Dayanita Singh – Dancing with my Camera


Seit den 1980er Jahren verfolgt Dayanita Singh einen bahnbrechenden fotografischen Ansatz, der die Grenzen der Fotografie deutlich erweitert. Denn die Praxis der Künstlerin durchkreuzt verschiedene Medien – von Bildern bis zu Büchern, die sich in Ausstellungen und Museen verwandeln, bevor sie zurückkehren und wieder zu Büchern werden. Für Singh ist die Fotografie das Rohmaterial, also ein Ausgangspunkt und kein Selbstzweck.

„Mein Medium ist die Fotografie. Ich drehe und wende sie, ich ringe mit ihr – bis die Form sich mir offenbart. Darin besteht meine Arbeit als Künstlerin: die Möglichkeiten freizulegen, die die Fotografie in sich trägt.“

Dayanita Singh
Dayanita Singh, Museum of Chance, 2013 © Dayanita Singh

Singh begann ihre Laufbahn als Fotojournalistin nach einer Ausbildung in visueller Kommunikation. Bei ihrem ersten fotografischen Projekt begleitete sie ihren Mentor, den Tabla-Maestro Ustad Zakir Hussain, auf seinen Tourneen. Seitdem macht sie ihre Betrachter*innen zu Mitreisenden auf ihrem Weg durch Archive, zu Buch-Objekten und in ihre eigenen „Museen“. Unterwegs treffen wir immer wieder Freund*innen und Bekannte, die beim Tanzen, Liebkosen, Musizieren oder einfach nur beim Schauen porträtiert werden – häufig über Jahrzehnte hinweg. Dabei fordert uns Singh immer dazu auf, uns mobilere, zugänglichere und wandelbarere Ausstellungen, Bücher und Bilder vorzustellen.

Diese Retrospektive zeigt die zentralen Arbeiten von Dayanita Singh. Sie umfasst vier Jahrzehnte bis zu ihrem jüngsten Großprojekt Let’s See (2021). Intime Begegnungen, Bewegung, Musik, Raum und Archive sind wichtige Motive von Singhs Reisen über Kontinente, Geografien, Menschen, Dinge und Medien.

Mobile Museen

Singhs Werk befreit die Fotografie von der Wand. Zum Beispiel in ihrer Erfindung von Formen, die sie als „Museen“ bezeichnet. Dabei handelt es sich um große Holzstrukturen, die sich öffnen und immer wieder neu anordnen lassen. Sie umfassen jeweils unterschiedliche Bilder, die Singh als „Foto-Architekturen“ beschreibt. Allesamt können sie zusammengeklappt und verpackt werden. Singhs „Buch-Objekte“ sind auch eigenständige Ausstellungen. Sie sind das Ergebnis ihres zielsicheren und dennoch intuitiven Auswahlprozesses.

Dayanita Singh: Dancing with my Camera, 2022, Installationsansicht, Museum of Tanpura (2021) © Gropius Bau, Foto: Luca Girardini

Und manchmal schenkt sie diese Objekte Freund*innen und Bekannten. Es sind Ausstellungen, die jeder besitzen, ausstellen und archivieren kann. Singh befreit so auch das Buch aus dem Regal und somit wird jede Ausstellung beweglich – immer bereit, an jedem Ort auf der Welt gezeigt zu werden. Die Fotografie ist hierbei das Rohmaterial ihrer Arbeit. Dabei zieht sie vollkommene Kreise: Ihre Fotografien werden ein Buch, das eine Ausstellung wird, die ein Katalog wird.

Museum of Chance (2013) stellt einen Wendepunkt in Singhs künstlerischem Schaffen dar. Singh erfand damit eine Form, die sie als ihr „Museum“ bezeichnet. Museum of Chance ist bewegliches Museum, Foto-Architektur und faltbare Ausstellung zugleich. Es ist das „Muttermuseum“ all derjenigen Arbeiten, die in den nächsten Räumen zu sehen sind. Das Museum of Chance zeigt auf 163 Bildern, die im Lauf von drei Jahrzehnten entstanden sind, Körper, die einander umschlingen, tanzen und sich bewegen. Es sind Kleidungsstücke, die auf Gestellen oder Geländern hängen, zu sehen, und persönliche Zyklen von Wiedergeburt, Aufbewahrung, Erinnerung und Gedächtnis.

Dayanita Singh: Dancing with my Camera, 2022, Installationsansicht, Museum of Chance (2013) © Gropius Bau, Foto: Luca Girardini

Jede Struktur besteht aus handgefertigten Teakholz-Paneelen und ist beweglich. Sie verfügen über Flügel, die sich öffnen und schließen lassen. Singhs Museen sind gleichzeitig Archiv, Speichervorrichtung und Präsentationsstruktur für ihre Fotografien, vergrößerte Kontaktbögen und bewegliche Architekturen im Raum.

Zakir Hussain

Dayanita Singh kommt immer wieder auf bestimmte Menschen, individuelle Projekte und Interessen zurück. Eine wichtige frühe Verbindung ist die zu ihrem Mentor, dem Tabla-Maestro Ustad Zakir Hussain. Singh lernte Hussain 1981 kennen, als sie am National Institute of Design in Ahmedabad studierte. Während der nächsten sechs Winter dokumentierte Singh Hussain zusammen mit mehreren klassischen Musiker*innen bei ihren jährlichen Tourneen durch verschiedene kleinere und größere Städte Indiens, zum Beispiel Allahabad (Prayagraj), Pune, Dharwad, Bombay (Mumbai), Kalkutta (Kolkatta) und Madras (Chennai).

Durch Hussain lernte Singh, was es heißt, Künstler*in zu sein. Sie beobachte aus nächster Nähe die riyaaz (strenge Praxis) des Musikers und seine dhyaan (Konzentration) auf sein Medium. Das Ergebnis war ihr erstes Buch: Zakir Hussain: A Photo Essay (1986). Es wurde von Himalayan Books in New Delhi veröffentlicht. Die Porträts zeigen Hussain mit seiner Familie, auch mit seinem Vater, Ustad Alla Rakha, einem legendären Musiker und seinem Guru. Sie halten die Energie der Aufführungen und Reisen fest und deuten bereits auf Singhs anhaltendes Interesse an Bewegung, menschlichen Beziehungen und dem Körper hin.

Wandernde Bildwelten

Für Singh ist das veröffentlichte Buch keine Ergänzung der Ausstellung, sondern eine eigenständige Ausstellung. 2019 druckte der Steidl Verlag eine Reproduktion (ein „Faksimile“) von Singhs handgefertigter Maquette. Dabei wurden auch alle zufälligen Markierungen und Bleistiftnotizen mitreproduziert. Zakir Hussain Maquette (2019) umfasst das Faksimile, den Zakir Hussain Reader und ein faltbares Zakir Hussain-Poster. Dies ist die einzige Form, in der das Werk existiert, es gibt also keine Drucke.

Dayanita Singh: Dancing with my Camera, Installationsansicht, Sent a Letter (2008) © Gropius Bau, Foto: Luca Girardini

Die Arbeiten zeigen Singhs Fähigkeit, neue Formen zu erfinden und ihr beständiges Interesse an Mentor*innenschaft und Freund*innenschaft. Sie zeigen auch ihren Wunsch, besondere Augenblicke mit einem Publikum zu teilen, das üblicherweise kaum in das vertrauliche Geschehen hinter den Kulissen eingeweiht wird.

Singhs Auswahlprozess erfolgt während der Durchsicht von Kontaktbögen mit vielen Bildern. Er verläuft ebenso sorgfältig wie intuitiv. Sie bezeichnet ihre Kontaktbögen als das Herz ihres Archivs, ihr vier Jahrzehnte umfassendes Tagebuch. Auch wenn Singh mittlerweile digital fotografiert, benutzt sie nach wie vor analoge Kontaktbögen, um ihre Arbeit zu sichten und auszuwählen. Dann stellt sie kleine Abzüge her und schneidet diese von Hand aus. Den Computer setzt sie nur dann ein, wenn es erforderlich ist. Es handelt sich also um einen sehr tastenden Prozess. Er führt Singhs anhaltendes Interesse an der Verbindung zwischen menschlicher Berührung und Zyklen von Musik, Rhythmus und Bewegung fort.

Mehr zu der Ausstellung von Dayanita Singh “Dancing with my Camera” findest du hier.
Dayanita Singh: Dancing with my Camera, 2022, Installationsansicht, Zakir Hussain Maquette (2019) © Gropius Bau, Foto: Luca Girardini
Gefördert durch den Martin-Gropius-Bau und die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien.