Das Gorki: Kiyaks Theater Kolumne

Mely Kiyak schrieb regelmäßig für das Maxi-Gorki Theater, sowie für andere Publikationen Kolumnen und Kommentare. Nun verabschiedet sie sich in klaren Worten.

Es ist alles gesagt

Liebe Theaterbegeisterte und Weltinteressierte,
Liebe Kinder,
Liebe Deutsche,
Liebe Kreuzberger,

hiermit eröffne ich offiziell die Theatersaison. Ahahahaa! Nach so einem Satz, müssen Sie wissen, wirft die Intendantin mit ihrem terlik nach mir. Früher unterhielt ich Sie regelmäßig vierzehntägig mit meinen üppigen Betrachtungen. Heute hat es den Anschein, als sei ich untergetaucht. Ganz falsch ist das nicht. Mein Kopf ist wie unter Wasser. Das hat viele Gründe. Ich bin kurz vor der Pandemie erkrankt. Ganz plötzlich und unerwartet nahm die Erkrankung einen schweren Verlauf. So etwas hält auf Trab. Und wie ich den Kopf mal kurz aus dem Wasser hielt, waren Land und Bevölkerung in einem solchen Wahnsinn, politisch, gesellschaftlich, zwischenmenschlich – meine begrenzte und sich eben erst regenerierende Konzentrationsfähigkeit waren noch nicht bereit fürs Betrachten, Kommentieren, Bespötteln.

In der Zwischenzeit erschienen unsere Theaterkolumnen als Buch (»Werden Sie uns mit FlixBus deportieren?«, C. Hanser Verlag, 2022), aber zu meiner eigenen Buchpremiere musste ich von der heimischen Chaiselongue ins Gorki Theater zugeschaltet werden, weil mein Immunsystem für ein Publikum noch nicht bereit war. Die Zeit der publizistischen Abwesenheit zu beschreiben, ist nicht leicht, ohne ins Ungefähre abzudriften. Die für diese Fälle übliche Kriegsrhetorik (»Der Krankheit den Kampf ansagen«, »Besiegen«, »Durchhalten«, »Überleben«) ist viel zu heroisch. Tatsächlich ist man einfach nur mit Sein beschäftigt. Gelegentlich schrieb ich Briefe, äußerte mich mal hier oder anderswo. Und irgendwann, wenn man Glück hat, steht man eines Tages auf und fühlt eine leise Kraft.

Seit Anfang dieses Jahres habe ich wieder angefangen zu arbeiten. Aber ich hadere. Das ist normal. Manche unter den Schreibenden reflektieren fortwährend das eigene Schaffen. Wofür? Weshalb? Ich neige auch dazu. Wozu noch politisch schreiben? Wenn Politik an einen Punkt gelangt ist, der nur noch aus Wiederholung besteht, was dann? Ich schrieb viele Prognosen. Sie sind alle eingetreten. Immer weiter machen, weiter beschreiben.

Der Punkt einer gesellschaftlichen Umkehr ist seit mindestens über zehn Jahren überschritten. Die Weiche für die politische Gegenwart wurde wahrscheinlich mit Gerhard Schröders Regierung eingeleitet. Entsolidarisierung gegenüber den unteren Einkommensklassen, Ausverkauf von kommunalem Wohnraum an Konzerne, Privatisierung von öffentlichem Eigentum und das Delegieren der Altersvorsorge an Versicherungen – alle diese Maßnahmen tragen die Unterschrift der Arbeiterpartei SPD.

Ich weiß, dass wir gerade Zeitzeugen sind. Wir erleben die Faschisten an die Regierungsmacht kommen. Maximal zwei Bundestagswahlen, dann haben sie die Kontrolle. Ich habe dazu alles, wirklich alles, geschrieben.

Mir fehlt schlicht die Lebenszeit, um wieder und wieder zu wiederholen, was ich vor 15 Jahren sah. Ich kann auch die Notwendigkeit nicht erkennen. Ich halte alles Reden auf Twitter und Co. meiner Kolleginnen und Kollegen für schwach und politisch gefährlich. Das permanente Zitieren, Reproduzieren und Skandalisieren von rechtsextremer Politik und Rhetorik aus Judikative, Exekutive und Legislative sowie der Kultur, ist falsch, kontraproduktiv und apolitisch. Gegen Radikalisierung von Rechts in diesem Stadium hilft nur Radikalisierung von Links. Man muss den Faschisten das Leben so schwer machen, dass sie die ganze Zeit damit beschäftigt sind, sich anzubiedern und Naziforderungen in demokratische Programmatik umzuwandeln. Es funktioniert aber genau andersherum. Die demokratischen Parteien suchen die parteipolitische Anschlussfähigkeit an die Faschisten.

Vor Jahren, als es die AfD noch nicht gab, als wir noch im kurzen Zeitfenster waren, wo sich organisierter Widerstand gelohnt hätte, seid Ihr, die ihr Kolumnen abonniert oder uns auf Lesungen applaudiert habt, zurück zu euren Nazicousins, Nazitanten und Nazipapas nach Hause gegangen, um sie bei allernächster Gelegenheit gegen uns zu verteidigen. DAS wäre die Zeit gewesen, enger zusammen zu rücken. Ihr habt uns, die wir Deutsch als Zweite-Haut-Tragende sind, allein gelassen. Als wir zu Debilen, zu Kriminellen, zu Schmarotzern erklärt wurden, habt ihr in Redebeiträgen den Faschismus, den Rechtsextremismus, die Nazis verteidigt.

Verstehe ich. Sind ja eure Verwandten, man will sie in Schutz nehmen. Ich habe deshalb für mich beschlossen, Euch jetzt alleine zu lassen. Denn mein Leben, mein Talent, mein Körper und mein Sinn für Schönheit verbieten es mir einstweilen, mich mit euren Familien zu befassen. Ihr hört es sicher nicht gerne, aber es sind eure Leute, die diese Scheiße verbreiten. Nicht meine Leute. Umvolkung. Davor hattet ihr doch so Angst, nicht wahr? Deshalb habt ihr sechs Millionen lupenreine Nationalsozialisten und Faschisten ins Parlament gewählt. Ich habe mich deshalb innerlich von euch abgevolkt.

Schaut: Mein Kanackendaddy hat noch nicht einmal Wahlrecht, um euch die Pest an den Hals zu wählen, so wie eure Leute uns die Pest an den Hals wählen. Hier in Berlin dürfen demnächst minderjährige Kinder wählen, also eure Geschwister, aber unsere Eltern immer noch nicht. Mein Kanackendaddy hat mit seinen Steuern euer BAföG bezahlt, eure staatlich geförderte Eigenheimzulage. Wenn mein Daddy mich besucht, verteilen sich fünf Erwachsene auf zwei schmale Çekyats und ich schlafe auf dem Boden. Es sind Eure Leute, die das alles machen, nicht meine.

Früher haben meine Ossifreunde immer gelacht, wenn ich gesagt habe, vergesst nicht, die Mauer ging auf und wir dachten, ihr Ossis kommt, um uns auf den Mund zu küssen. Aber ihr habt euch bewaffnet und unsere Leute abgeknallt. Eure Leute waren in der Polizei und haben uns unhöflich behandelt. Und eure Leute sind es, die diese Mörder jetzt frühzeitig aus der Haft entlassen, weil sie glaubwürdig versichert hätten, nicht mehr so schlimm zu sein. Stimmt ja auch. Es gibt jetzt noch viel schlimmere Nazis, die sind in Freiheit und nehmen gerade an Abstimmungen im Parlament teil.

Ihr sagt, es gibt kein Wir und Ihr. Ja, so habe ich früher auch argumentiert. Das war, als ich dafür kämpfen musste in der Berliner Zeitung meine Berichte über den NSU-Faschismus ins Blatt zu bringen, einmal in der Woche, Samstags in der Ecke unten, als der ganze Rest der Zeitung mit nichts anderem beschäftigt war, als Sarrazin Recht zu geben. Seine rassenthe.., äh pardon, sozialpolitische These ist, dass wir genetischer Müll sind und die deutschen Sozialsysteme zum Kollaps bringen. Sehr ihr, da ist ein Ihr und ein Wir.

Eine Million von euren Leuten haben das Buch gekauft, nicht von unseren Leuten. Arno Widmann, der heute im Gorki Theater ist, damals schrieben wir in der gleichen Zeitung, erzählte mir aus einer Redaktionssitzung, dass ein Kollege meine »Deutschenfeindlichkeit« beklagt hätte. Der Kollege arbeitete später als Amerikakorrespondent und berichtete über den gesellschaftlichen Zerfall Amerikas und das autoritäre Abdriften. Das ist ja oft so. Deutsche erkennen den Rechtsextremismus ausschließlich, wenn er woanders stattfindet. Nur bei Omi und Opi erkennt ihr ihn nicht.

Wir müssen zusammenhalten, habe ich oft geschrieben. Ihr dürft uns nicht verteufeln. Unsere Eltern haben die geringsten Renten. Noch geringer als die der Ostdeutschen. Bewaffnen wir uns deshalb? Schmieren wir Hakenkreuze? Schießen euch tot? Unsere Leute sind nicht in den Vorstandsetagen, nicht in den Chefredaktionen. Zünden wir deshalb eure Häuser an?

Meine Leute sind vielsprachig. Haben eure Leute eine neue Sprache lernen müssen? Unsere reisen wie Kosmopoliten durch die Welt, kennen alle eure Feiertage und sind lieb zu euch. Verkaufen euch Obst und sagen bittäschön und dankäschön. Wir sind Menschen. So erkennt uns doch. So was peinliches habe ich geschrieben. Aus so einer Zeit komme ich, versteht ihr. Ich habe einen richtig langen Kolumnenweg hinter mir.

Und im Westen? Da dachten wir, dass ihr froh seid, dass die ganze Welt euch Deutschen geholfen hat. Die Alliierten kamen und haben euch mit Bomben zu einer freien Presse überreden müssen. Ihr habt das vergessen. Aber ihr wart wirklich nur mit Bomben zu stoppen.

Demokratie war noch nie euer Ding. Kunst, Freiheit, Juden. Wird euch immer alles schnell zuviel.

Ihr habt uns nicht geglaubt. Ihr habt gesagt, nicht doch, nicht doch, wir sind jetzt anders. Aber in Bayern, der jetzt Wahlkampf macht und Flugblätter verteilte, das ist doch einer von euch, oder? Wo auf den Flugblättern stand, dass der Hauptgewinn sei, Juden in Auschwitz zu vergasen. Ich finde, ihr hättet um eurer Glaubwürdigkeit willen und eures moralischen Rosses wegen, Tag und Nacht vor der bayerischen Staatskanzlei Mahnwache stehen müssen, bis sie alle abtreten. Stattdessen sucht ihr in Bayern gerade die Öffnung in euren Köpfen, um euch das Bier reinzuschütten. Eben rasch »Freiflug durch den Schornstein in Auschwitz« und »kostenloser Genickschuss«, dann werden die Wadeln in die Strümpf gestopft und es wird besinnungslos gesoffen. Das Leben geht weiter. So praktiziert ihr es seit Mai ’45.

Was soll ich also politisch schreiben? Was kann ich Ihnen, die Sie alle klug, belesen und fähig zu einer eigenen Meinung sind, sagen? Ehrlich, ich weiß es nicht. Neulich sagte ich zu einem Kabarettistenkollegen aus dem Fernsehen, es gilt jetzt rhetorische Streubomben zu werfen. Den kurzen Spalt, bis die Kunst-und Gedankenfreiheit abgeschafft sind, ausnutzen. Die Faschisten auf die Palme bringen, denn sie gehen organisiert und nach Plan vor, und da könnte man die Palme doch ruhig etwas zum Wedeln bringen.

Natürlich bleibe ich an der Seite des Gorki Theaters und seiner Intendantin. Dieses kleine Theater und diese Theaterkolumne sind für mich immer noch ein seltener und unwahrscheinlicher Ort. Schauen wir uns doch um. Sarrazins Buchpremiere, fand in unserem Nachbartheater Berliner Ensemble statt. Der extrem rechts denkende Dramaturg Bernd Stegemann, Sahra Wagenknechts enger Weggefährte, kommt nicht aus der Skinheadszene, sondern von der Schaubühne und dem Berliner Ensemble. Er ist ein typischer Vertreter der nationalistischen Linken. Oder die Ostberliner Volksbühne. In deren Foyer wurde nicht nur ein extrem weißes Theater gegen einen internationalen und weltoffenen Intendanten wie Chris Dercon verteidigt, sondern es wurde im Zuge dieser Proteste auch rasend schnell ein heimeliges Zuhause für Verschwörungstheorien. Aus der Pollesch’sen Reflexionsbude ist ein Ort geworden, wo es nur noch darum geht, individuelle Privilegien zu verteidigen. Hito Steyerl und Diedrich Diederichsen beschreiben das äußerst aufgeräumt aus zwei sehr unterschiedlichen Perspektiven hier: 

https://www.textezurkunst.de/de/105/weder-wohnung-noch-waehrung/ und hier: https://artsoftheworkingclass.org/text/weiteratmen-im-freien-fall

Ich könnte, wenn ich mich vom Gorki Theater aus, einmal um die eigene Achse drehe, so und soviel Kulturinstitutionen zeigen, die eben nicht alle die gleichen Werte teilen. So ein einfacher Satz wie »Die Würde des Menschen ist unantastbar« ist nicht common sense.Ich habe deshalb alle politischen Kolumnen in der Schweiz und in Deutschland gekündigt. Auf Zeit Online hatte ich eine zehn Jahre dauernde Serie (»Kiyaks Deutschstunde«), in der ich jede Woche über das Land schrieb. Fast genau so lang tat ich das zuvor in der Frankfurter Rundschau und der Berliner Zeitung. Ich veröffentliche unten den Zeit Online Text, wo ich Abschied vom politischen Schreiben nehme. Die Leserschaft dort und hier überschneidet sich und womöglich konnten das einige Leserinnen und Leser nicht lesen, da die Zeitung sich dazu entschied, den Text hinter eine Bezahlschranke zu stecken (was ich sehr betrüblich finde).

Ich schreibe dort stattdessen einfach nur über das Leben, das ich führe. Es sind kurze Texte, über die betörende Schönheit eines Alltags, in der absolut nichts Aufregendes geschieht. Anschließend spreche ich die Momente richtig schön unprofessionell ins Handy und schicke die Aufnahme ab. Text und Ton sind jedes Wochenende hier zu lesen und zu hören: https://www.zeit.de/kultur/2023-07/wochenende-momente-freude

Und hier? Im Theater? Ich weiß es noch nicht. Ich will mich nicht wichtiger nehmen als ich bin. Mein Leitsatz für mein Schreiben war immer: Meine Aufgabe ist nicht Deutschland zu retten, sondern meine Kunst. Wenn die Welt mörderisch wird, müssen wir Künstler daran erinnern, dass es etwas gibt, das höher und besser ist, als wir selbst. Das sind die Musik, die Gedichte, schön erzählte Geschichten. Wir müssen der Ästhetik des Ekeligseins eine Ästhetik des Menschseins entgegensetzen. Ich versuche es.

Nichts für ungut!

Mely Kiyak

PS. Runterscrollen. Es geht weiter. 


Mein Deutsch ist wirklich exzellent

Als ich vor zehn Jahren meine Kolumne »Deutschstunde« an dieser Stelle begann, versprach ich zuvor meinem Chefredakteur, niemals Ärger zu machen, keine Ansprüche zu stellen und der Zeit Online bis zu meinem letzten Atemzug zu dienen. Ich verließ sein Büro mit den Worten »Tschüss Trainer, wir sehen uns bei meiner Verrentung«.

Ich fand, dass meine Aufgabe denkbar einfach sein würde. Beobachten wer was in der Politik oder der Kultur macht und dann einen schönen Text darüber schreiben. Ganz sicher war ich nicht angetreten um den Faschismus zu verhindern. Wer kann in Deutschland schon den Faschismus verhindern? Gibt ja Kolumnisten, die ernsthaft denken, dass sie mit ihren Texten etwas bewegen könnten. Steuern senken. Internet schneller machen. Den Bus aufs Land schicken. Ich nicht. Ich glaube sowas nicht. Mein Anspruch war höher. Ich wollte den Aufstieg der Antidemokraten und das Kuschen und Speichellecken der anderen Parteien vor ihnen präzise und pointiert begleiten. Auf die in einigen Jahrzehnten an mich gestellte Frage »Wo warst du als es begann? Wo??« wollte ich reinen Gewissens antworten können: »Hör zu, Enkelschätzchen, steck deine Nase in deine eigene Gegenwart«.

Insgeheim hoffte ich auch, rechts und links vom Kolumnistinnenwegesrand ein paar Journalistenpreise zu pflücken, den Presseausweis beantragen und im Presseversorgungswerk aufgenommen werde könnte. Preise bekam ich glaube ich keine, und wie das Presseversorgungswerk funktioniert, habe ich bis heute nicht begriffen.

Man bekommt im Leben sowieso immer nur, worum man nie bat. Mich erreichte einmal ein Brief aus Österreich, wo mich jemand in der Angelegenheit von Adolf Hitlers Geburtshaus um Rat bat. Der Absender saß einem Gremium bei, das über die Weiternutzung der Immobilie beriet. Was könne man meiner Meinung nach tun? Die Begründung für die Anfrage lautete, dass gerade jemand »wie Sie«, also ich, ein Interesse daran haben müsste, über die Zukunft von Hitlers Geburtshaus nachzudenken. Ich glaube ich antwortete, ich sei Schriftstellerin und habe nicht viel Expertise in Interieurfragen, aber wenn sie mich schon fragten: »Arbeiten Sie mit warmen Materialien wie Holz und Kork und bleiben Sie bei der Wandgestaltung innerhalb einer Farbfamilie«.

Ein anderes Mal schrieb mich jemand aus dem Rundfunk Berlin Brandenburg an. Man ist manchmal so naiv! Als ich den Absender mit dem offiziellen RBB-Logo sah, dachte ich, man würde mir eine eigene Fernsehsendung anbieten. Es war aber eine Person wichtigen und hohen Amtes, die auf der Suche nach einer Kinderbetreuung sei, »unbedingt türkischsprachig« oder wenigstens der türkischen Kultur kundig. So jemand »wie Sie«, also ich, wäre einfach perfekt geeignet für ihre zwei aufgeweckten Racker. Ich antwortete, dass ich schon einen Beruf habe (»Bücher schreiben«) und darüber hinaus der türkischen Kultur nicht kundig sei, denn weder ich noch meine Familie sind oder waren Türken, sie kommen lediglich aus der Türkei. Ich schlug außerdem vor, die Person solle Cem Özdemir fragen, der bezeichnet sich als anatolischen Schwaben und ist gelernter Erzieher.

Ich bin humorarchitektonisch so gebaut, dass ich mich über solchen Kram, solche Briefe freuen konnte. Als Kolumnistin lernt man sein Land sehr kennen.

Als ich vor über 15 Jahren anfing, politische Kolumnen zu schreiben (zuvor schrieb ich für die Frankfurter Rundschau und die Berliner Zeitung) wurde der Presseclub noch im Wechsel von Fritz Pleitgen und Peter Voß moderiert. Mit beiden diskutierte ich in der Sendung, es waren feine ältere Herren, die ich sehr mochte und respektierte, und beide lobten mich vor laufender Kameras für mein hervorragendes Deutsch. Ich fand das nicht schlimm. Mein Deutsch ist schließlich auch sehr exzellent. Dennoch wurde ich immer und wieder gefragt, warum ausgerechnet Leute »wie Sie«, also ich, die Kolumne »Deutschstunde« nennen. Der Titel der Serie wurde von Teilen der Leserschaft, die sich kontinuierlich in Rage befinden, unaufhörlich bemängelt.

Aber wie hätte ich die Kolumne anders nennen sollen? Italienischstunde?

Dann erkrankte ich. So etwas geschieht manchmal. An irgendeinem Tag irgendeines Monats erhält man eine Diagnose, und auf einmal stülpt sich einem das Leben um. Die Telefoniermittwoche mit meinem geistreichen und mich liebevoll betreuenden Redakteur hörten auf, die Donnerstage hörten auf, die Freitage. Die Woche hatte sieben oder siebzig Tage, es spielte alles keine Rolle mehr. Ich hörte auf zu schreiben und war nur noch damit beschäftigt, Anschluss ins Jetzt zu finden. Den Morgen vom Abend zu unterscheiden. Mein Radius war plötzlich so eingeschränkt, so klein, im Stehen, im Gehen, im Sehen und auch im Denken, die totale Weltschrumpfung. Draußen derweil wurde in der Zwischenzeit der Bundestag gewählt, es gab eine neue Regierung, doch ich, die immer so auf der Hut war, bloß keine politische Regung zu verpassen, wusste nicht mehr, wer ist noch gleich der Bildungsminister? Verteidigung? Verbraucherschutz? Ampel, wieso Ampel? Ach so, wegen Rot-Gelb-Grün. Die FDP ist auch dabei?

Wenn jemand eine Weile nicht mehr zu lesen ist, der sonst immer zu lesen war, ist die Person entweder verstorben oder hat plagiiert. Gestorben bin ich noch nicht, plagiiert habe ich oft, vorzugsweise die Worte von unbekannten Alltagsmajestäten mit einem poetischen Gespür für die Dinge. Sie waren und sind mein Kompass geblieben. Meine Familie, meine Nachbarn, meine Freundinnen aus der Kultur, die Leute, die mein Leben sind.Ich habe das erzählende Ich, das Wer-ich-bin, aus den Texten herausgehalten, weil ich unbedingt wollte, dass es keine Rolle spielt. Aber das tat es natürlich. Meine Biographie und meine Erfahrungen sind der Boden, auf dem ich stand und von wo aus ich die Kolumnen sendete.

Mein Vater war ein einfacher, aber belesener Fabrikarbeiter. Er brachte uns Kindern bei, warum wir lebten wie wir lebten. Wir kannten die Architekten unserer Armut und unseres Ghettos. Wir wussten um politische Theorien, weil wir sie erfuhren und mit wachem Verstand durchlitten und mit Humor belachten. Unser Leben war das, was an Universitäten gelehrt wurde. Ich ahnte also sehr früh, dass der Platz, den die Gesellschaft für mich vorgesehen hatte, meinen Talenten und Sehnsüchten nicht genügen würde. Ich begriff, dass wir nicht aus Versehen Fehlplatzierte waren, und dass es ein politischer Kampf ist, sich umzusetzen. Wir haben uns als Bürgerinnen begriffen und also haben wir für unsere Rechte gekämpft. Kein einziger Politiker hat uns jemals beigestanden, niemand hat für uns Partei ergriffen. Trotzdem, wir haben nicht gejammert. Wir haben nicht auf Twitter um Mitleid gebettelt. Wir haben auf der Straße nicht geschlägert. Der Vater war in der Gewerkschaft, selbstverständlich, die Eltern politisch engagiert. Wir, meine Familie, meine Leute, waren stolze Menschen, wir haben unsere Kränkungen, unser Nichthaben und Nichtmitmachendürfen in politische Forderungen übersetzt. Wir wurden gehasst, aber wir haben nicht zurückgehasst. Das ist das Vermächtnis meiner Erziehung, von da komm ich her, von da aus schrieb ich.

Ich bin immer noch das Mädchen aus dem Sommer ‘86 oder ‘87, genau weiß ich es nicht mehr, das unter dem Wachturm vom Gefängnis in Bingöl stand. Dieser Ort war berüchtigt für grausame Folter als Verhörmethode an politischen Gefangenen. Ich schaute über den Stacheldraht hoch, in der Hoffnung, dass der Soldat runterschaut, denn ich sollte ganz laut hochrufen (so trug es mir die Tante auf) »Lasst Kani Abi frei, oder ich gehe hier nie wieder weg«. Wir wussten, dass sie ihn nicht freilassen würden. Das Ziel war, das Herz des Soldaten zu erweichen, damit ich rein und eine Botschaft übermitteln konnte. Völlig utopisch und weltfremd. Klar. Aber da lernte ich zivilen Ungehorsam. Später haben sie meinen Vater verhaftet, angeblich habe er Terroristen in den Bergen mit Medizin versorgt. Mein Vater war aber mit den Medikamenten auf dem Weg zu seinem Bruder. Noch später, als ich in Deutschland war, sah ich die verbrannten Kinder von Arbeitsmigranten in den Abendnachrichten.

Wenn man, egal wo man auf der Welt lebt, von seiner Gesellschaft als Feind betrachtet wird, dann erkennt man schneller, wenn die Luft dünn wird. Man ist wie Kranich, Pfau und Pirol, ein Vogel, der die Wetterveränderung in der Atmosphäre spürt und seinen Gesang ändert. Wir frühen politischen Kolumnistinnen haben diesen Temperaturwechsel schon Jahrzehnte vorher registriert und mit Regenrufen die Wetterverschlechterung gezwitschert. Ich denke hier vor allem an Autorinnen wie Hilal Sezgin. Ich denke auch an die ersten Autorinnen, Theatermacherinnen, Dichterinnen, die vor mir schrieben. Jede von uns hatte ihre Zeit.

Es wird, das schrieb ich schon vor Jahrzehnten, und die vor mir schrieben es auch, für eine ganze Weile nicht mehr Menschenrechte geben, sondern weniger. Aber so ist das Leben. Im größeren Maßstab betrachtet, bewegen sich Gesellschaften immer in Pendelbewegungen. Wer zur richtigen Zeit im richtigen Teil der Welt ist, wird Glück haben und hoch oben in den Lüften schwingen. Die anderen liegen ertrunken und namenlos auf dem Meeresgrund. Ich finde, mein Leben ist nicht lang genug, um das von Woche zu Woche anhand von Politikerzitaten oder Gesetzesvorhaben zu wiederholen. Alles, was ich über Politik weiß, habe ich an dieser Stelle geschrieben. Es ist alles gesagt. Es gibt in diesem Genre ohnehin nur diese zwei Techniken. Man verkleinert, verniedlicht, bagatellisiert, oder aber man vergrößert und skandalisiert. Ästhetisch gibt die Gattung der Kolumne nicht viel her. Ich habe mich an diesem Format fertig geliebt.

Nun ist Zeit, Abschied vom politischen Schreiben zu nehmen.Ich möchte künftig die Gräser und den Wind besingen. Muss über das Leben und den Tod nachdenken. Ich sehne mich so ungeheuerlich danach, den Alltag zu bedichten. Wie ich mich im Frühjahr darüber freute, wenn mir jemand einen Strauß Tulpen brachte. Hat man Glück, entpuppen sich vor allem die orange-gelben Sorten als duftend. Wenn sie vollständig aufgeblüht sind, riechen sie nach Vanille. So ein Glück hatte ich im Frühling. Nun blühen vor meinen Fenster Rosen. Ich habe sie gepflanzt, in der Hoffnung auf Zukunft. Denke bitte bloß niemand, ein flüchtiges Gefühl von Glück sei nicht relevant, nicht von Bedeutung. Fragt die Menschen im Krieg. Fragt die Inhaftierten. Fragt die Kranken. Fragt die Sterbenden.

Was zählt sind die menschlichen oder alltäglichen Beobachtungen, die »kleinen« Begegnungen oder Gedanken. Wenn Sie mögen, lesen Sie mich künftig in »Gute Momente«, immer am Wochenende.

Ich verlasse diesen Kolumnenplatz, weil ich meine Kunst retten muss. (Und ein bisschen auch mich.) 


(Aus »Mein Deutsch ist wirklich exzellent«, Kiyaks Deutschstunde, Zeit Online vom 5. Juli 2023), Foto © München kotzt

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