uns lassen.

Anders als bei religiösen Vorstellungen, die die Vertikalität mit eindeutigen Eigenschaften versehen (oben gut, unten böse), ordnet die Künstlerin die unterschiedlichen Ebenen nach einer persönlichen Weltstruktur an, die ihre eigenen Erfahrungen als Fremde in der Stadt (oder als Fixpunkt in der Fremde) widerspiegelt.

Das sich ständig verändernden Verhältnisse von innen und außen, von bekannt und fremd, vom Hier und Dort, vom Selbst und dem Anderen und dem Dazwischen werden uns in Doys Bildern auf fantasievolle Weise zugänglich gemacht.

Hyunsil Choi

„Der Mensch ist frei, auch wenn er in Ketten geboren ist“

Friedrich Schiller, 1797

Für die koreanische Künstlerin Hyunsil Choi (geb. 1980, lebt und arbeitet in Daegu) sind körperliche, topografische oder räumliche Einschränkungen kein Widerspruch zur Freiheit des Geistes, sondern – im Gegenteil – ihr Katalysator.

Aufgrund einer Fußverletzung, die es ihr nicht erlaubte, sich in einem großen Bewegungsradius zu bewegen, entwickelte Hyunsil Choi eine meditative Form des Zeichnens. In kleinen Handgesten bringt sie serielle, sich wiederholende Zeichen verschiedener Art zu Papier.

Inspiriert von den repetitiven und meditativen Praktiken buddhistischer Bildtraditionen, sucht die Künstlerin bewusst einen Prozess der geistigen Loslösung vom ausführenden Körper. Beim Zeichnen löst sich der Geist von seiner Hülle und fällt in einen Modus der Kontemplation. Wahrheitsfindung und Selbstheilung sind ihre Impulse, und sie lädt die Betrachter ein, sich ebenfalls in ihren Gärten voller Zeichen zu verlieren.

Hyunsil Choi zeichnet hauptsächlich mit Kohle, Ölkreide und Ölpastell auf Hanji, einem traditionellen koreanischen Papier. Durch die Verwendung von Ölpastell und Kohle entstehen Verwischungen, die die geordnete Struktur von Punkten und Linien durchbrechen, während offene Flächen weiße Leerstellen bilden. Manchmal arbeitet sie mit mehreren Schichten von fleckigem Hanji, was ihren Werken eine skulpturale Qualität verleiht.

Aktuell arbeitet sie am SIL Project, eine Art postalisches Austauschformat basierend auf ihren Zeichnungen. Sie möchte dadurch für alle Teilnehmenden eine interaktive Kunsterfahrung schaffen und sie zur Selbstermächtigung anregen. Die daraus entstandenen Ergebnisse werden in der Ausstellung präsentiert.


Künstlerhaus Bethanien: OPEN STUDIOS

21.09.2023
19 — 22 Uhr
7 — 10pm

AUSSTELLUNGSRÄUME
Kottbusser Straße 10
10999 Berlin

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