So seltsam es klingen mag, eine der wichtigsten Lektionen die ich als selbstständiger lernen musste, ist es nichts zu tun und sich deshalb nicht schlecht zu fühlen. Es gibt eben Tage, da gewinnen die anderen und andere, an denen man auf seine Prinzipien bestehen sollte. Dies setzt allerdings voraus, gelernt zu haben zu sich zu stehen. Nach sechs Tagen aus der Hölle, ist es der eine Tag, nicht zwangsläufig Sonntag, aber eben Mittwoch, an dem ich eifach nichts lieber machen möchte, als nichts mehr. Und das für die nächsten 24 Stunden.

Trotzdem schreibe ich um in einem gewissen Fluss zu bleiben. Ich könnte mich an dieser stelle wieder über Montagsgeräte aufregen, die einem auch noch unter falschen Angaben verkauft werden, gefolgt von einem Streit ums Geld und meiner Interpretation von Margarete Thatchers berühmten Ausspruch: „I want my money back“. Aber ich lasse es, wie es ist und gebe mir selbst einen Moment des Durchatmens. Denke lieber daran, wie sehr ich mich über die letzten Monate meiner Selbständigkeit verändert habe. Ich streite mich zwar immer noch, aber nur wenn ich der festen Überzeugung bin, dass es noch eine Alternative geben kann. Die letzte Therapiesitzung steht bevor und nach fast fünf Jahren in Total, denke ich, dass es mir trotz aller Widerstände und Verbote von außen, besser geht und ich mich kenne. Auch wenn es „Tage wie diese“ gibt, so denke ich inzwischen an nicht mehr, als den betreffenden Song der Toten Hosen, als daran wie viel in dieser Gesellschaft schief läuft, woran ich nichts ändern kann.

Brittany Colette | via unsplash.com

Nach all der Zeit hab ich gelernt, dass es absolut nichts bringt sich dauernd an den mangelnden Fairness einer Zeit aufzuregen, in der es schließlich immer nur ums Geld geht, wer wen übertrumpft und wer die dickeren Eier hat. Manchmal ist die einzige Alternative das Ganze zu fühlen und sich anschließend nicht weiter daran aufzureiben. Nicht, wie ich das unzählige Male mit so mancher deutschen Institution erlebt habe. Am Ende konnte ich vor lauter Aufregung nicht schlafen und hab die besten Dinge auf meiner Wunschliste für den Tag verpasst. Die Devise ist also, Frieden und ändern was geändert werden kann. Der rest ist eben wie er ist.

Der Wunsch einen ganzen Tag, ohne schlechtes Gewissen nichts zu tun, rührt also auch daher, dass ich ständig versuche irgendetwas zu tun. Immer und überall, um nicht als faul zu gelten oder mir eben dann doch wieder den Vorwurf zu machen, nicht hart genug an meinen Zielen zu arbeiten. Dabei gibt mir gerade nichts mehr inneren Frieden, als genau dieser Gedanke. Der Rest sind Maßstäbe, aber eben nicht meine. One thing done, moving on. Vergleichbar einer neuen leeren Seite in einer viel größeren Geschichte, die sich jeden Tag vor einem auftut und darauf wartet beschrieben zu werden. Vergleichbar auch der Seite hier, die zur Alternative einmal Verständnis ausstrahlen soll und nicht Unverständnis, auch wenn die einzige Technik, die mich bisher nie im Stich gelassen hat, mein Mac ist.

David Cohan | via unsplash.com

Dabei ist das Nichtstun das wahre Privileg unserer Gesellschaft. Bei sich sein, einen vollen Tag lang und niemandem, nicht mal sich selbst, Rechenschaft ablegen müssen. Schließlich schreibe ich doch jetzt auch und hätte Hildegard Knef das nicht so wunderbar zusammengefasst: „Ich möchte am Sonntag mal Montag haben” würde ich glatt selbst heute “Feierabend” sagen und wäre gar nicht erst aufgestanden. Hätte keine Emails vorm ersten Kaffee gelesen, kein Terminstress erlebt und trotzdem jeden einzelnen davon verpasst, nur um mich anschließend über mich über mich selbst zu ärgern. Der Anspruch an sich selbst, um jeden Preis produktiv zu sein, wäre mir heute sowas von egal gewesen. Die Welt dreht sich auch ohne mich weiter im Kreis.

Ist es denn so schwer, die anderen gewinnen zu lassen und sich um nichts betrogen zu fühlen? Die Frage stelle ich nicht, weil ich den einen Kampf verloren und den anderen gewonnen habe, sondern mangels ausreichender Identifizierung mit Thatcher. Dann eher noch mit Kate Bush, „I’m running up that hill with no problem“, ich mach’s einfach und gebe eben schlussendlich wenig auf die Meinung von anderen, wenn mir als Person und wichtiger noch als Mitmensch, kein Respekt entgegengebracht wird. Mehr wünsche ich mir von meiner Umwelt schlichtweg auch nicht. Schon gar nicht, wenn keiner der anderen meine Rechnungen zahlen muss, außer mir. Verständnis meinerseits für das Päckchen anderer wünsche ich mir vielleicht noch, aber dafür bräuchte ich einen Day-Off um wieder freundlicher zu sein. In diesem Sinne: Friede sei mit euch.  ▽

Alexandre Renaldy
Posted by:Alexandre Renaldy

Editor in Chief, Work: The Corner Berlin, flair magazine, H.O.M.E.; Signature Places, Vestiaire Collective, EVE images, B'SPOQUE magazine etc.