DEAR READER, inzwischen sollte bekannt sein, dass meine Beziehung zu der bayrischen Schaltzentrale und den etablierten Publikationen seit meiner Zeit beim flair Magazin ein höchst angespanntes ist. Allerdings komme ich nicht umhin mich gelegentlich dann doch wieder aus der Mitte drängen zu lassen, besonders wenn meine “nicht deutsch-normativen” Mitbürger und Freunde so derart beleidigt und aus unserer Mitte gedrängt werden und das von Menschen, die uns allein ein Vorbild sein sollten. Ein offener Brief an die Münchner und der dringende Appell das Hirn einzuschalten, bevor das Dach mal wieder abbrennt…

SEHR GEEHRTE FRAU NEDELCHEV,

als ich vor ein paar Monaten die überwiegend weißen Models in euren Publikationen ankreidete, konnte ich ja nicht ahnen, dass für euch in München Hautfarbe ein Modetrend ist und eben nicht ein unveränderlicher Fakt der genetischen Konstruktion eines Individuums. Vom geschichtlichen Aspekt mal abgesehen. Vermutlich habt ihr euch bei der ELLE gedacht: „Recht hat er, keine People of Color in unseren Magazinen“ aber aus der Hautfarbe oder der religiösen Herkunft eines Menschen eine beleidigende Marketingstrategie zu machen, sollte auch der etabliertesten aller Mainstream Publikationen wohl zu wage sein.

In diesem Falle habe ich mich wohl getäuscht und frage mich noch immer, auf welchem Wege eure Antwort auf meine Bewerbungen wohl verloren gegangen ist, denn scheinbar ließt man ja in München was ich zu sagen habe, wie mir auch durch die Einladung aus der Bayrischen “Landes” Hauptstadt gezeigt wird. Nichtsdestotrotz will ich an dieser Stelle weiter darauf eingehen und anmerken, dass ich Naomi Campbell an dieser Stelle nur aus tiefstem Herzen zustimmen kann, auch wenn ich nachdem ich dieses Cover gesehen habe, angewidert und endgültig der deutschen Modeszene abgeschworen habe. Ich kann es wohl nicht anders zusammen fassen als mit den Worten: „Die deutsche Mode ist tot, lange lebe die deutsche Mode!“ Wo also ist die diversity in den Köpfen geblieben, von denen ihr da neuerdings so häufig schreibt?

Bei VOGUE online wird von der Straße als Inspiration und von den unzähligen Designern mit Migrationshintergund oder von Gender als “Trendthema” gesprochen, alleinig um sich mit fremden Federn zu schmücken, denn auch bei den Berliner Pressdays liefen ausschließlich weiße, hetero-normative VOGUE Girls über den Runway und auch vom Condé Nast bekam ich nach mehrmaliger Rückfrage nur ein müdes „wir prüfen unsere möglichen Kandidaten sehr ausgiebig“ auf meine Bewerbungsunterlagen. Zu schwul? Oder nicht deutsch genug für „black is back“? Dabei trage ich doch am liebsten Schwarz und liebe meine Nachbarn deren Eltern ursprünglich von der Côte d’Ivoire oder aus Ghana kommen, eben weil sie nicht so weiß sind wie die Münchner Weste. Diese Menschen haben Höhen und Tiefen, wichtiger noch sind sie die einzigen Nachbarn, die mir immer helfen wenn ich als Künstler mal in einer Krise stecke. worauf ich hinauswill ist Menschlichkeit, die fehlt der Mode leider zu oft als Faktor im System, dabei ist es doch so abhängig davon, von den Massen geliebt zu werden…

Allerdings werfe ich damit jetzt auch alle Münchner Redaktionen in einen Topf und koche mir hier ein kleines braunes Süppchen zusammen. Oder besser gesagt ein graues, denn so erscheint mir alles was aus dieser Stadt an Kreativität und vor allem als Trend geliefert wird. Sind wir mal ehrlich ich gehe liebe wie Amy Winehouse damals schon besang „Back to black“ und bleibe meiner Hauptstadt und ihren Problemen treu, in der ich zumindest nicht mit jedem zweiten über Mitbürger aus anderen Kulturen diskutieren oder „black is back“ einfach so hin nehmen muss. Vor allem nachdem bekannt wurde, dass sich die Chefetage bei der ELLE während der Pariser Modewochen, gerne mal über weniger schlanke Menschen aus der Branche lustig macht.

Dazu kommt auch noch die fahrige Entschuldigung der Chefredakteurin, ihr sei nicht bewusst gewesen, dass eben diese Person über die sie noch beleidigende Witze gerissen hatte, nun einmal deutsch spricht trotz türkischem Hintergrund. Was bitte ist denn bei euch in München schief gelaufen, dass ihr Hautfarbe als Modetrend deklariert und Menschen mit Migrationshintergrund schon per sé unterstellt, sie seinen unserer Sprache nicht mächtig? Pfui Sabine, das ist menschenunwürdig und schlichtweg gemein. Wie können Sie überhaupt nachts ruhigen Gewissens schlafen nach einer solchen Geschichte? Sollten Sie nicht als Vorbild dienen, anstatt sich in Paris über kurvige Menschen lustig zu machen?

Nein, anstatt der Vorbildfunktion kommt Body Shaming und invertierter Rassismus zum Vorschein. Grade Sie sollten wissen, dass sich Positionen in dieser Branche genauso schnell ändern können, wie Ihre Trendprognosen für die nächsten Monate und, dass es so etwas wie Karma gibt. Eines Tages könnten nämlich auch Sie durch jemanden ersetzt werden, den sie zuvor nicht einmal mit ihrer schlanken, vermutlich flachen Rückseite betrachtet hatten. „One day you’re in, the next day you’re out,“ stotterte La Klum bereits zu ihren Designanwärtern, bevor diese durch den knochenharten Kreativprozess gejagt wurden. Denn eins ist gewiss, die Modewelt ist existiert nur durch stetigen Wandel. Scheint in München ja aber noch nicht angekommen zu sein. But(t) and mine is a big one, nur ein Monat später sind diese groben Fauxpas bereits vergessen und ein melancholisch-kitschiges Best-Of der Elle Deco erschien, kein Wort mehr zu “Black Is Back”. Traurig, aber leider die Realität in der Branche und auch in diesem Land.

Ein anderes Sprichwort besagt „even bad publicity is publicity“ und wird damit der Nummer gerecht, die gerade in München gefahren wird. Die Redakteurinnen der VOGUE feiern im Berghain die Nächte durch und tauchen in denselben Outfits am Tage später und mit einer Fahne zu Terminen auf. Gelästert wird dann aber über die Berliner, die brav nach jedem Termin ins Bett gehen und am Morgen wieder frisch sind, die Stadt ist ja schließlich nicht so gepflegt oder relevant wie München. Angeblich. Sehe ich als Berliner allerdings auch so, denn uns interessiert es ungefähr soviel was bei euch auf’s Cover kommt, wie der Fakt, dass die S-Bahn beim ersten Schnee mal wieder zu spät kommt. Jedoch muss ich zugeben, mich mehr als nur zwei Minuten über „Black is back“ aufgeregt zu haben, denn ich kann es nicht oft genug sagen: entweder ihr schaut euch endlich mal ein paar Dinge bei uns ab oder der Rest des Landes wird sich bald nicht mehr um euren Hochglanz scheren. Bayern ist eben nicht ganz Deutschland, sowie Berlin leider auch nur die Bundeshauptstadt ist, allerdings den ganzen Mist ausbaden muss, den der Rest des Landes gerne mal produziert.

In dem Fall bade ich in diesem braunen Mist, der dieses Mal aus München und nicht aus Sachsen kommt und das stellvertretend für alle Kreativen, Künstler*innen, Stylist*innen und Models, die sich mit solch einem oberflächlichen und dummen Müll herumschlagen müssen, auch wenn ich in München vermutlich nie wieder irgendwo eingeladen werde nach diesem Artikel. Sollte ich aber noch einmal mitansehen müssen, wie auf nationaler Ebene solche Beleidigungen ausgespuckt werden und die Chefredakteurin nicht einmal zur Verantwortung gezogen wird, liebe Münchner, so werde ich nur noch mehr angetrieben fühlen meine Stimme zu nutzen und eben jenen, die sich so dermaßen daneben benehmen nochmals richtig den Finger auf die Wunde zu legen.

Denn sind wir ehrlich, dieses Land hat viel mehr Probleme, als die Frage nach der nächsten It-Bag und ob die Trägerin oder ihre Hautfarbe gerade im Trend liegen. Schämen Sie sich Frau Nedelchev und denken Sie ein bisschen darüber nach unter welches Thema Sie ihre nächste Ausgabe stellen. Wie wäre es denn einmal mit etwas ernsthaft politischem zum Thema “black is back”? Gerne schriftlich an die Ihnen bekannte Redaktionsadresse.

Hochachtungsv(Tr)oll ihr,
Alexandre Renaldy
Alexandre Renaldy
Posted by:Alexandre Renaldy

Editor in Chief, Work: The Corner Berlin, flair magazine, H.O.M.E.; Signature Places, Vestiaire Collective, EVE images, B'SPOQUE magazine etc.