Es sind die drei heißesten Tage in Berlin, als ich mich mit der Wiener  Künstlerin Renée Kellner treffe, die sich im Verlaufe des Gesprächs noch mehrmals über das Label Künstlerin wehren wird. Anlass dieses Gespräch sind ihre Mixed Media Collagen aus ihrer Ausstellung in der Bellini Espresso Lounge, die gekonnt Zeitgeist und diverse andere abstrakte Begriffe einen. Ein erleuchtendes Gespräch über die bunten Seiten des Lebens, Kunst als abstraktes Lebenskonzept und die Schönheit der Seele.


Renée ist viel gereist in ihrem Leben und hat mehr als genug erlebt, um so einiges mehr preis zu geben, aber es ist unser erstes offizielles Treffen zu diesem Interview. Sie ist wie viele Künstler etwas eigen, wenn es um die eigene Person geht und das ist auch gut so, denn das haben wir gemeinsam. Aber auch sonst kann ich sehr viele Parallelen entdecken, an diesem Tag an dem wir über so vieles und manches philosophische sprechen. Sie ist religiös geprägt, aber nicht gläubig auch wenn sie an das „Gute und Schöne“ glaubt. „Es ist spannend, dass nur eine Frau einen Juden zu einem Juden machen kann“, sagt sie und behält damit recht. Persönlich kann sie sich noch em ehesten mit dem Zen-Buddhismus in Verbindung setzen. Es ist wirklich spannend, je älter manche Menschen werden, umso größer wird ihre Strahlkaft, besonders wenn sie so offen und kreativ sind wie Renée. Sie schafft es Brücken zu Menschen zu schlagen und schnell an die Essenz ihres Gegenübers zu kommen ohne groß aufzutragen.

Es ist eben auch nicht nur ihr Konzept von Kunst als abstrakte Lebensführung, es sind auch ihre Überzeugungen und Ideen, die mich aufhören lassen und dieses Gespräch so spannend machen. Sie findet inneren Frieden, wenn sie in ein Cafe setzt und still die Menschenmenge beobachtend auf etwas unerwartetes stößt. Für sie ist es nicht mehr, als aktiv anwesend zu sein, ohne Erwartungen an die Außenwelt. Eine Eigenschaft die Liebe zum Detail vermuten lässt. Jedoch weniger mit dem Detail, als mit der Energie, die dahinter steckt zu tun hat. Vergleichbar der Butterfly-Effekt Theorie, verwoben mit den Prinzipien von Karma und dem höchstphilosophischen Gedanken, dass jede Handlung eine unmittelbare Auswirkung auf unsere Umwelt hat.

Dabei sind die Collagen nicht alles was die Künstlerin auf ihrer scheinbar grenzenlosen Vita hat. Sie fotografiert, malt mit Öl auf Leinwand, schreibt und führt Regie für Bühnenstücke und zu guter Letzt inszeniert sie noch schwarz-weiß Kurzfilme, wie „die Gebote“ in denen sie das Wertesystem der katholischen Kirche hinterfragt, und das in Slow Motion. Warum, frage ich: „weil die Welt bunt und hektisch ist, die Filme sollen den Betrachter entschleunigen und die Wahrnehmung schärfen“ und während wir dabei genüßlich die ein oder andere Vogue Zigarette rauchen, sprechen wir auch über Sexualität. 

Es ist erfrischend für mich zu hören, wie eine ältere Generation sich öffnen kann und eben über genau diese Dinge sprechen kann, die für uns heute teils abstrakt erscheinen oder gar in einen verrohten Kontext gesetzt werden. Ihrer Ansicht nach ist die Debatte über Gender obsolet, da wir unabhängig von Geschlecht und sexueller Identität, in Liebesdingen wie in allem anderen, eben nicht mehr als Seelen in menschlichen Körper sind, die sich nach Zuneigung sehnen. Dabei ist dies einer der fundamentalen Gedanken des Berlins Nachtleben, und Grund für diesen gewissen Kultstatus. Über die Jahre hinweg, ist dieser allerdings einer abgestumpften Drogenkultur gewichen ist, deren Werte fragwürdig sind. 

Berlin selbst empfindet sie als viel zu riesig aber voller Schichten aus verschiedenen Menschen,  Kulturen und Neuem, was sich eben auch immer wieder in der Espresso Lounge abzeichnet. Hier hatte die Wienerin ebenfalls ihre Hand im Spiel. Denn als das Café vor zwei Jahren aus der Bergmannstraße auf den Mehringdamm umzog, hat Renée maßgeblich bei der Gestaltung mitgewirkt und dem liberalen Wohnzimmer so viele Leser, ein zweites Zuhause mit Wiener Caféhaus Charme verpasst. „Ein Ort in dem sehr viel Liebe steckt.“


Ich frage sie, wie sie mit den Schwarzsehern und dieser unterschwelliger Aggression in der Gesellschaft umgehen würde, da sie ebenfalls sensibel auf ihre Umwelt reagiere. Die Antwort fällt kurz und prägnant aus: „Kurzsichtigen kann man den Weg nicht erklären.“ Dieses Zitat klingt definitiv noch etwas in mir nach. „Ich bin eben auch etwas trotzig, wenn es darum geht meinem Bauchgefühl oder einem inspirieren Gedanken zu folgen, aber nie auf Kosten Anderer,“ das sei ihre Devise, wenn es darum geht sich in ihrem Umfeld durchzusetzen. 

„Fehler zuzugeben, nichts zu bereuen und eben auch kein ‚Ups‘ zu missen. Meine Höhen und Tiefen, machen mich zu dem Menschen, mit dem Du gerade sprichst“, sagt sie. Dabei deckt sie die vielen verschiedene Layer ihrer Persönlichkeit auf, ohne zu viel von sich zu verraten. Sie brauche auch immer ein Zimmer, einen Ort an dem sie die Tür schließen kann, um zu arbeiten oder sich selbst sortieren zu können. „Für mich ist es wichtig eine Nische zu finden, in der ich sein kann, was ich bin.“ Etwas, dass sich vermutlich jeder von uns wünscht. △ 

#EXHIBITION

Renée Kellner

Ihre Ausstellung “Realität der Phantasie” ist aktuell in der Belini Espresso Lounge, Mehringdamm 67 zu sehen und läuft noch bis zum 30.09.2019. Ein Besuch inklusive Kaffee lohnt sich auf jeden Fall.

All collages | Renée Kellner aus der aktuellen Ausstellung “Realität der Phantasie”
Alexandre Renaldy
Posted by:Alexandre Renaldy

Editor in Chief, Work: The Corner Berlin, flair magazine, H.O.M.E.; Signature Places, Vestiaire Collective, EVE images, B'SPOQUE magazine etc.