Dear Reader, der vermeintlich unscheinbare Fakt, wie eine Marke prononciert wird, entscheidet über das Urteil zwischen Fashion Insider oder Fashion Victim. Getreu dem Film “The Devil wears Prada” und der Frage “wie schreibt man GABBANA?” begebe ich mich auf einen kleinen humoristischen Spaziergang über meine Zeit in Berlins exklusivstem Concept Store und der gängigen Sprachbarriere, auf und neben den internationalen Runways. Nehmen Sie mich also nicht zu ernst.

Nothing in this world is easy, nicht einmal der Job als Verkäufer in einer noblen Boutique. Das Wissen über die knapp 60 Labels aus aller Welt, den dazugehörigen Chefdesignern und die Basics über Design DNA eines jeden Hauses gehören zu den Grundanforderungen eines jeden Sales Assistants. Die Kundenberatung, die von höchster excellence zu sein hatte, lasse ich an dieser Stelle außen vor. Den meisten Kollegen fiel es bereits schwer, sich —von unzähligen neuen Trends jeder Saison mal abgesehen—daran erinnern zu können, was sie da eigentlich verkauften. Blamain oder war es doch eher Balmain?

In den Augen meiner Chefs taugte ich im Verkauf natürlich nicht viel, da ich meine Kunden eher nach ästhetischen Gesichtspunkten beriet und mein Interesse dadurch eher dem Design und seiner Funktion am Kunden galt. Andere Kollegen wiederum verkauften—nachvollziehbarer Weise —der Kommission halber. Nicht ohne dabei unsagbaren Blödsinn von sich zu geben, inhaltlicher wie sprachlicher Natur. Eine der nicht gerade wenigen, charismatischen Kolleginnen—die ein einer seasonal rotation kamen und gingen—brachte es sogar fertig, eine komplett falsche Marke zu nennen, während sie das Teil in der Hand hielt und das Label gut sichtbar aufblitzte. Lucky her, ihre Kommission war am Ende immer noch besser als meine. Nach einem Jahr wechselte ich überglücklich die Fronten und begann mich intensiver um die Ecken und Kanten des Hauses zu kümmern. Dass es die Kanten von Boxen sein sollten, war mir leider nicht wirklich bewusst.  

Nun ist es in der Modebranche auch für erfahrene Insider eine gängige und zuweilen böse Falle über scheinbar neue Marken zu stolpern, die es natürlich seit einer Ewigkeit gibt, allerdings von Meinungsmachern und Influenzia über Jahre hinweg geschmäht worden war. Sei es der Coolness, der Zielgruppe oder des Designers geschuldet, folgt als logische Konsequenz einer Konsumgesellschaft, daraufhin natürlich schnellstmöglich ein neuer Designer, inklusive neuem Image, um der Kundin wieder neuen edge zu verleihen. Schiaparelli? Da sollte man schon die Grundregeln der italienischen Linguistik  beherrschen und um den historischen Background der Marke wissen, um erahnen zu können, dass die Dame Zeitgenossin Coco Chanel’s war und Ski-a-pa-relli ausgesprochen wird. Dabei ist es gar nicht so schwer. Schließlich reicht es bereits “Mos-kino” und nicht “Moschino” zu sagen, um nicht aus dem Rahmen zu fallen. Zugegebenermaßen gehören beide Label bereits zu Königsdisziplin modischer Linguisten. 

Des Öfteren wurde ich zudem auf Labels hingewiesen, die ich so bisher nicht kannte. So begegnete mir eine Kundin aus Bayern – dem benachbarten Bundesland, in dem ich aufwuchs – die nach den Kleidern und Taschen von “La-Wääh” suchte, mit der Betonung, diese sei auf den Säulen unserer Türen ausgeschrieben. Nun kann ich vielleicht grade noch eins und eins zusammenzählen um zu wissen, dass sie das französische Traditionshaus Lanvin meinte, welches sich zu diesem Zeitpunkt vorwiegend auf ein älteres Klientel eingestellt hatte und richtig ausgesprochen eher nach einem lasziv ausgehauchten “Laan-wähn” klingen sollte. Dem sehr selbstsicheren “Lanfine” konnte ich ja noch etwas abgewinnen. Auch wenn ich mich bis heute noch wundere, woher das „e“ am Ende kam? Fragte sich sicher auch mein Chef, als er mich zu den deutschen Kunden schickte mit dem süffisanten französischen Unterton: “Gehen Sie dahin, die kaufen eh nichts.” Abgesehen davon, dass sich diejenigen die es mit einer gewissen Regelmäßigkeit und bei anderen Kolleginnen taten, meist nicht gerade über Stilsicherheit, dafür einem überaus üppigen Portemonnaie definierten. Dem vermutlich bereits vergessenen Designer Alber Elbaz, sollte aber fairerweise zugestehen werden, dass er Frauen in allen Formen und Facetten einzukleiden wusste. Nichtsdestotrotz, selbst den stilsichersten von uns allen erwischt irgendwann die modische Variante des Russian Roulette. 

Speaking of: Nach zwei Jahren im Geschäft mit russischen Kunden war es keine gedankliche Kugel mehr, dass sie nach den legendären roten Sohlen suchten, sobald man in einer überaus freundlichen, osteuropäischen Art gefragt wurde: “Wo sind Laa-bu-tin Laden?” Ohne dabei ein gängiges Klischee bestätigen zu wollen, scheint es doch als üben diese turmhohen Hacken eine große Anziehungskraft auf Menschen mit erhöhtem aggressionspotenzial und zu viel Geld aus. Woher das Geld wohl kam? Aus dem Waffenhandel, wie eine russische Kollegin auf meine Frage hin vermutete. Zumindest aus stilistischer Sicht könnte man Louboutin definitiv als die perfekte Waffe einer jeden Frau sehen. Siebzehn Zentimeter sind gefährlich fürs Auge, egal aus welcher gedanklichen Perspektive betrachtet. 

Und wenn wir schon im Osten sind, der deutsche konnte da gut mithalten, wenn es darum ging sich als Label Legastheniker zu beweisen. Zweimal im Jahr fielen die üblichen Verdächtige – zuweilen in Form von Reisegruppen aus Dresden in den Laden ein. Dabei eher auf der Jagd nach einem Glas Champagner, sind die leider unerreichbaren Kleider und Taschen von “Schlöö” und “Miau -Miau”, zwar so “scheen” wie in der Gala, aber Sekt gab’s trotzdem keinen. An dieser Stelle habe ich mich nur gefragt, wie sich der, aus wiederholt drei Lettern bestehende Schriftzug, urplötzlich in Katzengejammer verwandeln konnte? Eine Minute später latscht auch schon Queen B, Beyoncé herself, inklusive Mann und Gefolge in den Laden, wo wir auch wieder beim Louboutin wären. Das Snake Skin Modell hatte es der kleinen Blu Ivy besonders damals besonders angetan. Generell schien die Prominenz bessere Manieren zu besitzen, als manch anderer Insider

Immerhin landete ich mit ein bisschen Fleiß und genügend Klugscheißerei auf den Modenschauen in Paris. Um nicht völlig garstig zu sein muss ich klarstellen, dass ich in meiner neuen Position als Social Media Manager zu Beginn so meine Problemchen mit der Monobrauen-Ikone Cara Delevigne hatte. Was vielleicht auch an meinem Chef lag? Wie wird sie denn nun ausgesprochen? Die Londonerin ist mit zeitlichem Abstand betrachtet, nur eine weitere fast vergessene Brand der Multimillionen Industrie weltweit. Trends wechseln schließlich so schnell, wie namhafte Marken ihre wandelnden Kleiderständer, oder Influencer ihre Garderobe nach jeder Show.

#MADAMEX

Immer wieder schön waren die Begegnungen mit der Sorte Mensch deren modisches Wissen und Stilsicherheit unbegrenzt groß schien. Auf den ersten Blick zumindest. Interessant wurde es dann, sobald sie mit ihrem Wissen hausieren gehen wollen – hierzu zähle ich mich manchmal – und sich in der Situation etwas nicht zu wissen wiederfanden. Dabei bin ich für meinen Teil immer noch durchaus amüsiert, wie Mann sich in der Geschäftsleitung eines Boutiqueverlages, so sicher über das weiche “Sen-nia“ des italienischen Traditionshauses Zegna sein konnte und plötzlich ein hartes “G” zum Vorschein kam. Dabei ist das G an diesem Punkt—wie auch bei meiner Kündigung—stumm, ganz im Gegensatz zum sagenumwobenen G-Spot. Vielleicht hätte ich hierfür mal die Frauen befragen sollen, als der Drohbrief von der Rechtsanwältin kam aber noch kein Arbeitszeugnis?

Der oder die letzte Leser*in, welche*r an dieser Stelle noch nicht vollends von der Detailverliebtheit der Modebranche zu Tode genervt ist, muss ich nun darüber informieren, dass es sich bei Loewe, nicht um einen deutschen Löwen, sondern um ein nur allzu spanisches It-Label handelt. Dieses wird, in einem recht harschen Tonfall und wild gestikulierend, “Lo-eWe!$” ausgesprochen. Besagte Aussprache spanischer Marken konnte ich mir schließlich, über die Observierung meiner drei zauberhaften Kollegen aus Spanien aneignen und bis zu Vollendung perfektionieren. Dies hat sich so unsagbar in mein Gehirn eingebrannt, dass ich beim bloßen Gedanken automatisch in diesen Habitus verfalle und damit fast die Kaffeetasse von Tisch gestoßen hätte. △

KANN MAN SO, ODER EBEN AUCH ANDERS SEHEN…

Dieser sehr spezielle Artikel ist eine Hommage an meinen ersten Verleger und Namenskollegen, Alexander Geringer und seine Verlagsleitung Angelika Müller sowie an meine bisher spannendsten Mentoren, Emanuel de Bayser und Joseph Voelk und meine Kollegen aus den Jahren 2013 bis 2017. Sie mögen mir mit zeitlichem Abstand vergeben. Oder auch nicht…

IMAGES: JON TYSON, DARIA VOLKOVA

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Alexandre Renaldy
Posted by:Alexandre Renaldy

Editor in Chief, Work: The Corner Berlin, flair magazine, H.O.M.E.; Signature Places, Vestiaire Collective, EVE images, B'SPOQUE magazine etc.