Maria Eichhorn: Relocating a Structure.

Der Deutsche Pavillon 2022 auf der 59. Internationalen Kunstausstellung – La Biennale di Venezia ist eröffnet. Gezeigt wird die Arbeit von Maria Eichhorn.

In Anwesenheit der Staatsministerin im Auswärtigen Amt Katja Keul wurde der künstlerische Beitrag von Maria Eichhorn vorgestellt. Nachdem die zweijährlich stattfindende internationale Kunstausstellung in Venedig pandemiebedingt 2021 noch einmal verschoben werden musste, konnte die Eröffnung mit einem Jahr Verspätung stattfinden. Zur Eröffnung des Deutschen Pavillons sind Katja Keul, Staatsministerin im Auswärtigen Amt und Ulrich Raulff, Präsident des ifa – Institut für Auslandsbeziehungen, aus Deutschland angereist. 

Katja Keul, Staatsministerin im Auswärtigen Amt, bei der Eröffnung des Deutschen Pavillon auf der Biennale Venedig 2022 © Bernhard Kahrmann/ifa


Katja Keul, Staatsministerin im Auswärtigen Amt, anlässlich der Eröffnung des Deutschen Pavillons in Venedig:

„Die viel beschworene Zeitenwende ist auch für unsere Internationale Kulturpolitik ein tiefer Einschnitt. Es wird noch wichtiger, gefährdete und verfolgte Künstlerinnen und Künstler zu schützen und den Austausch mit denjenigen zu verstärken, die sich Demokratie und Menschenrechten verpflichtet fühlen. Genau dafür und gerade jetzt braucht es Orte wie die Biennale, bei denen Künstlerinnen und Künstler aus der ganzen Welt gemeinsam über die Fragen nachdenken, die uns als globale Gemeinschaft verbinden.“

Ulrich Raulff, Präsident des ifa: „In ihrer ortspezifischen Arbeit setzt sich Maria Eichhorn in vielschichtiger Weise mit Fragen unserer Zeit auseinander. Besitz und Eigentum, das Hereinwirken der Vergangenheit in die Gegenwart, die diese fortwährend prägt und deren Machtverhältnisse die Künstlerin immer wieder auf sehr präzise Weise in ihrem Beitrag relokalisiert – Fragen, die vor dem Hintergrund der aktuellen weltpolitischen Lage nicht aktueller sein könnten.“ 

Der deutsche Beitrag auf der Biennale Arte 2022 unter dem Titel Maria Eichhorn: Relocating a Structure. Deutscher Pavillon 2022, 59. Internationale Kunstausstellung – La Biennale di Venezia wird kuratiert von Yilmaz Dziewior, Direktor des Museum Ludwig in Köln. CR: Jens HAU


 
„Maria Eichhorn hat sich mit der Geschichte und Architektur des Baus auseinandersetzt und auf Venedig geschaut – aus einer anderen, größeren Sicht. Dabei beschäftigt sie auch die Frage, wie faschistische Tendenzen und Gegenpositionen bis heute nachhallen. Die ihr typische, sehr feinsinnige und prägnante Art, mit der Maria Eichhorn diese Fragen thematisiert, hat mich während der gesamten Vorbereitungszeit fasziniert und überzeugt mich nun im Ergebnis umso mehr.“  Yilmaz Dziewior

Der deutsche Beitrag zur 59. Internationalen Kunstausstellung – La Biennale di Venezia entsteht im Auftrag des Auswärtigen Amts der Bundesrepublik Deutschland und wird realisiert in Zusammenarbeit mit dem ifa – Institut für Auslandsbeziehungen. Kurator Yilmaz Dziewior hat die Künstlerin Maria Eichhorn eingeladen. Maria Eichhorn setzt sich in ihrem Projekt “Relocating a Structure” mit der wechselvollen Geschichte des Deutschen Pavillons seit den Anfängen der Biennale und mit der widerständigen Rolle der Kunst bei der Situierung gesellschaftlicher Verhältnisse auseinander.

Das Projekt besteht aus mehreren Bestandteilen, die im Zusammenspiel den künstleri­schen Beitrag für Venedig bilden. Die Künstlerin entwickelte zunächst die Idee, den Deutschen Pavillon für die Laufzeit der Biennale zu translozieren und originalgetreu an gleicher Stelle wieder aufzustellen. Die temporäre Versetzung des Gebäudes impliziert die Abwesenheit des Deutschen Pavillons, den leeren Platz, die Erweiterung des unbebauten Raums der ursprünglich als öffentlicher Park angelegten Giardini sowie des visuellen und räumlichen Umfelds der angrenzenden Pavillons und schafft auf diese Weise Raum für Bewegung, Reflexion und Auseinandersetzung mit den Bedingungen, welchen die Kunst im Kontext der Biennale mit ihren nationalen Pavillons ausgesetzt ist.

Kurator Yilmaz Dziewior bei der Eröffnung des Deutschen Pavillon auf der Biennale Venedig 2022 © Bernhard Kahrmann/ifa

„Der Deutsche Pavillon stellt für Künstler*innen eine Herausforderung dar, auf mehreren und ganz unterschiedlichen Ebenen. Bei jedem Dekonstruktions­versuch wird man darauf zurückgeworfen. Ich betrachte den Deutschen Pavillon nicht isoliert, sondern im Ensemble und Wechselspiel mit anderen Pavillons und Länderbeteiligungen in Bezug auf staatlich­territoriale und geo­politische, globale ökonomische und ökologische Entwicklungen.“

Maria Eichhorn

Die Überlegungen zur Trans-­ und Relozierung des Deutschen Pavillons gingen einher mit einer Analyse der spezifischen Gebäudestruktur des Pavillons, der im Grunde aus zwei Gebäuden besteht: dem 1909 errichteten Bayerischen Pavillon und dem Nazi­-Erweiterungs­bau von 1938 in heutiger Gestalt. Wo befindet sich der ursprüngliche Baukörper, wo setzt der Um­- und Anbau an?

Maria Eichhorn ließ Gebäudefundamente ausgraben und Putzschichten von Wänden abtragen, um die Nahtstellen zwischen den verschiedenen Gebäudeteilen freizulegen. Um eine unmittelbar nachvollziehbare Vorstellung von den fundamentalen Um­- und Erweiterungsbauten zu erlangen, wurden ferner die Umrisse und Fugen von Fensteröffnungen und Wanddurchgängen von 1909 freigelegt. So konnte das verborgene ursprüngliche Gebäude sichtbar und erfahrbar gemacht werden.

Die freigelegten Stellen werden durch erläuternde Wandbeschriftungen in englischer, deutscher und italienischer Sprache ergänzt. Die Wandtexte wurden mittels Schriftschablo-­ nen in feinen Bleistiftumrissen auf die Wand gezeichnet und in weißer Farbe mit dem Pinsel direkt auf die Wand gemalt.

Nicht nur die Übergangslinien zwischen der ursprünglichen Architektur und dem An-­ und Umbau werden erkennbar, sondern auch die unterschiedlichen Raumvolumina. Während der Bayerische Pavillon in seinen Proportionen das menschliche Maß berücksichtigte, wirken die 1938 vorgenommenen Erweiterungen der Seitenräume und des Hauptraums sowie vor allem die Fassade einschüchternd und lassen den Menschen klein erscheinen.

Maria Eichhorn, Relocating a Structure. Deutscher Pavillon 2022, 59. Internationale Kunstausstellung – La Biennale di Venezia, 2022, Detail: Wandbeschriftungen; Durchgang von 1909 zum Hauptraum, 1912 zugemauert, 1928 geöffnet, 1938 zugemauert; Durchgang von 1909 zum vorderen linken Nebenraum, 1938 zugemauert; Wand von 1909 zwischen zwei Nebenräumen, 1938 abgerissen; Durchgang von 1909 zum hinteren linken Nebenraum, 1928 zugemauert; Durchgang von 1909 zum Hauptraum, 1912 zugemauert, Ausstellungsansicht © Maria Eichhorn / VG Bild-Kunst, Bonn 2022, Foto: Jens Ziehe

Weitere Bestandteile des künstlerischen Beitrags für den Deutschen Pavillon sind eine umfangreiche Publikation sowie Stadtführungen zu Orten des Widerstands und der Erinnerung in Venedig, die zweimal wöchentlich während der Laufzeit der Biennale stattfinden. Die Publikation versammelt Essays und Studien zur Biennale von Venedig und zum Deut­schen Pavillon sowie zu weiterführenden kunsthistorischen, philosophischen, stadtsoziolo­gischen und politischen Fragestellungen. Als Sonderdruck erscheint eine Broschüre anläss­lich der Führungen zu Orten, die an den antifaschistischen Widerstand sowie an die Deportation und Ermordung der jüdischen Bevölkerung unter der deutschen Besatzung von 1943 bis 1945 erinnern. Die Künstlerin kooperiert dabei mit dem Istituto veneziano per la storia della Resistenza e della società contemporanea (Iveser).

„Der Titel des künstlerischen Projekts von Maria Eichhorn – Relocating a Structure – kann im übertragenen Sinn gedeutet werden. Denn das ,Verrücken von Strukturen‘ in neue Zusammenhänge stellt nicht nur einen Bezug zur Architektur und zur Geschichte des Pavillons her, sondern verweist auch auf grundlegende Fragen menschlicher Existenz und ethischer Verantwortung.“

Yilmaz Dziewior
Augusto Murer, Denkmal für die Partisanin, 1969, Anlage von Carlo Scarpa, Foto: Jens Ziehe
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Stadtführungen und Broschüre

Als Teil des künstlerischen Beitrags von Maria Eichhorn werden während der Laufzeit der Biennale zweimal wöchentlich Führungen zu Denkmälern und Orten in Venedig angeboten, die an Aktivitäten des antifaschistischen Widerstands sowie an die Deportation der jüdischen Bevölkerung erinnern. Die erste Führung findet am 28. April 2022 statt, anlässlich des 77. Jahrestags der Befreiung Venedigs von der deutschen Besatzung durch die Alliierten am 28. April 1945. Die Stadttouren werden in Zusammenarbeit mit dem Istituto veneziano per la storia della Resistenza e della societá contemporanea (Iveser) durchgeführt und von Giulio Bobbo und Luisella Romeo begleitet.

Eine Tour ist dem Besuch des Jüdischen Ghetto gewidmet. Eine weitere führt vom Bahnhof Santa Lucia über das Gefängnis Santa Maria Maggiore zur Stazione Marittima (dem Übersee-­Hafen). Eine dritte nimmt ihren Ausgangspunkt am Arsenale und führt weiter zur Riva dei Sette Martiri, über Leoncillos Denkmal für die Partisanin Venetiens sowie das Denkmal für die italienischen Militärinternierten und Kriegsgefangenen bis zum Denkmal für die Partisanin von Augusto Murer.

Hier finden Sie die Termine und weitere Informationen zur Buchung der Touren. Die Führungen finden in englischer Sprache statt (oder auf Wunsch der Teilnehmer*in­nengruppe in italienischer Sprache). Die Teilnahme ist kostenlos. Es gelten die aktuellen Corona­-Bestimmungen. Zu den Stadtführungen erscheint eine kostenlose Broschüre: Giulio Bobbo: Orte der Erinnerung und des Widerstands, hrsg. v. Yilmaz Dziewior, Englisch / Deutsch / Italienisch, 30 Seiten.


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