Dornröschen und Ihre böse Fee

Die Berliner Institutionen überzeugen auch in diesem Jahr mit detailreichen, wie ausgefallenen Produktionen. So auch das Staatsballett mit “Dornröschen”.


Eine umhüllte Gestalt in sattem rot-pink schickte den schweren schwarzen Vorhang der Berliner Oper an diesem Dienstag. Auf dem Programm stand, das nicht unbekannte Stück Pjotr Iljitsch Tschaikowski „Dornröschen“. Mit dem besten vorstellbaren Platz, in der vorderen Mitte des Parketts, fühlte ich mich fast selbst wie ein Teil dieser opulenten Produktion und als die „böse“ Fee seitlich in den Fokus schritt, ging es auch schon los mit der etwas über dreistündigen Vorstellung des Klassikers. Wie im Traum verging die Zeit zwischen den hochkomplexen Tanzelementen der zahlreichen und diversen Tänzer*innen in üppigen Kostümen und einem noch barockeren Szenenbild.

DORNROSCHEN I. Salenko Foto: Yan Revazov

Auf die Spitzen!

Die brasilianische Choreografin Marcia Haydee hat dabei alle Register gezogen und auch die böse Fee Carabosse nach traditioneller Manier mit einer männlichen Hauptrolle besetzt. Während die Besucher*innen fast glauben konnten, dass sich das Stück in Wirklichkeit um die Beziehung der Carabosse (Dinu Tamazlacaru) und Prinzessin Aurora (Yolanda Correa) drehte, verstärkte sich dieser Eindruck für mich durch schlichte, wie wirkungsvolle Bühnenelemente und im Zusammenspiel der beiden Tänzer*innen.

Während der Aufbau des Ballett genau der Originalversion des Stückes folgt, wird besonders in den Gruppenszenen die Komplexität Petipa’s und dessen Urchoreografie deutlich. Doch auch Haydee bringt ihren Einfluss in das stück mit ein und verzaubert so die Besucher*innen mit einer durchaus zeitgenössischen Version dieses Ballettepos. Fans der Spitzenkultur des Ballet Russe werden also mit diesem Arrangement der ehemaligen Prima Ballerina Marcia Haydee nicht enttäuscht.

Damals und Heute

Auch der Cast überzeugt vor allem durch ein breites Spektrum diverse Tänzer*innen, auch wenn die BiPoC-Community vielleicht noch etwas unterrepräsentiert ist, was nicht nur mir, sondern auch einigen anderen Zuschauer*innen aufgefallen ist. Alles in allem habe ich sehr viel Freude an diesem wunderschönen Stück Tanzgeschichte gehabt, auch wenn eine kritische Auseinandersetzung mit der Thematik Dornröschens nur über die Struktur des klassischen Balletts möglich war.

So saß, wie es auch 1890 üblich war, das königliche/kaiserliche Paar in der Mitte der Bühne, dem Publikum gegenüber, mit dem feinen Unterschied, dass der Saal mindestens zu Hälfte mit weltoffenen und jungen Menschen und nicht mit der oligarchischen „Aristokratie des russischen Zarenreichs“ gefüllt war. Für mich zumindest ein Zeichen, dass Demokratie auch in einem traditionellen Stück eine große Rolle spielen kann. Vor allem in Zeiten, in dem sich auch die russsische Kultur aufgrund des aktuellen Machtsystems auf dem Prüfstand befindet.

DORNROSCHEN I. Salenko D.Simkin, Foto: Yan Revazov