Opera Now: Intolleranza 1960

Falls ihr euch fragt, was ich mir in diesem Herbst auf keinen fall entgehen lasse? Tada, ein Stück Operngeschichte mit Potenzial zur Kompromissfindung.

Luigi Nono: Pessimismus des Verstandes, Optimismus des Willens

Die komische Oper verspricht großes politisches Musiktheater und trifft dabei vermutlich den Nagel auf den Kopf! Denn keiner hat die Absicht… Na Sie wissen schon. “Der Glaube des Komponisten Luigi Nono an die Macht der Kunst war groß und ist es wert, nicht zuletzt in Zeiten wie diesen, überprüft zu werden. Eine Ermutigung, die Stimme da zu erheben, womit wir uns nicht abfinden wollen.” Ich jedenfalls bin gespannt, denn aktuell sehe ich genügend Dramen, die in mir die Geschichten und Konflikte meiner Großeltern hervorruft. Geschichte hochaktuell sozusagen.

Ein Gastarbeiter flieht aus dem Moloch einer Bergarbeitersiedlung. Seine verständnislose Frau lässt er zurück und gerät auf der Suche nach dem Heimweg in politische Unruhen, wird schuldlos verhört, gefoltert und in ein Konzentrationslager gesperrt. Er erlebt Brutalität und Willkür, auch Solidarität. Kann fliehen, will kämpfen, gegen die Ungerechtigkeit, findet Halt in der Liebe einer Gefährtin. Schließlich strandet er in einem Dorf, das von den Fluten eines Hochwassers fortgerissen wird. Die letzten Worte des Chors stammen aus dem Gedicht von Bertolt Brecht An die kommenden Generationen: »… ihr, wenn es soweit sein wird, dass der Mensch dem Menschen ein Helfer ist, gedenkt unsrer mit Nachsicht.«

Menschliche Unzulänglichkeiten und die Hoffnung auf Besserung

Musikalisch bedient Nono sich einer frei gehandhabten Serialität, die in ihrer Komplexität gewaltige Farbigkeit und emotionale Durchlässigkeit behält. Gerahmt wird der Komponis durch zwei große kontemplative Chöre und zeigt mit aller Vehemenz die Missstände einer aktuell ebenfalls noch dysfunktionalen Gesellschaft auf. Die finale Flut scheint heute mehr noch als zur ihrer Entstehungszeit, eine erschreckend plausible Konsequenz menschlicher Unzulänglichkeit.

Regisseur Marco Štorman findet seinen Weg jenseits illustrativer Bilder: Die wahren Kämpfe toben im Inneren. Der Bühnenentwurf Márton Ághs wird das gesamte Bühnenhaus einnehmend, jede*n mitten ins Geschehen ziehen und spürbar machen, was kommen mag, wenn die Flut gegangen ist: Stille.


Szenische Handlung in zwei Teilen [1960/61] nach einer Idee von Angelo Maria Ripellino.

Deutsche Übertragung von Alfred Andersch.


Nicht verpassen! Bühnenbildner Márton Ágh lässt zum Auftakt der Saison keinen Stein auf dem anderen und verwandelt das Opernhaus in eine “Eiswüste”. Bühne und Zuschauerraum werden definitiv nicht wieder zu erkennen sein. Karten gibt es ab 12 Euro, also schnell zugreifen!